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Kommentar : Countdown für Air Berlin

  • -Aktualisiert am

Milliarden Verluste bei Air Berlin: Wer kann die angeschlagene Fluggesellschaft noch retten? Bild: dpa

Kann der Totalabsturz der Fluglinie Air Berlin noch verhindert werden? Eine Hoffnung gibt es.

          3 Min.

          Kommt die nächste Finanzspritze für Air Berlin, oder kommt sie nicht? Die Antwort hat der arabische Großaktionär in diesen Tagen endgültig geklärt: Nach einem wirtschaftlich desaströsen Engagement über sechs Jahre gibt es für den verlustreichen Lufthansa-Rivalen aus Abu Dhabi keine weiteren Hilfen mehr. Die Führung von Air Berlin sucht daher für das insolvente Unternehmen mit Hochdruck eine Lösung, an der sich aus Gründen der wettbewerbsrechtlichen Fairness vorzugsweise mehrere Retter aus der Luftfahrt beteiligen.

          Der Air-Berlin-Vorstandsvorsitzende Thomas Winkelmann hat die Zahl der Retter im Gespräch mit dieser Zeitung zunächst auf drei begrenzt. Dabei zählt Winkelmanns langjähriger Arbeitgeber, die Deutsche Lufthansa, ohne Zweifel zu den Favoriten. Der deutsche Platzhirsch hatte erst vor Monaten 38 geleaste Flugzeuge – samt Personal – von Air Berlin in den Bestand übernommen, um mit der Tochtergesellschaft Eurowings zu wachsen. Da der notleidende Konkurrent jetzt durch die Eröffnung der Insolvenz von seinen Schulden in Milliardenhöhe de facto befreit ist, dürften sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr sowie andere Interessenten mit dem Kauf von weiteren Geschäftseinheiten leichter als bisher tun.

          Dass die Lufthanseaten in Fragen der Verwertung des Flugbetriebs von Air Berlin im Vorteil sind, wird von außen zu Recht skeptisch betrachtet. Weil auf ausgewählten Flugstrecken oder bei der Vergabe von Start- und Landerechten (Slots) der Wettbewerb leidet, sind daher wohl strenge Auflagen der Kartellwächter zu erwarten. Den Interessen der Verbraucher dient es auch, wenn im Sinne von Angebotsvielfalt neben dem deutschen Marktführer weitere Mitbieter in die Verwertung von Air Berlin miteinbezogen werden. Zur engeren Wahl gehören die britische Billigfluggesellschaft Easyjet sowie die europäischen Reisekonzerne TUI und Thomas Cook. Diese Kandidaten sind alle börsennotiert und daher den strengen Renditevorgaben ihrer Investoren verpflichtet.

          Easyjet und Lufthansa an Käufen interessiert

          Easyjet scheint vor allem am Kauf der Air-Berlin-Slots in Berlin und Düsseldorf interessiert zu sein. Doch im Gegensatz zur britischen Heimat sind die heißbegehrten Start- und Landerechte in Deutschland strikt an das dazu gehörende Fluggeschäft gekoppelt. Daher kann der Preisbrecher aus Luton die Slots nur über den Kauf von Geschäftseinheiten erhalten. Im Vergleich dazu dürften die Reisekonzerne TUI und Thomas Cook Zukäufe bei Air Berlin ventilieren, um endlich dauerhaft profitable Lösungen für ihre Ferienflugsparten TUI Fly beziehungsweise Condor zu entwickeln.

          Alle Parteien halten sich in dieser sensiblen Phase zu Details bedeckt. Die Führung von Air Berlin ist jedenfalls zuversichtlich, handfeste Verträge mit den Interessenten im September zu präsentieren. Je nachdem, wer demnächst – neben Lufthansa und Easyjet – im neuen Rettungskonzept zum Zuge kommt, dürfte das fliegende Personal von Air Berlin fast durchweg auf neue Arbeitgeber hoffen. Kritischer sieht es dagegen für die Mitarbeiter in der Verwaltung aus, deren Arbeitsplätze von Wegfall bedroht sind.

          Ungewisse Zukunft für die 8000 Mitarbeiter

          Damit sind die Chancen groß, dass der Flugbetrieb von Air Berlin in die Hände von wirtschaftlich soliden Eigentümern übergeht und dem Gros der fast 8000 Mitarbeiter Entlassungen erspart bleiben. Das zwar schon lange absehbare, aber abrupt vollzogene Aus des Lufthansa-Rivalen dürfte die Auslese in der europäischen Luftfahrt beschleunigen. Denn das Verhalten des Großaktionärs aus Abu Dhabi zeigt, dass selbst die Geduld eines großzügigen Investors begrenzt ist, wenn das Geschäftsmodell auf Dauer nicht tragfähig ist. Dem deutschen Beispiel dürften daher weitere in der Nachbarschaft folgen: In Europa werden 150 Fluggesellschaften gezählt. Deren Zahl dürfte binnen weniger Jahre auf 100 schrumpfen, sagen Fachleute. Ob für SAS in Skandinavien, die polnische LOT oder TAP in Portugal – selbst für die Ikonen des nationalen Luftverkehrs ist die unternehmerische Zukunft oder das Überleben als eigenständige Marke ungewisser denn je. Das bekommt Etihad besonders zu spüren. Die hinter Emirates zweitgrößte Fluggesellschaft aus der Golfregion war einst mit dem Ziel gestartet, ihr globales Streckennetz vor allem in Europa gezielt zu erweitern. Seitdem war sie bei Air Berlin und Alitalia engagiert und bis vor kurzem auch bei Darwin Air in der Schweiz beteiligt.

          Ebenso wie die Beteiligung an der verlustreichen Air Berlin entpuppte sich auch das defizitäre Pendant in Italien als Fass ohne Boden. Nach dem Rückzug aus Berlin dürfte bald der Ausstieg bei Alitalia folgen. Die gescheiterte Expansion in Europa schlägt nach internen Schätzungen mit insgesamt rund 7 Milliarden Euro negativ zu Buche. Danach stellt sich für die staatlichen Eigentümer die Frage, ob ihre Gesellschaft mit eigener Kraft überleben kann. Im Zweifelsfall stände mit Emirates ein idealer Retter aus der Nachbarschaft bereit.

          Der Wegfall solcher Angstgegner spielt der Lufthansa in die Hände. Der Platzhirsch ist mit seiner Billigflug-Plattform Eurowings gut gerüstet, um treibende Kraft in der Auslese im europäischen Luftverkehr zu werden.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

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