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Insolvente Fluggesellschaft : Das Ende von Air Berlin wird zur Zitterpartie

Protest: Tausende Air-Berlin-Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft Bild: dpa

Tausenden Air-Berlin-Mitarbeitern droht die Kündigung. Die Schaffung einer Transfergesellschaft könnte das verhindern, doch es fehlt an finanziellen Mitteln. Der frühere Vorstandschef Hunold wehrt sich unterdessen gegen Untreuevorwürfe.

          Die Enttäuschung der Air-Berlin-Mitarbeiter findet viele Ausdrücke. Eine kleine Gruppe hat sich für den musikalischen Weg entschieden. Auf dem Video-Portal Youtube findet sich unter dem Schlagwort „#WeAreAirBerlin“ (Wir sind Air Berlin) eine gesungene Botschaft an den Vorstandsvorsitzenden Thomas Winkelmann. „Wie schlafen Sie, wenn der Rest von uns weint?“, fragt ein Duett zur Melodie des Lieds „Dear, Mr. President“. Im Original hatte die Sängerin Pink 2006 den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush kritisiert. In der Air-Berlin-Version geht es nun auch um die harte Arbeit des Bordpersonals, als es darum ging, nach den vielen Verspätungen und Ausfälle im Frühjahr Vertrauen zurückzugewinnen. Der Film ist ein emotionales Abbild der Stimmung im Unternehmen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zum Beginn der letzten Woche des Air-Berlin-Betriebs unter eigenen Flugnummern hat der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus im Insolvenzverfahren eine Warnung vor tausenden Kündigungen plaziert. „Ich rechne damit, dass wir Ende Oktober/Anfang November in allen Bereichen Kündigungen ausstellen, sofern wir keine Transfergesellschaft gründen können“, sagte Kebekus der „Rheinischen Post“. Bis zu 4000 Mitarbeiter könnten vorübergehend in solch eine Transfergesellschaft wechseln, um sie von dort auf neue Arbeitsplätze zu vermitteln. Der insolventen Gesellschaft fehlt aber das Geld für diese Auffanglösung. Am Montag kommen Vertreter aus Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen, den Ländern mit großen Air-Berlin-Standorten, und des Bundes zusammen, um über die Finanzierung zu beraten. Air Berlin selbst will 10 Millionen Euro beisteuern. Berlin und Nordrhein-Westfalen haben auch Bereitschaft signalisiert. Benötigt werden Schätzungen zufolge mindestens 50 Millionen Euro. Das Air-Berlin-Management hat daher an den Bund appelliert, sich ebenfalls zu beteiligen.

          Das Ende einer Ära

          Mit dem Flug AB6210, der am nächsten Freitag laut Plan um 21.35 Uhr von München nach Berlin-Tegel abheben wird, endet die Ära der Flüge, deren Nummern mit „AB“ für Air Berlin beginnen. Der Flug schließt dann auch eine Woche der Entscheidungen ab. Denn gesichert ist bis jetzt nur die Beschäftigung der knapp 1700 Mitarbeiter, die für die nicht insolventen Air-Berlin-Tochtergesellschaften Niki und LGW tätig sind. Beide Gesellschaften mit niedrigeren Personalkosten will die Deutsche Lufthansa für ihre Marke Eurowings direkt übernehmen. Für weitere 1300 Beschäftigte schafft Eurowings neue Stellen, auf die sich auch nicht von Air Berlin kommende Interessenten bewerben können. Vor allem Langstreckenpiloten, die durch die Übernahme von LTU zu Air Berlin gekommen sind, drohen dort Gehaltseinbußen, die in Einzelfällen bis zu 40 Prozent betragen sollen.

          Wie viele Beschäftigte in eine Transfergesellschaft wechseln könnten, hängt auch noch vom Ausgang laufender Gespräche ab. Mit dem britischen Billigflieger Easyjet wird über die Übernahme eines kleineren Geschäftsteils mit etwa 25 Flugzeugen verhandelt. Die für den vergangenen Freitag erwartete Übereinkunft blieb bislang aus. Kebekus hofft auf einen Abschluss bis zur Sitzung des Air-Berlin-Gläubigerausschusses am Dienstag, prüft aber auch Alternativen mit anderen Bietern wie der Gesellschaft Condor aus dem Thomas-Cook-Konzern. Am Dienstag könnte sich auch die Zukunft der Flugzeugwartung der Air Berlin Technik und des Frachtgeschäfts entscheiden. Hier gilt der Berliner Logistiker Zeitfracht als wichtigster Interessent. Eine Übernahme dürfte davon abhängen, ob die Bieter für den Air-Berlin-Flugbetrieb Wartungsaufträge für die Technik-Sparte zusagen.

          Hunold bestreitet Vorwürfe

          Mit einem Wechsel in eine Transfergesellschaft müssten Beschäftigte auf Kündigungsschutzklagen verzichten. Kebekus stuft deren Erfolgschancen ohnehin als gering ein. Zahlreiche Piloten erwägen, eine Weiterbeschäftigung bei Käufern von Teilen des Air-Berlin-Geschäfts wie der Lufthansa erzwingen zu wollen. Sie argumentieren, dass aus ihrer Sicht nicht nur Teile von Air Berlin veräußert würden, sondern der Betrieb insgesamt übergehe.

          Die „Bild am Sonntag“ berichtete indes über Vorwürfe gegen den früheren Vorstandschef Joachim Hunold. Er soll demnach unter anderem Reisen über die Gesellschaft abgerechnet haben. Hunolds Anwalt Christian Schertz wies dies zurück: „Die Unterstellungen entbehren jeglicher Grundlage.“ Es habe „nie irgendwie geartete Beanstandungen, geschweige denn ein Ermittlungsverfahren gegeben.“ Die Zeitung hatte über eine Prüfung unter dem damaligen Vorstandschef Hartmut Mehdorn berichtet. Da sich die Vorwürfe auf die Zeit bis 2011 beziehen, dürften sie ohnehin verjährt sein. Unklar blieb, ob oder wie der Air-Berlin-Verwaltungsrat das Thema nach Mehdorns Abschied Anfang 2013 weiter verfolgte.

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