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Air Berlin : Emotionaler Abschied mit Flug AB 6210

Ein Air-Berlin-Flugzeug wird auf die Startbahn in Düsseldorf gerollt. Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der letzte Air-Berlin-Flug startet. Besonders für die Beschäftigten ist die Zukunft ungewiss. Die haben deswegen eine ganz eigene Botschaft – auf Video gedreht.

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          Der Abschied soll emotional werden – und würdevoll. Wenn am heutigen Freitagabend der letzte Air-Berlin-Linienflug landet, wollen Piloten und Flugbegleiter parat stehen. Sie planen eine gemeinsame Fahrt zum Flughafen Tegel, wo um 22.45 Uhr Flug AB 6210 aus München kommend landen soll. Schon zum Start soll der Airbus-Jet mit Fontänen der Flughafenfeuerwehr verabschiedet werden. Doch richtige Feierlaune wird wohl nicht aufkommen. Mit dem letzten Flug endet ein trauriges Stück deutscher Luftfahrtgeschichte.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Ende markiere einen „tiefen Einschnitt im Berliner Luftverkehr“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Für viele Bürger stehe der Ferienflieger für „unvergessliche Urlaubstage“. 26 Jahre hielt sich die Gesellschaft, die der Luftfahrtmanager Joachim Hunold 1991 zwei Amerikanern abkaufte, als Lufthansa-Konkurrent in der Luft. Sie luchste dem Marktführer in für beide Seiten schmerzhaften Preiskämpfen Passagiere ab. Doch mit dem Geldverdienen tat sich Air Berlin über Jahre mehr als schwer – erst recht nach dem Einstieg des arabischen Großaktionärs Etihad. Hunold war mit Urlauberstrecken von kleineren Flughäfen mit niedrigen Gebühren gewachsen, Paderborn gehörte zum Netz, Nürnberg war gar ein Ferienflug-Drehkreuz. Die Verluste wuchsen, je mehr Air Berlin zum Linienflugrivalen der Lufthansa wurde. Etihad hatte am Urlaubergeschäft wenig Interesse und neue Langstreckenflüge erwiesen sich als teures Zuschussgeschäft. In den zwölf Monaten bis Ende Juni standen 944 Millionen Euro Verlust zu Buche.

          Fluggesellschaft mit eigenem Ensemble

          Mit der Betriebseinstellung verschwindet eine Gesellschaft, deren Leben anekdotenreicher kaum sein konnte. So soll der ehemalige CDU-Politiker Friedrich Merz gesagt haben: „Wenn bei der Lufthansa so gefeiert würde wie bei Air Berlin, würde die Lufthansa danach mehrere Tage lang den Betrieb einstellen.“ Feiern gehörte einst zu Air Berlin wie die Vorliebe des Rheinländers Hunold für Averna, einem sizilianischen Bitterlikör, der aus dem Hause Campari kommt.

          Aus den Hochzeiten einer rheinischen Frohnatur stammt auch das Firmenlied für Air Berlin mit dem Refrain „Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin“. In der musikalischen Geschichte der Gesellschaft folgten dann gesetztere Töne von Giorgia, Stefania und Mara. Die drei Italienerinnen bildeten das vom Gründer liebgewonnene Trio „Appassionante“. Air Berlin wurde so zu einer Fluggesellschaft mit eigenem Ensemble. Hunold führte das Unternehmen in ein Joint Venture mit einer Künstleragentur, die das Trio vermarktete. Dessen Pop-Klassik-Titel „Wings“ lief über Jahre an Bord als Begrüßungsmelodie. „Ich glaube, ich kann fliegen. Ich glaube, ich kann den Himmel berühren“, sangen die Damen auf Englisch.

          Plätze werden knapp und Tickets teurer

          Reisenden dürfte die Lücke, die das Aus für Air Berlin reißt, nicht entgehen. Schon für das Wochenende werden Unanehmlichkeiten im deutschen Flugverkehr erwartet. Es werde in den kommenden Monaten deutlich „ruckeln“, warnte schon der Lufthansas Vorstandschef Carsten Spohr. Obwohl der Konzern einen Großteil der Air-Berlin-Flotte übernehmen will, stehen mehr als 80 der 140 Air-Berlin-Jets ab Samstag still. Das kann nicht mal Lufthansa ausgleichen, die Jets fremder Gesellschaften anmietet und sogar Jumbo-Jets auf Kurzstrecken nach Berlin einsetzt. Die Übernahme darf nicht vollzogen werden, solange die EU-Kommission noch prüft. In dieser Zeit werden Plätze knapp und Tickets teurer.

          Air-Berlin-Aktionären bleiben derweil die Anteilsscheine, die nur noch Souvenirwert haben. Mancher Käufer dürfte sich an Fernsehmoderator Johannes B. Kerner erinnern, der 2006 für den „Börsen-Flug“ trommelte und danach bei Air Berlin angeblich Prominentenstatus genoss. Ärger hatte das Engagement schon damals eingebracht. Air Berlin musste den Börsengang um eine Woche verschieben und die Preisspanne senken. Schon damals gab es Zweifel, ob die Gesellschaft stark genug für ein Mitmischen im heraufziehenden Preiskampf war. Die Erstnotiz lag bei 12,65 Euro, zwischenzeitlich stieg der Kurs über 20 Euro, mittlerweile notieren die Papiere wenige Cent über null.

          Zukunft für Beschäftigte weiter ungewiss

          Einen Rekordeintrag für seine Strecken hat Air Berlin knapp verfehlt. Mit dem Sprung in die Slowakei wollte 2014 – in schon angespannten Zeiten – der damalige Chef Wolfgang Prock-Schauer neue Kunden gewinnen. Teil der Neuerung wäre die damals kürzeste Linienflug gewesen, von Wien nach Bratislava – 47 Kilometer Luftlinie. Nachfolger Stefan Pichler beerdigte den Plan vor dem Erstflug.

          Mit Flug AB 6210 endet der Flugbetrieb. Mehrere tausend Kündigungen werden folgen. 300 Mitarbeiter der Air-Berlin-Technik können indes aufatmen, eine Bietergemeinschaft der Wartungsgesellschaft Nayak und des Berliner Logistikers Zeitfracht will sie mit der Techniksparte übernehmen. Für weitere 550 Technik-Beschäftigte bleibt nur der Wechsel in eine Transfergesellschaft. Offen ist noch, ob neben Lufthansa auch Condor und Easyjet bei Air Berlin zum Zuge kommen. Mit beiden laufen die Gespräche auf Hochtouren, hieß es am Donnerstag. Nächste Woche wird das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg das Insolvenzverfahren eröffnen.

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