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Agrarpaket : Bauern in Aufruhr

Seit Wochen protestieren Bauern gegen das Agrarpaket von Julia Klöckner – so auch Ende Oktober in Hamburg. Bild: dpa

Das Agrarpaket sei der Anfang vom Untergang der Landwirtschaft in Deutschland, sagt Christian Deyerling vom größten deutschen Gemüsevermarkter. Das Verbot von Herbiziden und Insektiziden werde ihn stark beeinträchtigen.

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          Dreihundert Fuhrwerke waren angekündigt – 900 sind gekommen. Der Tross aus Traktoren, Unimogs vereinzelt sogar Mähdreschern hat sich am vergangenen Wochenende von Neustadt an der Weinstraße aus hoch auf das Haardtgebirge zum Hambacher Schloss geschlängelt. Sehr diszipliniert, wie die Polizei berichtet, aber doch laut und wütend. Vom größten Hupkonzert aller Zeiten in der Stadt berichtet die beeindruckte Lokalpresse.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Es ist auch ansonsten nicht zu überhören: Die Bauern sind sauer. Nicht nur in der Pfalz. Am 16. November haben sie abermals in Berlin demonstriert. In Rheinhessen haben Landwirte und Winzer am Dienstag Mahnfeuer entfacht, um gegen das Aktionsprogramm Insektenschutz der Bundesregierung zu demonstrieren. Die Bauern fühlen sich missverstanden, einzig verantwortlich gemacht für ein Problem, das doch alle betrifft.

          Das geplante Verbot von Herbiziden und biodiversitätsschädigenden Insektiziden würde nach Ansicht des Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz das Aus für viele Kulturen in den betroffenen Regionen bedeuten. Korridore entlang von Gewässern in denen grundsätzlich kein Pflanzenschutz mehr möglich ist seien nicht nur fachlich falsch, sondern griffen „massiv in die Eigentumsrechte der Landbesitzer ein und kommen einem Berufsverbot gleich.“

          Der Zug hinauf zum symbolträchtigen Hambacher Schloss – an dem Tag, an dem die CDU ihren Landesparteitag in der Stadt abhielt – zeigt, dass es den Bauern mittlerweile um mehr geht als das Aufbegehren gegen ein Agrarpaket. Wie weiland beim Hambacher Fest 1832, als tausende Bürger und eben auch Bauern für Freiheit, Einheit und Souveränität demonstrierten, sehen sie sich als Kämpfer gegen einen falschen Zeitgeist. „Es geht“, sagt Christian Deyerling, „um die Demokratie“.

          Deyerling ist Gemüsebauer. In der Vorderpfalz kultiviert er Sellerie, Porree, Salat, Kartoffeln, Zucchini und Spargel. Ein Mischbetrieb, von seinen Eltern übernommen. „Mittelgroß“, sagt er, abhängig von der zugepachteten Fläche bewirtschafte er bis zu 100 Hektar im Jahr. In der Saison beschäftige die Familie um die 35 Leute. Gerade läuft die Sellerieernte, die Folien für den Spargel würden auch schon verlegt, dazu Kartoffeln in die Vorkeimkisten gepackt.

          Der 51 Jahre alte Pfälzer ist nicht nur Bauer, sondern Aufsichtsratschef der „Pfalzmarkt Obst und Gemüse Genossenschaft“. Mit 250.000 Tonnen Obst und Gemüse im Jahr ist der „Pfalzmarkt“ der größte Gemüse- und Obstvermarkter in Deutschland. Fast 200 Betriebe aus dem größten zusammenhängenden Gemüseanbaugebiet verkaufen über die Erzeugergemeinschaft ihre Produkte.

          So vorteilhaft es die Natur bislang mit den Pfälzer Bauern meinte, so negativ könnte die Region nach Ansicht von Deyerling vom Agrarpaket getroffen sein. „Die ganze Pfalz wäre ein riesiges rotes Gebiet“. Rot würde bedeuten: hier muss pauschal der Düngereinsatz um 20 Prozent reduziert werden, weil der Nitratgehalt im Boden zu hoch ist. 20 Prozent weniger Düngung würde nach Deyerlings Worten im Gemüseanbau aber mehr als 20 Prozent weniger Ertrag bedeuten.

          Schließlich setze man die Pflanzen auf Diät und das zeige sich in deren Wachstum. Der Handel fordere aber ein Mindestgewicht und akzeptiere keinen blassen Salat. Gelbe Blätter bedeuteten deshalb eben nicht 20 Prozent Ausfall, sondern „Nullertrag“. Die Unterversorgung schwäche zudem die Pflanzen, sie würden anfälliger für Schädlinge und Krankheiten, müssten deshalb im Zweifel noch mehr gespritzt werden.

          Grüne Welle in der Politik

          Der Aufruhr unter den Bauern, die sich zur Zeit in vielen Protestaktionen entlädt, ist mehr als ein berufsständischer Reflex auf Verbote und Vorschriften. Die grüne Welle in der Politik, die längst auch konservative Vertreter erfasst hat, sägt am Selbstverständnis eines Berufsstandes der sich nichts weniger auf die Fahnen geschrieben hat, als die Bevölkerung zu ernähren. Versorgungssicherheit und niedrige Preise werden aus Sicht der Bauern als selbstverständlich hingenommen. „Bald schaffen wir in Deutschland nicht nur die Autos ab, sondern unsere eigene Versorgung“, sagt Deyerling.

          Jetzt sei ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergehe. „Die Bevölkerung muss umdenken: Wenn wir in Deutschland landwirtschaftliche Güter produzieren, dann müssen wir bestimmte Dinge in Kauf nehmen. Oder wie verlagern die Produktion ins Ausland. Dort gibt es aber keinen Mindestlohn, schlechte Kontrollen und die Lebensmittel müssen auch noch per Lastwagen nach Deutschland gebracht werden.“ Für Deyerling wäre das Agrarpaket „der Anfang vom Untergang der Landwirtschaft in Deutschland.“

          Die Bauern hadern. Ausgerechnet eine von ihnen, Julia Klöckner (CDU), konservative Landwirtschaftsministerin und selbst Winzertochter, hat das Agrarpaket geschnürt. Und das vor allem auf Druck der Öffentlichkeit, ohne ausreichend wissenschaftliches Fundament – so sehen es jedenfalls viele Landwirte. Wieso sei ausschließlich die Landwirtschaft Schuld am hohen Nitratgehalt, fragt Deyerling.

          Welche Rolle spiele der Humus der Blätter im nahegelegenen Pfälzer Wald? Wie viel Nitrat sickere durch alte Rohre in den Kommunen den Boden, wie viel durch Kläranlagen? All das werde nur unzureichend untersucht. Wer frage beim Insektensterben nach der Rolle von Windrädern und den ständig neu ausgewiesenen Baugebieten. Und was sei die Alternative? Wenn Glyphosat verboten wird, werde das Unkraut wieder umgepflügt. Diese Pflanzen verschwänden so oder so, zudem würde durch den Einsatz von Maschinen mehr CO2 in die Luft geblasen. Der bäuerlichen Landwirtschaft und der Regionalität werde zwar ständig das Wort geredet, beim Einkauf zähle aber dann nur der Preis.

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