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Kassel-Hannover : Ärger über die Bahn wegen Streckensperrung

Bauzug und ICE im Bahnhof Hannover Messe: Die Bahn will die Strecke komplett sperren für eine Sanierung. Bild: dpa

Der Konzern, der besser und pünktlicher werden will, nervt seine Kunden jetzt erst einmal mit umfangreichen Bauarbeiten.

          3 Min.

          Mit Macht versucht Bahnchef Rüdiger Grube zur Zeit, das schlechte Image der Deutschen Bahn aufzupolieren. Und nun dies: Die kurzfristig angekündigte Sperrung der Schnellstrecke zwischen Kassel und Hannover sorgt für Ärger allenthalben. Am Freitag äußerten sich Vertreter aus Politik und Wirtschaft sehr enttäuscht über den vom 23. April bis zum 8. Mai angepeilten gravierenden Einschnitt in den deutschen Zugverkehr. Vor allem die Hannover Messe, die genau in diesen Zeitraum fällt und die der amerikanische Präsident Barack Obama besucht, könnte unter dem Bauvorhaben leiden. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) machte in einem Gespräch mit dem Bahnvorstand seinem Unmut Luft. Der Ressortchef wollte im Laufe des Tages mit Grube telefonieren, um auf eine Verschiebung der Baumaßnahmen zu drängen.

          Thiemo Heeg
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Den Planungen des Schienenkonzerns zufolge wird die Schnellfahrstrecke zwei Wochen lang komplett für den Verkehr gesperrt. Auf mehreren Abschnitten mit einer Gesamtlänge von mehr als 30 Kilometern muss der Schotter erneuert werden, insgesamt rund 130 000 Tonnen. Aufgrund der hohen Beanspruchung der Strecke sei die Schottererneuerung erforderlich, um möglichen Einschränkungen der Geschwindigkeit vorzubeugen, erläuterte die Bahn. Das Unternehmen versprach, die Auswirkungen für die Kunden so gering wie möglich halten. Im Fernverkehr werden während der Sperrung demnach gut 90 Prozent der planmäßigen Kapazitäten angeboten. Auch der Messehalt in Hannover-Laatzen werde weiter bedient, hieß es.

          Trotzdem bleiben Einschränkungen für Bahnfahrer nicht aus. Fahrzeiten verlängern sich um bis zu 60 Minuten. Einige Bahnhöfe werden nicht angefahren, Züge werden umgeleitet oder fallen gleich ganz aus. Auch der Nahverkehr sei nicht ausgenommen, erläuterte die Deutsche Bahn. Im Fernverkehr betrifft die Sperrung insgesamt fünf Linien, darunter die ICE-Verbindungen Berlin-Frankfurt-München, Berlin-Frankfurt-Schweiz, Hamburg-Frankfurt-Schweiz/Stuttgart, Hamburg/Bremen-Würzburg-München sowie die Intercity-Linie Hamburg-Kassel-Gießen-Frankfurt-Karlsruhe. Insgesamt leitet die Bahn vom 23. April an 160 Züge je Tag um.

          Mit Kulanzregelungen versucht das Unternehmen, seine Kunden milde zu stimmen. Besitzer einer ICE- oder IC-Zeitkarte im Abo erhalten eine Teilerstattung. Zeitkarteninhaber mit IC-Berechtigung können ohne Aufpreis ICE-Züge nutzen. Bereits erworbene Flex- und Sparpreistickets sowie Reservierungen werden kostenlos erstattet. Für bisher gekaufte Sparpreistickets wird die Zugbindung aufgehoben. Detaillierte Informationen sollen in Kürze auf der Internetseite www.bahn.de/bauarbeiten abrufbar sein. Davon unabhängig empfiehlt die Bahn, im Fall des Falles frühere Verbindungen zu nutzen.

          „Den Zeitpunkt hätte man besser wählen können“

          Seine Kritiker hat der Konzern mit diesen Ratschlägen nicht beruhigt. Die Auswirkungen seien zwar unter Kontrolle zu halten, aber eine Fahrtzeitverlängerung um eine Stunde sei „gerade zu Messezeiten mehr als unglücklich“, sagte der Sprecher von Minister Lies, Stefan Wittke. „Den Zeitpunkt hätte man besser wählen können“, fügt er hinzu. Das habe Lies in einem Telefonat mit einem Bahnvorstand deutlich zum Ausdruck gebracht. Auf Kritik stieß auch die Art der Kommunikation. Die Bahn habe es über weite Teile des Vortages nicht geschafft, den Eindruck auszuräumen, dass überhaupt keine Züge fahren würden.

          Bild: F.A.Z.

          Die Deutsche Messe als Veranstalter der Hannover Messe wies auf enormen Unmut unter den Ausstellern hin. „Die Streckensperrung stößt auf großes Unverständnis bei Ausstellern und Besuchern, dazu erreichen uns viele Mails und Anrufe“, sagte Messesprecher Onuora Ogbukagu. Zur wichtigsten Industrieausstellung der Welt reisen viele ausländische Besucher und Aussteller über den Frankfurter Flughafen an, von dort aus fahren sie mit dem Zug weiter.

          Das Bundesverkehrsministerium betonte, Aufgabe der Bahn sei es, die Bauarbeiten zügig durchzuführen und die Beeinträchtigungen für die Kunden so gering wie möglich zu halten. Darüber, dass eine Sicherheitsgefährdung entlang dieser Strecke bestehen könne, habe er keine Informationen, sagte ein Sprecher in Berlin. Nach Angaben der Bahn war das Ausmaß der Schotterprobleme auf der Schnellstrecke Anfang Februar noch nicht bekannt, als der Konzern das Bauprogramm für das laufende Jahr vorstellte. Damals war nur die Rede davon gewesen, dass auf der Strecke Hamburg-Hannover-Göttingen zwischen Mai und September in zwei Stufen Weichen und Gleise erneuert werden.

          Im Februar hatte die DB den Umfang des laufenden größten Infrastruktur-Modernisierungsprogramms in der Bahngeschichte beziffert. Für eine „umfassende Verjüngungskur“ von Gleisen, Schwellen, Weichen und Anlagen stehen zwischen 2015 und 2019 rund 28 Milliarden Euro für das bestehende Netz zur Verfügung, davon 12 Milliarden Euro für den Oberbau. Alleine 2016 fließen rund 5,5 Milliarden Euro in das bestehende Schienennetz. Insgesamt sollen im laufenden Jahr rund 3200 Kilometer Schienen, 2000 Weichen, 2,9 Millionen Eisenbahnschwellen, 4 Millionen Tonnen Schotter sowie etwa 150 Brücken erneuert beziehungsweise instandgehalten werden. In Spitzenzeiten treffen Bahnfahrer auf 850 Baustellen je Tag, deutlich mehr als im Jahr zuvor.

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