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Trennung von Kanye West : Eine teure Scheidung für Adidas

Kanye West bei einem Auftritt in 2015 Bild: Reuters

Der zweitgrößte Sportartikelhersteller der Welt beendet nach antisemitischen Äußerungen die milliardenschwere Kooperation mit Rapper Kanye West. Andere Unternehmen hatten schon viel früher die Reißleine gezogen.

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          Ende, Schluss, vorbei – Adidas beendet die Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Rapper und Unternehmer Kanye West, der sich Ye nennt. Er hatte mit wiederholten antisemitischen Aussagen den Druck auf Adidas stark erhöht. Der Aktienkurs sackte zeitweise um mehr als 8 Prozent ab. Nach eingehender Prüfung habe der Dax-Konzern die Entscheidung getroffen, „die Partnerschaft mit Ye mit sofortiger Wirkung zu beenden, die Produktion von Produkten der Marke Yeezy einzustellen und alle Zahlungen an Ye und seine Unternehmen zu stoppen“, teilte Adidas am Dienstag mit. Dem Vernehmen nach sieht sich Adidas rechtlich aufgrund der rufschädigenden Äußerungen dazu in der Lage.

          Ilka Kopplin
          Wirtschaftskorrespondentin in München.
          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.
          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der amerikanische Unternehmer arbeitet seit rund zehn Jahren mit Adidas zusammen und designt seit 2016 unter der Marke „Yeezy“ für den deutschen Konzern Schuhe und Kleidung. Adidas produziert und vermarktet die Produkte, West erhält dafür Lizenzgebühren. Der Konzern bezeichnete die Partnerschaft – der Vertrag läuft eigentlich bis 2026 – als „eine der erfolgreichsten Kollaborationen“ in der Geschichte der Branche. Die Produkte, die mehrere hundert Euro kosten, bringen Adidas nach Analystenschätzungen Umsätze weit jenseits der Milliarde Euro, was im hohen einstelligen Prozentbereich des Konzernumsatzes liegt.

          Mehr und mehr Unternehmen wandten sich zuletzt jedoch öffentlich von West ab, und der Sportartikelkonzern drohte zum einzigen verbleibenden Partner zu werden. Zu Wochenbeginn wurde bekannt, dass die Künstleragentur CAA West die Zusammenarbeit aufgekündigt hat. Das Filmstudio MRC teilte mit, es werde eine schon fertiggestellte Dokumentation über den Rapper nicht veröffentlichen, da es keine Inhalte unterstützen könne, „die seiner Plattform Breitenwirkung geben“.

          „Ich bin Adidas“

          Das weltgrößte Musikunternehmen Universal Music hatte schon Anfang vergangener Woche auf Twitter geschrieben, es gebe keinen Platz für Antisemitismus „in unserer Gesellschaft“ und Universal engagiere sich im Kampf gegen Antisemitismus und jede andere Form von Vorurteilen. West wurde in dem Tweet nicht explizit erwähnt, dafür verwies Universal noch auf eine Partnerschaft mit der Nicht-Regierungsorganisation American Jewish Committee.

          Zu Universal gehört das Label Def Jam, über das fast alle West-Alben erschienen sind. Das im August 2021 veröffentlichte Album „Donda“ war das letzte neue, für das Def Jam mit Wests eigenem Label G.O.O.D. zusammengearbeitet und den Vertrieb übernommen hat. Die Rechte an diversen alten Veröffentlichungen dürften aber weiterhin bei Def Jam liegen (sein erstes von bis dato 11 Studioalben, „The College Dropout“, erschien 2004). Keine unübliche Konstellation in der Musikindustrie: Gerade in der Zeit vor dem Streaming, wo die Produktions- und Vermarktungskosten für Labels nochmals deutlich höher waren, wurden die Rechte an Aufnahmen oft für viele Jahre abgetreten. Im Gegenzug übernimmt das Label in dieser Konstellation alle, beziehungsweise den Großteil der Kosten und Aufgaben. So hat West nicht zuletzt auch diverse millionenschwere Vorschüsse erhalten. Heute sind viele verschiedene Konstellationen möglich, in denen ein Label beispielsweise nur einzelne Dienstleistungen wie den Vertrieb übernimmt, weniger investiert und Rechte nur kurz oder gar nicht abgetreten werden. Im Gegenzug verbleibt mehr Arbeit aber auch ein deutlich höherer Anteil der Einnahmen beim Künstler. Superstars haben ohnehin stets noch einmal eine bessere Verhandlungsposition. West hatte sich zuletzt im Sommer 2020 in einer Serie von Tweets darüber beklagt, die Rechte an manchen Aufnahmen nicht zu besitzen und unter anderem von „Versklavung“ gesprochen.

          ADIDAS

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          Zur Riege der Superstars zählt West zweifellos nach wie vor. Alleine auf Spotify kommt er auf rund 51 Millionen monatliche Hörer. Ein sehr starker Wert, obgleich er in der jüngsten Vergangenheit keine großen, nachhaltigen Chartserfolge mehr vorweisen kann. Auch spielte er in den vergangenen Jahren nur vereinzelte Konzerte, darunter teils sehr spezielle Konzeptshows. Eine richtige Tour gab es lange nicht und auch eine aktive Partnerschaft mit Universal existiert auf Labelseite nicht mehr. Den Nachfolger von „Donda“ („Donda 2“) veröffentlichte West Anfang dieses Jahres in Eigenregie und nur auf dem sogenannten „Stem Player“, ein 200 Dollar teures Abspielgerät und nicht auf den gängigen Streamingdiensten oder als Tonträger.

          Auch Balenciaga wendet sich ab

          Seine Musik ist angesichts der jüngsten Skandale aber ohnehin vermehrt in den Hintergrund gerückt. Ende vergangener Woche verkündete auch der Luxuskonzern Kering , seine Modemarke Balenciaga plane keinerlei Projekte mehr mit West, nachdem der erst Anfang Oktober auf einer Modenschau in Paris für die Marke aufgetreten war.

          Während Adidas noch immer über die Zukunft seiner Kooperation mit West nachdachte, verbreitete sich in den sozialen Medien ein Video von einem kürzlich aufgezeichneten Interview, in dem der Musiker sagte: „Ich kann antisemitische Sachen sagen, und Adidas kann mich nicht fallen lassen.“ Ebenfalls viral ging ein am Sonntag gemachtes Foto von einem Transparent mit der Aufschrift „Kanye hat recht mit den Juden“, das auf einer Autobahnbrücke in Los Angeles hing. Hinter dem Transparent standen einige Menschen, die den Arm zum Hitlergruß gehoben hatten. In vielen Twitter-Kommentaren zu dem Foto wurde Adidas erwähnt.

          West ist in den vergangenen Wochen mit einigen antisemitischen Äußerungen aufgefallen. Auch auf Twitter wurde er nach einem antisemitischen Eintrag gesperrt. Anfang vergangener Woche teilte er mit, eine Grundsatzvereinbarung zur Übernahme von Parler geschlossen zu haben, einer vor allem im rechten politischen Lager beliebten Onlineplattform. Adidas hatte erst Anfang Oktober – nach vorausgegangenen monatelangen Attacken des Rappers gegen das Unternehmen wie auch den scheidenden Vorstandschef Kasper Rorsted – angekündigt, die Kooperation überprüfen zu wollen. Kurz zuvor war West in Paris auf seiner eigenen Modeschau mit einem Shirt aufgetreten, das den Schriftzug „White lives matter“ trug. West schrieb daraufhin auf Instagram: „Ich bin Adidas.“

          250 Millionen Euro weniger Gewinn für Adidas

          Nach den jüngsten Eskapaden musste jedoch auch Adidas die Reißleine ziehen. Sogar der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte die Aufkündigung des Vertrags gefordert. Adidas dulde „keinen Antisemitismus und keine Hassrede“, hieß es am Dienstag. Die jüngsten Äußerungen und Handlungen von Ye seien „inakzeptabel, hasserfüllt und gefährlich“ und verstießen gegen die Unternehmenswerte von Adidas. Für viele Adidas-Mitarbeiter kam das offenbar zu spät. Auf der Plattform LinkedIn äußerte sich beispielsweise Sarah Camhi, dass West vor 14 Tagen angefangen habe, mit antisemitischer Rhetorik um sich zu werfen. „Adidas hat sich nicht geäußert – weder intern zu den Kollegen, noch extern zu unseren Kunden.“ Man habe Kooperationen mit Athleten beendet, die verbotene Substanzen eingenommen hätten, sei aber Unwillens, sich gegen Hassrede und Rassismus auszusprechen. Und weiter: „Solange Adidas keine Stellung nimmt, stehe ich nicht mehr zu Adidas.“

          Auch finanziell kommt das Ende der lukrativen Kooperation zur Unzeit für Adidas. Adidas wird Yeezy-Produkte in der verkaufsstarken Vorweihnachtszeit nicht mehr verkaufen und wird auch mit Sportartikelhändlern darüber sprechen. Was mit der schon produzierten Ware geschieht, steht noch aus. Fest steht hingegen, dass der Nettogewinn um 250 Millionen Euro belastet wird. Erst in der vergangenen Woche hatte Adidas die Gewinnprognose drastisch auf nur noch 500 Millionen Euro aus dem laufenden Geschäft reduziert. Zu Jahresbeginn war man noch von bis zu 1,9 Milliarden Euro ausgegangen.

          Im Übrigen dürfte Adidas auch für West die wohl lukrativste Partnerschaft mit einem Unternehmen und eine wesentliche Quelle seines Vermögens sein. Auf der „Forbes“-Liste wird sein Reichtum derzeit auf 2 Milliarden Dollar beziffert, und nach Angaben der Zeitschrift könnte er seinen Milliardärsstatus ohne die Adidas-Kooperation verlieren.

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