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Adi und Rudi Dassler : Bruderkampf bis zum Letzten

Adi (Christian Friedel, links) und Rudi (Hanno Koffler) spielen ihre Rollen meisterlich. Bild: ARD Degeto/Wiedemann & Berg/Mart

Die ARD strahlt einen Zweiteiler über jene Brüder aus, die Adidas und Puma gegründet haben. Er zeigt, wie ideale Partner erbitterte Feinde werden. Und ist viel näher an den Fakten als die Version von RTL.

          Schon bald nach Übernahme des Postens als Vorstandschef von Adidas im Oktober 2016 traf Kasper Rorsted seinen Kollegen von Puma, Björn Gulden. Gewohnt locker geht es in solchen Gesprächen zu, auch wenn man  Konkurrent ist. Ein ganz normaler Termin. Vor siebeneinhalb Jahren haben deren Vorgänger, Herbert Hainer und Jochen Zeitz, gar zusammen Fußball gespielt. Zwei gemischte Teams  mit Mitarbeitern von Adidas und Puma traten gegeneinander an. Das jedoch war etwas Außergewöhnliches und hatte es zuvor nicht gegeben. Manche titulierten dieses Ereignis nicht als Freundschafts-, sondern als Friedensspiel. Historisches spielte sich an jenem 21. September 2009, dem Weltfriedenstag, ab.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Denn Adidas und Puma sind nicht einfach nur Konkurrenten, die die übliche Rivalität auf den Märkten austragen. Noch immer schwingt so etwas wie Feindschaft mit, wenn von beiden die Rede ist. Denn diese hat die beiden Weltmarken jahrzehntelang geprägt. Natürlich sehen sich die Mitarbeiter der Unternehmen heute  nicht als Feinde. Die von Hass geschwängerte Historie ist aber nach wie vor präsent. Die jungen Adidas- und Puma-Mitarbeiter, Millennials oder Mitglieder der Generation Y, kennen das nur aus Erzählungen.

          Unversöhnlich bis zum Tod

          Die Ursache für diese Allgegenwärtigkeit noch heute erschließt sich schon in den ersten Sequenzen des ARD-Zweiteilers „Die Dasslers - Pioniere, Brüder und Rivalen“. Adi Dassler prüft vor dem Anpfiff eines Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft 1974 die Stollen der Schuhe, die die Spieler hoch halten. Zum Telefon gerufen, erfährt er, dass sein Bruder Rudi schwer krank und todgeweiht ist. Er spielt den Gleichgültigen: „Wir haben seit 26 Jahren nicht miteinander geredet, er braucht keinen Bruder, sondern einen Arzt."

          Die Eröffnungsszene nimmt den leidlich bekannten Schluss eines Familienkriegs vorweg - und hat die Dramaturgie des Films mit drei Stunden Gesamtlänge in wenigen Sekunden zusammengefasst. Bis zum Tod haben sich die Brüder, die einst aus einem Schusterbetrieb ihres Vaters gemeinsam das Unternehmen „Gebrüder Dassler Schuhfabrik“ erfolgreich aufbauten, unversöhnlich und in tiefster Verbitterung gegenübergestanden.

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          Die ARD, die die Folgen an diesem Karfreitag und am morgigen Samstag jeweils um 20.15 Uhr ausstrahlt, hat die Dassler-Geschichte mit ihren tragischen Wendungen akribisch vorbereitet und realisierte so ein dokumentarisches Filmprojekt. Es zeigt die Entwicklung über eine Zeitachse von mehr als 50 Jahren, von 1922 bis 1974. Wobei: Der Bruderkampf war mit dem Tod beider (Adi starb 1978) nicht zu Ende. Er wurde von den Söhnen Horst Dassler (Adidas) und Armin Dassler (Puma) nicht minder erbittert fortgeführt.

          Es sind die unterschiedlichen Charakteren und Fähigkeiten, welche die Brüder Adi (gespielt von Christian Friedel) und Rudi (Hanno Koffler) zunächst zu einem Erfolgsteam machten. Der eine ist der Tüftler und Handwerker, der ständig am besten Sport- und Laufschuh bastelt; der andere ist der Geschäftstüchtige, der versteht, die Produkte zu verkaufen. Allein die Besetzung der Rollen mit Friedel als dem introvertierten, schüchternen, ruhigen, detailverliebten Techniker und  Koffler als stürmischen, ständig Zigaretten und Zigarren qualmenden, lauten Verkäufer mit Hallodri-Eigenschaften bildet die Grundlage für ein gelungenes, aufwendiges Film-Vorhaben.

          Nazi-Schreck brachte internationalen Durchbruch

          Die Dasslers rüsteten nicht nur die deutsche Olympiamannschaft  für die Spiele 1936 in Berlin mit ihren damals so innovativen Sportschuhen aus, sondern auch den amerikanischen Athleten und vierfachen Goldmedaillen-Gewinner Jesse Owen. Der war zum Schrecken für die Nazis geworden, brachte den Brüdern jedoch den internationalen Durchbruch und machten deren Namen im Ausland bekannt. Deswegen blieb der Groll der Nazis auf die Brüder verhalten. Die kamen auch glimpflich davon, weil sie schon im Jahr 1933 der NSDAP beigetreten waren - andernfalls hätten sie ihre Fabrik schließen müssen.

          „Der Beste muss in meinen Schuhen laufen", hat Adi schon in den Anfangszeiten verräterisch den Hang zur Dominanz preisgegeben. „Du meinst in unseren Schuhen", erwiderte Rudi, verbunden  mit einem stechenden Blick. Die Saat der Zwietracht sollte erst viele Jahre später aufgeben. Die ersten lauteren Misstöne stammten indes von deren Ehefrauen. Adis Gattin Käthe (Alina Levshin) und Rudis Ehefrau Friedl (Hannah Herzsprung) tragen gereizt ihre Scharmützel aus. Beide werden ihre Ehemänner über die Jahrzehnte später unerbittlich im Konflikt unterstützen.

          Es ist ein aufkommendes  Ungerechtigkeits-Empfinden von Rudi, gepaart mit der angestrebten Dominanz seines leisen, zunehmend aber skrupellos werdenden Bruders, der den Konflikt ausbrechen lässt. Rudi wird 1943 eingezogen, Adi bleibt zu Hause und versucht den Betrieb aufrecht zu erhalten. Der wird auf Kriegsproduktion umgestellt; am Ende fertigt er Panzerfäuste. Rudi desertiert und kann sich bis Kriegsende im Kellerverlies des Dassler-Hauses verstecken, wird aber von den amerikanischen Truppen wegen seiner Nazi-Mitgliedschaft interniert. Adi bleibt frei und kümmert sich um den Betrieb, nicht jedoch um seinen Bruder.

          Der Bruch kommt im Jahr 1948. Die Geschwister teilen das Unternehmen mit seinen zwei Fabriken auf. Adidas und Puma werden gegründet, bleiben in Herzogenaurach Nachbarn in Sichtweite. Ein Konkurrenzkampf mit allen Mitteln beginnt. Die heranwachsenden Söhne treiben ihn auf die Spitze. Horst (Oliver Konietzny), Junior von Adi, und Armin (Rafael Gareisen), sind nicht zu bremsen, um sich ihren Vätern zu beweisen. Das teure Bieten um Sponsorenverträge für Athleten wie dem brasilianischen Fußballstar Pele geht selbst den Patriarchen zu weit. Sie versöhnen sich trotzdem nicht mehr.

          Erst die aufwendigen Recherchen  für die Produktion unter der Regie von  Cyrill Boss und Philipp Stennert haben den dokumentarischen Charakter ermöglicht. Das Ausgangsmaterial für das Drehbuch von Christoph Silber wurde in den Unternehmensarchiven gesammelt, Gespräche mit Zeitzeugen und den Vorständen geführt. Die Schauspieler hielten sich vor Ort in Herzogenaurach auf. Hanno Koffler und Hannah Herzsprung etwa kamen zu Puma, um den „Spirit“ aufzunehmen.

          Das unterscheidet die Produktion maßgeblich von der Bruderzwist-Version von RTL, die der Privatsender an Ostern im vergangen Jahr ausgestrahlt hatte und damit den Plänen der Öffentlich-Rechtlichen zuvor kamen. „Das Duell der Brüder“ mit Ken Duken (Adi) und Torben Liebknecht (Rudi) sollte der ARD die Schau stehlen, die nun aber deutlich später mit ihrem Film kommt. Gerade erst hat RTL seine Produktion wiederholt, womit die zum Teil voyeuristischen oder boulevardesken Elemente die Realität mitunter verzerrten.

          Mit allen Mitteln

          Etwas verklärend indes erscheint in der ARD-Produktion die Rolle der Sportausrüster in Sachen Geld und Sport sowie den Verwicklungen zwischen Unternehmen, Sportlern und Verbänden. Fußball-Bundestrainer Sepp Herberger wird gezeigt, wie er 1000 Mark zuerst von Puma, dann von Adidas fordert. Rudi Dassler zahlte nicht, Bruder Adi schon. Es waren die Schuhe mit den drei Streifen, die den Deutschen 1954  den Weltmeistertitel bescherten – und Adidas gegenüber Puma einen so großen Vorsprung ermöglichten.

          Der deutsche Sprinter Armin Hary soll ebenso Begehrlichkeiten entwickelt haben; vom Hunger der Vermittler auf Bares, über die die längst entzweiten  Dassler-Brüder unisono klagen, ganz zu schweigen. Es gibt nicht wenige Beobachter, die vor allem Adidas eine wesentlich aktivere Rolle in der Verfilzung mit dem Internationalen Olympischen Komitee IOC oder den Fußballverbänden wie die Fifa zuschreiben. Da mögen Adi und Rudi Dassler noch ethische Grundsätze vertreten und eingehalten haben. Ihre Söhne schienen derlei Grenzen nicht mehr zu kennen, um ihren Kampf mit allen Mitteln fortzusetzen.

          Familienunternehmen sind Adidas und Puma längst nicht mehr, sondern börsennotiert. Während die Drei-Streifen-Marke unabhängig ist, gehört Puma größtenteils dem französischen Luxuskonzern Kering. Es ist auch  ein klarer Sieger aus dem Streit über zwei Generationen der Dasslers hervorgegangen. Adidas ist mit 19,3 Milliarden Euro Umsatz von heute fünf Mal so groß wie Puma.

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