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ADAC plant Übernahme : Letzte Ausfahrt Nürburgring

  • -Aktualisiert am

Fast eine halbe Milliarde Euro flossen in die legendäre Rennstrecke Bild: dpa

Der Nürburgring sollte zu einem Reiseziel für Touristen aus aller Welt werden - und erwies sich als völlig überdimensioniert. Kauft der ADAC die Rennstrecke, könnte das Desaster aber noch ein gutes Ende nehmen.

          Von 2006 bis 2011 hat die SPD unter Kurt Beck Rheinland-Pfalz allein regiert. Eigentlich lief alles einigermaßen glatt in dieser Zeit. Nur ein wirkliches Desaster leistete man sich: das Engagement am Nürburgring. Rund 330 Millionen Euro investierte das Land. Zusammen mit dem Landkreis war es fast eine halbe Milliarde an Beihilfen aus Steuergeldern, die in die legendäre Rennstrecke flossen. Dabei hatte die Landesregierung immer wieder betont, das Projekt werde den Steuerzahler keinen Euro kosten. Wieder einmal wähnte sich der Staat als der bessere Unternehmer.

          In der Eifel gelegen, in einer der strukturschwächsten Gegenden des Rheinlands, sollte der Nürburgring – wie schon in den Zeiten seiner Gründung im Jahr 1927 als „Erste Deutsche Gebirgs-, Renn- und Prüfstrecke“ – zusätzliche Arbeitsplätze für die Region schaffen. Durch den Bau eines Vergnügungsparks, von Hotels, Ferienwohnungen, einer Achterbahn, einer Veranstaltungshalle sowie Gastronomie für mehrere tausend Leute wollte man die Rennstrecke zum obligatorischen Reiseziel für Touristen aus aller Welt machen. Das Prestigeprojekt hätte zu einem Denkmal für den damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck und seine glorreiche 18 Jahre andauernde Amtszeit werden sollen.

          Zahllose Baumängel, kaum Besucher

          Doch es kam anders. Der Vergnügungspark-Komplex rund um den Ring kostete den rheinland-pfälzischen Steuerzahler enorm viel Geld und erwies sich dann mit der Zeit auch als überdimensioniert. Nur an den Wochenenden mit den beliebtesten Veranstaltungen wie etwa der Formel 1, dem Truck Grand Prix oder dem 24-Stunden-Rennen waren die Anlagen ausgelastet, standen aber sonst meist gähnend leer in der Gegend herum. Zudem waren die Gebäude mit zahllosen Baumängeln behaftet. Feuchtigkeit trieb Schimmelpilze hervor. Im Jahr 2012 musste die landeseigene Nürburgring GmbH Insolvenz anmelden, weil die Pächter ihre Zahlungen einstellten.

          Fortan musste sich die ganze Region um den Nürburgring herum, die ansonsten kaum ein anderes Gewerbe vorweisen kann, Sorgen machen, dass die Rennstrecke ihren Betrieb ganz einstellen könnte. Das hätte nicht nur bedeutet, dass das Steuergeld vollständig und endgültig hätte abgeschrieben werden müssen. Es geht auch und sogar vorrangig um die Arbeitsplätze. Schließlich ist die einst in der Gegend ansässige Tabak- und Tuchindustrie längst Geschichte, und nicht einmal Ackerbau ist wegen der steinigen Böden möglich.

          Der ADAC könnte nun die Lösung des Problems bringen. Der mächtige Autofahrerverein hat eine zwar unverbindliche, aber doch sicher ernstgemeinte Kaufofferte für den Nürburgring vorgelegt. Erhält die Organisation tatsächlich in dem Investorenprozess, den die Sanierungsgeschäftsführer eingeleitet haben, den Zuschlag, dann kommt in gewisser Weise zusammen, was zusammengehört. Die Rennstrecke erhielte eine zweite Chance, zum Zentrum der automobilen Begeisterung in Deutschland zu werden.

          Kaufpreis von hundert Millionen Euro

          Die Verbindung zum ADAC ist alt. Schon nach dem Ersten Weltkrieg förderte der Automobil-Club den Motorsport, so dass in Deutschland immer mehr Motorsportveranstaltungen stattfanden und sich immer mehr Menschen dem Motorsport verschrieben. Bevor der Bau des Nürburgrings beschlossen wurde, führte der ADAC Rheinland das 1. Eifelrennen durch. Die ersten Fahrten auf Abschnitten des Nürburgrings wurden im August 1926 vom ADAC Adenau durchgeführt. In der Insolvenz werden die Sanierer die Rennstrecke durch Verzicht der Gläubiger von ihrem Schuldenberg befreien.

          Der Nürburgring kann deshalb von seinem nächsten Eigentümer, der wohl Anfang 2014 ausgewählt werden wird, kostendeckend betrieben werden. Den Kaufpreis von gut hundert Millionen Euro, der einen Teil der Schulden beim Land tilgen würde, kann sich der ADAC leisten, da der Betrag etwa einem Jahresgewinn des Vereins entspricht, der ja zugleich ein Milliardenkonzern mit rund um das Auto angesiedelten Dienstleistungen ist: von der Autoversicherung über Finanzierung und Vermietung bis hin zum Fernbusbetreiber ADAC Postbus – oder eben dem Motorsport.

          Mit dem Nürburgring ist der ADAC als Nutzer schon verbandelt: über die Großveranstaltung Truck Grand Prix und das 24-Stunden-Rennen. Nach einer Übernahme des Nürburgrings wäre es denkbar, dass der ADAC mit Autoherstellern kooperiert. Fast alle Autokonzerne sind nahe an der Rennstrecke vertreten. In der Nordschleife testen sie Reifen und Bremssysteme. Nicht zuletzt wäre der ADAC der richtige Eigentümer, um für die zahlreichen Anhänger des Motorsports in Deutschland den Nürburgring als eine Art Kulturgut der Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten.

          Das gegenteilige Schreckensbild wäre es, wenn ein reicher Scheich aus Arabien oder sonst eine wohlhabende Privatperson den Nürburgring kaufte, um ihn nur für sich selbst zu nutzen. Wird nun der ADAC der neue Eigentümer des Nürburgrings, dann ändert dies zwar nichts mehr daran, dass Hunderte Millionen Euro Steuergeld auf der Rennstrecke unwiederbringlich verlorengingen. Aber wenigstens kann die Anlage noch dem Motorsport und der Region zugutekommen.

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