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Steigt Frankreich aus? : Accor Hotels will bei Air France-KLM mitfliegen

Ein Air France Airbus A321 am Charles-de-Gaulle-Flughafen in Paris. Bild: Reuters

Europas führender Hotelanbieter möchte größter Aktionär der französisch-niederländischen Fluggesellschaft werden. Gibt der französische Staat dafür seine Anteile ab?

          Der französische Hotelkonzern Accor will sich nicht mehr mit der Vermietung von Zimmern zufrieden geben. Der europäische Marktführer im Hotelwesen möchte jetzt auch in die Luftfahrt einsteigen. Daher hat er ein Angebot vorgelegt, um der größte Anteilseigner von Air France-KLM zu werden. Accor würde dabei gerne die Anteile des französischen Staates von 14,3 Prozent an der französisch-niederländischen Fluggesellschaft erwerben.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Konzern hat sich das Ziel gesetzt, ein Allround-Anbieter für Touristen und Geschäftsreisende zu werden, der es nicht zuletzt durch den Datenaustausch mit digitalen Konkurrenten wie Booking oder Expedia aufnehmen kann. Das Amt des französischen Präsidenten im Elysée-Palast scheint dem Vorschlag mit einer gewissen Offenheit gegenüberzustehen, heißt es in Paris. Bisher will sich jedoch niemand festlegen. Die Regierung hatte in jüngerer Vergangenheit mehrfach angekündigt, dass sie eine Reihe staatlicher Konzernbeteiligungen verringern oder unter Umständen ganz abstoßen könnte.

          An der Börse fiel die Reaktion auf den Vorstoß von Accor am Montag höchst unterschiedlich aus: Die Aktionäre von Air France-KLM jubelten und ließen die Aktie zeitweise um mehr als 6 Prozent ansteigen. Allerdings notiert das Papier aufgrund der Führungskrise der Fluggesellschaft seit Wochen auf einem sehr niedrigen Stand. Der Vorstandsvorsitzende Jean-Marc Janaillac war im vergangenen Monat zurückgetreten, weil die Belegschaft ihm im Konflikt mit streikenden Piloten die Gefolgschaft verweigert hatte. Seitdem wird das Unternehmen von einer Übergangs-Mannschaft verwaltet. Ein kommerziell orientierter Großaktionär könnte Air France-KLM neuen Schwung verleihen, während der Ausstieg des Staates ein Signal für weniger politische Rückendeckung der streikfreudigen Gewerkschaften wäre, lautete die positive Analyse einiger Aktienexperten.

          AIR FRANCE-KLM INH. EO 1

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          Staatsbeteiligungen haben lange Tradition

          Die Anteilseigner von Accor sind dagegen skeptisch. Das Papier notierte am Montag mit gut 4 Prozent im Minus. Die Gegner eines Einstiegs bei Air France-KLM weisen darauf hin, dass damit kein einziges Strukturproblem der Fluggesellschaft gelöst sei, etwa das allgemein hohe Kostenniveau,  die Entfremdung zwischen den Belegschaften von KLM und Air France sowie die Macht der Gewerkschaften, besonders die der Piloten. Hinzu kommt die scharfe Konkurrenz von Billigfliegern und Fluggesellschaften der Golfstaaten.

          ACCOR SA INH. EO 3

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          Accor verwies in einer Stellungnahme darauf, dass der Hotelkonzern mit Air France-KLM schon seit Jahren gemeinsame Reiseangebote und Treue-Programmen herausbringe. Man kenne sich also gut. „Diese Überlegungen können zu einer Minderheitsbeteiligung am Kapital von Air France-KLM führen, um dieses Wachstumsprojekt zu unterstützen“, teilte das Unternehmen mit und betonte, dass sich die Gespräche noch in einem frühen Stadium befänden.

          Politisch wäre ein Ausstieg des Staates nicht einfach zu bewerkstelligen. Wenn Staatsbeteiligungen in Frankreich eine lange Tradition haben, dann tragen sie in der Luftfahrt eine noch stärkere Symbolik nationaler Souveränität und Eigenständigkeit. Präsident Emmanuel Macron will diese traditionelle Haltung zwar aufbrechen und wirbt für eine zurückhaltende Industriepolitik, in der die Steuerzahler nicht die Unternehmen finanzieren. Dennoch könnte der französische Staat, so die jüngsten Spekulationen, Aktionär bleiben.

          Accor hofft auf Synergieeffekte

          Als alternative Szenarien werden gehandelt, dass die Regierung nur einen Teil ihrer Beteiligung verkauft oder dass sie im Gegenzug ihre Aktien gegen Anteile an Accor tauscht. Mit einem Regierungseinstieg bei Accor würde Frankreich seine bekannte  Strategie der unternehmerischen Schutzmacht fortsetzen. Als mögliche Bedrohung wird besonders die große chinesische Hotelgruppe Jin Jiang aus Singapur empfunden, die heute 12,3 Prozent der Accor-Anteile hält. Daneben sind mit geringeren Anteilen auch die Qatar Investment Authority und der saudische Prinz Al-Waleed beteiligt.

          Die Accor-Gruppe hofft indes vor allem auf betriebliche Synergieeffekte für den Kunden im Reisemarkt. Zu dem Konzern gehören weltweit über 600.000 Betten in fast 4300 Hotels, darunter Marken wie Sofitel, Pullmann, Novotel, Mercure, Ibis, Formule1, Rafles und Fairmont. Bei einem Umsatz von 5,6 Milliarden Euro ist viel Finanzkraft vorhanden, zumal Accor sich gerade von einem Großteil seiner Hotelmauern getrennt hat. Wie in der Branche zunehmend üblich, verkaufte der Konzern seine Hotelimmobilien, um sich nur noch auf den Hotelbetrieb zu konzentrieren.

          Am Wochenende gab Accor bekannt, dass die Gruppe fast 58 Prozent der ausgelagerten Gesellschaft AccorInvest an eine Reihe von Investoren übergab, darunter Staatsfonds in Saudi-Arabien und Singapur sowie private Fondsgesellschaften. Dadurch erhielt Accor Barmittel von 4,6 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das gesamte Kapital von Air France-KLM, von dem Accor nur 14 Prozent will, ist an der Pariser Börse derzeit lediglich gut 3 Milliarden Euro wert.

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