https://www.faz.net/-gqe-a3fsj

Abrechner insolvent : Apotheken in Existenznot

Logo an einer Apotheke in Baden-Baden Bild: dpa

Der große Rezeptabrechner AVP ist insolvent. Die Bafin erstattet Strafanzeige – und viele Apotheken fürchten, dass ihr Geld verloren ist. Für sie geht es um Hunderttausende Euro.

          3 Min.

          Ohne das Erbe ihrer Mutter wäre die Münchener Apothekerin Martina Czech gerade ziemlich aufgeschmissen. Nur dank der 80.000 Euro auf ihrem privaten Konto konnte sie Anfang der Woche die Rechnung ihres Großhändlers bezahlen, zumindest in weiten Teilen – ganz gereicht hat das Geld nicht. Denn ihr fehlen aktuell 100.000 Euro, eine Summe, die ihr eigentlich das Düsseldorfer Abrechnungszentrum AVP hätte überweisen müssen.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das Geld ging nicht auf ihrem Geschäftskonto ein. Am Mittwoch dann die Nachricht, die sie und ihre Kollegen nach einigen turbulenten Tagen voller Hoffen und Bangen am meisten befürchtet haben: AVP ist insolvent. „Es ist ein absoluter Albtraum“, sagt Czech.

          AVP ist eines der großen Abrechnungszentren in Deutschland. Das Unternehmen zählt rund 3500 der gut 19.000 Apotheken zu seinen Kunden, deckt also etwa ein Fünftel des Marktes ab. Für diese reicht es die Rezepte bei den Krankenkassen ein und leitet die eingegangenen Zahlungen an die Apotheken weiter – zumindest bisher.

          Auf die Auszahlung ihrer Umsätze im August – es soll um einen dreistelligen Millionenbetrag gehen – haben viele Apotheker jedoch vergeblich gewartet. Einige erhielten einen Teil des Geldes, andere gar nichts.

          Zeitnah entscheiden

          Vor wenigen Tagen schritt dann die Finanzaufsicht Bafin ein. Sie schickte Ralf Bauer als Sonderbeauftragten in das Unternehmen und übertrug ihm die alleinige Geschäftsführung. Bauer stellte am Mittwoch beim Düsseldorfer Amtsgericht den Insolvenzantrag, wie die Bafin mitteilte. Die Finanzaufsicht habe zudem Strafanzeige erstattet, teilte eine Sprecherin der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit. Um welche Tatvorwürfe es geht und gegen wen sich diese richten, wollte sie nicht sagen. Es werde nun zeitnah entschieden, ob ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werde.

          Dass die Bafin einen Sonderbeauftragten in das Unternehmen schickte, deutet darauf hin, dass sie im Fall von AVP dringenden Handlungsbedarf erkannte. Bauer ging umgehend ans Werk und muss binnen kurzer Zeit zu der Erkenntnis gekommen sein, dass der Apotheken-Abrechner keine wirtschaftliche Zukunft mehr hat.

          Die Einsetzung eines Sonderbeauftragten gehört zum aufsichtsrechtlichen Maßnahmenkatalog der Bafin. Wie die Finanzaufsicht auf ihrer Internetseite schreibt, kommt die Bestellung eines Externen immer dann in Betracht, wenn sich ein Geschäftsleiter nicht als hinreichend qualifiziert oder persönlich nicht zuverlässig erwiesen hat.

          Der „Deutschen Apotheker-Zeitung“ zufolge soll ein Vorstand der AVP Service AG, die Eigentümerin des Rezeptabrechners ist, angeblich keine Zulassung als Geschäftsleiter erhalten haben, weil er wegen eines Steuerdelikts vorbelastet ist. Deshalb müsse er Geldgeschäfte der GmbH, die als Factoring-Unternehmen unter der Aufsicht der Bafin steht, anderen Geschäftsführern überlassen.

          Bei der Auswahl des Sonderbeauftragten achtet die Bafin neben der Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit auch auf dessen fachliche Eignung. Nach Paragraph 45c Kreditwesengesetz ist er der Bafin zur Auskunft verpflichtet; diese kann ihn aber nicht in den operativen Entscheidungen lenken. Der Insolvenzantrag beruht demnach auf der Entscheidung von Bauer.

          „Um die nackte Existenz“

          AVP selbst hatte in den vergangenen Tagen mehrmals versucht, die Apotheker zu beruhigen. Nachdem unter diesen Unruhe aufgekommen war, weil die Zahlungen nicht auf ihren Konten eingingen und bei dem Unternehmen niemand zu erreichen war, verwies AVP in einem Rundschreiben an die Kunden auf technische Probleme bei der Serverumstellung.

          „Die Zahlungen für Ihre Rezepte sind sicher auf dem Weg“, hieß es darin. Und: Die Mitbewerber des Unternehmens würden die Gerüchte um AVP „zum eigenen Vorteil emotional ausnutzen“.

          Viele der betroffenen Apotheken stehen nun vor allem vor der Frage, wie es für sie finanziell weitergeht. Die Ärzte- und Apothekerbank werde Apothekern, denen die AVP große Summen schuldet, mit Kreditlinien und Überbrückungskrediten helfen, sagte eine Sprecherin in Düsseldorf. Daneben laufen derzeit viele Gespräche mit den Großhändlern und den Steuerberatern. Der Düsseldorfer Steuerberater und Rechtsanwalt Bernhard Bellinger hat 120 Apotheken als Mandanten, 30 davon seien Kunden von AVP, erzählt er: „Alle haben heute schon angerufen.“

          Im Durchschnitt fehlten ihnen wahrscheinlich jeweils rund 120.000 Euro, so Bellinger. In drei Fällen seien es allerdings sogar mehr als 600.000 Euro. „Da geht es im schlimmsten Fall um die nackte Existenz.“ Er will für seine Mandanten mit Banken und Großhändlern nun über Kredite verhandeln und hofft, dass sie im Insolvenzverfahren zumindest einen Teil der ausstehenden Summe zurückbekommen.

          Weitere Themen

          Kabinett beschließt neue Regeln zu Verdienstausfällen

          Corona-Krise : Kabinett beschließt neue Regeln zu Verdienstausfällen

          Die Entschädigungsansprüche für Eltern werden bis März 2021 verlängert. Wer hingegen eine „vermeidbare Reise“ in ausländische Risikogebiete macht, soll während der anschließenden Quarantäne keine Entschädigung mehr bekommen. Doch es gibt Ausnahmen.

          Topmeldungen

          Champions League : Darum ist Dortmund kein absolutes Top-Team

          Der Champions-League-Start ging durch die Niederlage in Rom daneben. Nun steht Dortmund gegen Zenit St. Petersburg schon unter Druck. Mats Hummels glaubt zu wissen, warum es beim BVB noch nicht ganz rund läuft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.