https://www.faz.net/-gqe-9dvdy

Neuer Zulassungsstandard WLTP : Autokäufer warten auf einen Audi Q5 elf Monate

Auf den Audi Q5 müssen Kunden besonders lange warten. Bild: Reuters

Beim Neuwagenkauf ist Geduld oberste Tugend: Neue Zulassungsstandards sorgen für teils lange Verzögerungen. Einen Konzern trifft es besonders hart.

          3 Min.

          Auf einen neuen BMW M2 und einen Audi A5 warten Autokäufer bis zu neun Monate. Bei der Bestellung eines Audi Q5 sind es sogar elf Monate. Das ist ein Ergebnis aus Daten des Neuwagenportals Carwow, die der F.A.Z. vorliegen. Grund für die Verzögerungen sind die zum 1. September in Europa geltenden neuen Zulassungsstandards. Für den sogenannten WLTP-Test müssen Abgas- und Verbrauchswerte eines Autos aufwendiger getestet werden.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Martin Gropp

          Und weil insbesondere der Volkswagen-Konzern, zu dem die Marke Audi gehört, darauf schlecht vorbereitet ist, sind nun bestimmte Modell- und Motorvarianten nur eingeschränkt lieferbar. Von Samstag an dürfen nur noch Autos neu zugelassen werden, die den neuen Prüfstandard durchlaufen haben – und etliche Fahrzeuge besitzen das Testzertifikat noch nicht. Volkswagen reagiert darauf vor allem in den deutschen Fabriken mit Schließtagen.

          Selbst bei den Volumenmodellen Golf und Tiguan hakt es im VW-Konzern. Immerhin: Für sieben von 14 Modellen der Kernmarke gebe es die entsprechende Genehmigung, sagte Deutschland-Vertriebschef Thomas Zahn am Donnerstag. Darunter seien auch die Baureihen Polo und Passat. Für den Golf sowie den bei Kunden beliebten Stadtgeländewagen Tiguan erwartete Zahn die Freigabe „in den nächsten Tagen und Wochen“. Der Golf stehe „kurz vor der Freigabe“, sagte er. Bis Ende September sollten dann weitere Freigaben folgen.

          VW: Später „sehr starke Monate“

          Damit bestätigte der Konzern, was sich schon abzeichnete: Bis zum Stichtag 1.September werden nicht alle Modelle WLTP-zertifiziert sein. Nach guten Verkäufen in den ersten acht Monaten dieses Jahres erwartet VW deswegen im September und Oktober eine Delle in den Auslieferungszahlen. Bis zum Ende des Jahres soll das aber wieder aufgeholt sein. Im Konzern spricht man hoffnungsfroh von dann „sehr starken Monaten“.

          Das neue Prüfverfahren WLTP ist deutlich aufwendiger als das bisherige, es dauert zwei- bis dreimal so lang. WLTP steht für „Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure“. Das neue Messverfahren soll für realistischere Werte der Schadstoff-Emissionen und des Verbrauchs sorgen. Im riesigen Volkswagen-Konzern hadert vor allem Audi mit dem Prüfverfahren. Hunderte Getriebe-Motor-Kombinationen müssen neu zugelassen werden. Zudem sind die WLTP-Teams in Ingolstadt und Wolfsburg auch an der Entwicklung der Software-Updates für Dieselmotoren beteiligt. Diese Folge des Diesel-Skandals ist ein weiterer Grund für die Verzögerung. Durchschnittlich sieben Monate müssen Audi-Kunden warten. Bei den Schwestermarken Seat und Škoda beträgt die Wartezeit durchschnittlich 5,1 und 4,7 Monate.

          VW hatte im Juli noch dank hoher Rabatte deutlich mehr Autos verkauft – die Auslieferungen kletterten um 11 Prozent auf 908.200 Fahrzeuge. Auch andere Hersteller haben wegen der absehbaren Lieferprobleme Rabattaktionen ins Leben gerufen. „Der Absatz von Tageszulassungen und Jahreswagen über Carwow hat sich seit Jahresbeginn knapp verdreifacht“, sagte Geschäftsführer Philipp Sayler von Amende. Bei Carwow stellen mehr als 1000 Autohändler von 16 Herstellern ihre Neuwagen ein.

          „Sonderaktionen sind nicht notwendig“

          Im VW-Konzern geht man davon aus, dass sich die Rabattschlachten nicht fortsetzen werden. Mehr als 80 Prozent der vorproduzierten, aber noch nicht freigegebenen Fahrzeuge, die das Unternehmen auf Parkplätzen zwischenlagert, seien feste Kundenbestellungen. „Sonderaktionen sind nicht notwendig“, sagte Zahn. Der Auftragseingang sei trotz der Verzögerungen wegen der aufwendigen WLTP-Zertifizierung weiter auf normalem Niveau.

          Der Konzern rechnet im zweiten Halbjahr mit einer finanziellen Belastung von bis zu einer Milliarde Euro. Rund 200.000 bis 250.000 Autos müssen den Angaben zufolge zwischengelagert werden. Dafür hat VW unter anderem 8000 Stellplätze auf dem Berliner Pannenflughafen BER angemietet.

          Anders als VW geben andere Hersteller derweil Entwarnung. Bei BMW sind es vor allem Nischenmodelle wie der besonders PS-starke M2, auf den Kunden warten müssen. Es lägen aber für alle von September an angebotenen Autos die neuen Typgenehmigungen vor, hieß es. Zudem erfüllten schon seit Juli dieses Jahres rund 190 BMW-Modelle die Abgasnorm Euro 6d-TEMP, die eigentlich erst vom September nächsten Jahres an verpflichtend wird. Wie üblich betrage die Lieferzeit durchschnittlich rund drei Monate. Diese Zeitspanne nennt auch der Daimler-Konzern hierzulande als Lieferfrist für Autos, die in Europa hergestellt werden.

          PSA ist schon fertig

          Die Stuttgarter werden nach eigenen Angaben ebenfalls ihre gesamte Flotte mit mehr als 250 Varianten für den europäischen Markt zum Stichtag für die neuen Abgasmessungen umgestellt haben. Rund 80 Prozent der Modelle werden dann die Abgasnorm Euro 6-TEMP erfüllen, der Rest genüge der Norm Euro 6c. Am Mittwoch hatte schon der französische PSA-Konzern mitgeteilt, die Zertifizierungen für alle angebotenen Fahrzeuge abgeschlossen zu haben. Das umfasst die Autos der Marken Peugeot, Citroën, DS sowie Fahrzeuge der deutschen Tochtergesellschaft Opel und deren britischer Schwestermarke Vauxhall.

          Allerdings heißt es aus der Branche auch, dass die Typgenehmigungen für manche Modelle erst auf den letzten Drücker erteilt worden seien. Für den Verbraucher bedeutet das, dass er sich wohl auch noch im September darauf einstellen muss, nicht auf das volle Produktprogramm aller Hersteller zugreifen zu können. Denn zunächst müssen noch die Konfiguratoren im Internet mit den neu erhobenen Abgaswerten gefüttert und neue Prospekte gedruckt werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Razzia in einer Shisha-Bar in Bochum

          Aussteigerprogramm : Raus aus dem Clan

          Nordrhein-Westfalen will den Ausstieg aus kriminellen Großfamilien erleichtern. Das Programm läuft gut an, doch die Erfahrungen lehren auch: Wer den Ausstieg wagt, wird meist brutal zurück gezwungen.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.