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Betrugssoftware : Audi ist die Keimzelle des Volkswagen-Skandals

Rupert Stadler ist der Vorstandsvorsitzende von Audi. Bild: AP

Dieselbetrug, Razzia, Entwickler in U-Haft: Bei Audi geht es drunter und drüber. Längst machen Spekulationen die Runde, nach denen viele Vorstände demnächst rausfliegen.

          Im aktuellen Halbjahresbericht hat Rupert Stadler am Freitag den „lieben Aktionärinnen und Aktionären“ ein besonderes Versprechen gegeben: „Mit all unseren Produkten und Dienstleistungen wollen wir unseren Kunden das Leben erleichtern und ihnen persönliche Freiräume eröffnen“, schrieb der Vorstandsvorsitzende im Vorwort. Dass Audi aber gerade 850.000 Diesel-Kunden das Leben erschwert, ihnen Freiräume raubt, weil sie mit ihren manipulierten Audis demnächst in die Werkstatt zu einem Software-Update müssen, erwähnte Stadler nicht.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Der Rückruf aller Sechs- und Achtzylinder-Dieselmotoren der Abgasnormen EU 5 und EU 6, das ist dem Zwischenbericht zu entnehmen, wird zu „insgesamt überschaubaren Kosten“ führen, für die bilanzielle Risikovorsorge gebildet worden sei. Es sind jene von Audi entwickelten Drei-Liter-Motoren, die auch im Porsche Cayenne TDI verbaut werden, für den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Donnerstag einen Verkaufsstopp verhängt hat.

          Die Tochtergesellschaft Audi gilt als Keimzelle für die Entwicklung der zur Verschleierung von Diesel-Abgasen nötigen Betrugssoftware, die in mehr als 11 Millionen Autos des Volkswagen-Konzerns eingesetzt worden ist. Deshalb steht der Vorstand erheblich unter Druck. Stadler, der lange die Manipulationen geleugnet hat und später, als immer mehr Ungereimtheiten aus der Entwicklungsabteilung ans Licht kamen, von allem nichts gewusst haben will, muss um seinen Posten fürchten. Wenn Ende September der Aufsichtsrat zusammentritt, werde die Personalie diskutiert, heißt es.

          Und längst werden mit dem früheren Opel-Chef Karl-Thomas Neumann und dem Seat-Chef Luca de Meo geeignete Nachfolger gehandelt. Nicht nur Stadler, auch die Vorstandskollegen Hubert Waltl, Axel Strotbek und Dietmar Voggenreiter sind umstritten. An diesem Freitag kochten die Namensspekulationen abermals hoch. Der erwartete Vorstandsumbau rückt Insidern zufolge in greifbare Nähe. Vier von sieben Vorständen müssten in Kürze ihre Posten räumen, sagten mehrere Personen der Agentur Reuters. Das „Manager-Magazin“ berichtete, dass Finanzvorstand Strotbek, Produktionschef Waltl, Vertriebsvorstand Voggenreiter und Personalvorstand Thomas Sigi vor der Ablösung stünden.

          In der Konzernzentrale in Ingolstadt geht es nicht erst seit der Razzia durch die Staatsanwaltschaft Mitte März, am Tag der Bilanzpressekonferenz, drunter und drüber. Überall laufen die Untersuchungen, werden Mitarbeiter verhört, sind ganze Abteilungen verunsichert. Aber immerhin nach außen steht die Fassade.

          In dem an diesem Freitag vorgelegten Halbjahresbericht erweckt der Audi-Vorstand den Eindruck, alles laufe nach Plan. Tatsächlich sind die Spuren des Dieselbetrugs noch nicht richtig in der Audi-Bilanz sichtbar. Dass in den ersten sechs Monaten mit 909.000 Audi-Modellen gut 5 Prozent weniger ausgeliefert wurden, hat allein mit hausgemachten Vertriebsschwierigkeiten in China zu tun, nicht aber mit bereits zurückgehenden Dieselverkäufen auf dem Heimatmarkt.

          „Defeat Device“

          Noch stimmen die Zahlen: Im zweiten Quartal stieg das operative Ergebnis um gut 5 Prozent auf knapp 1,44 Milliarden Euro. Der Umsatz nahm weniger stark auf 15,8 Milliarden Euro zu, so dass sich die operative Rendite auf rund 9,1 Prozent verbesserte. Selbst in den Vereinigten Staaten lief es entgegen dem negativen Markttrend besser: „Erstmals schenkten mehr als 100.000 US-Kunden innerhalb eines halben Jahres der Marke mit den Vier Ringen ihr Vertrauen“, schrieb Stadler.

          Dabei nahm jenseits des Atlantiks der Dieselskandal seinen Anfang. Wie jetzt bekannt wurde, sollen Audi-Techniker schon im Oktober 2013 ausdrücklich auf mögliche hohe Geldbußen wegen der Diesel-Manipulationen in den Vereinigten Staaten hingewiesen haben. Das Kernrisiko bestehe in einer Aufdeckung der betreffenden Software durch amerikanische Behörden, heißt es demnach in einem elf Seiten langen Dokument, in dem auch exakt beschrieben wurde, wie die Audi-Software die Abgasmessungen genau manipuliert. Eines dieser Programme galt als „Defeat Device“, also als illegale Abschalteinrichtung.

          Sie war unter Audi-Ingenieuren jahrelang Gesprächsthema. Schon 2007 hatte ein Techniker seinen Kollegen mitgeteilt, dass man „ganz ohne Bescheißen“ die strengen Grenzwerte in den Vereinigten Staaten nicht einhalten könne. Ein Jahr darauf soll ein anderer Mitarbeiter einen mittlerweile angeklagten ehemaligen Audi-Manager gewarnt haben: Die „Dosierstrategie“ sei eine Abschaltvorrichtung und in den Vereinigten Staaten „nicht zertifizierbar“, geht aus der Anfang Juli veröffentlichten Anklage des Justizministeriums hervor.

          Im November 2015 machte die amerikanische Umweltbehörde EPA klar, dass die Motoren mit einer illegalen Software arbeiteten. Inzwischen ermitteln auch hierzulande die Behörden, ein früherer Motorenentwickler sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft München II wirft dem Audi-Ingenieur Betrug und unlautere Werbung vor. Er soll bei Audi neben anderen Beschuldigten dazu beigetragen haben, die amerikanischen Umweltbehörden jahrelang mit manipulierten Schadstoffwerten über den wahren Abgasausstoß der fraglichen 83000 Drei-Liter-Dieselmotoren zu täuschen. Seine Aussagen können für den Audi-Vorstand durchaus brisant sein, sollte sich in den weiteren Ermittlungen der Münchner Strafverfolger herausstellen, dass die Motoreningenieure auf Anweisung gehandelt haben. Der Anwalt des Beschuldigten erklärte schon, dass sein Mandant nicht die unternehmenspolitische Entscheidung treffen konnte.

          Audi wollte wegen laufender Ermittlungen nicht Stellung nehmen. Man arbeite aber „vollumfänglich mit den Ermittlungsbehörden zusammen“, hieß es. Ähnlich formuliert es auch Vorstandschef Stadler in seinem Vorwort: „Lückenlose Aufklärung der Vergangenheit ist für uns eine zentrale Aufgabe.“ Das genügt ihm in der Rückschau.

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