https://www.faz.net/-gqe-9n7d2

Chefwechsel bei Daimler : Der Schnauzbärter hat seine Leichtigkeit verloren

  • -Aktualisiert am

Ola Källenius (r) löst Dieter Zetsche an der Konzernspitze von Daimler ab. Bild: dpa

Die Ära von Dieter Zetsche endet. Erst manövrierte er Daimler an den Rand der Existenz, dann führte er den Konzern in neue Höhen. Seit dem Diesel-Skandal ist die Zeit der Rekorde vorbei. Was kommt nun?

          Die Ära Zetsche endet an diesem Mittwoch. Da wird der seit 2006 amtierende Vorstandsvorsitzende von Daimler noch einmal freundlichen Beifall für seine Rede bekommen, er wird im Laufe des Tages auch herbe Kritik einstecken müssen, und am Abend ist es dann vorbei mit seiner Zeit als Repräsentant dieser Ikone der deutschen Industrie. Dieter Zetsches Abgang fällt zusammen mit dem Ende einer anderen Ära, jener Zeit, in der man davon sprach, ein Automanager müsse Benzin im Blut haben, einer Ära, in der sich die Autoindustrie auf Millionen Chrom- und PS-Freunde als freiwillige Markenbotschafter verlassen konnte.

          In dieser Zeit hat Daimler, der älteste Autohersteller der Welt, zu altem Glanz zurückgefunden. Zetsche hat es geschafft, aus dem Scherbenhaufen, den ihm sein Vorgänger Jürgen Schrempp hinterlassen hat, ein Unternehmen zu machen, das sich sehen lassen kann im Wettbewerb. Kein anderer Konzern der Welt verkauft mehr Nutzfahrzeuge. Und mit Mercedes ist das Stuttgarter Unternehmen wieder dort, wo es nach dem Selbstverständnis seiner Beschäftigten hingehört: ganz vorne, deutlich vor BMW und erst recht vor Audi, sowohl gemessen an der Stückzahl als auch was Image, Design und Technik angeht. Das Beste oder nichts eben.

          Also alles bestens? Mitnichten. Der Umbruch der Autowelt hat Daimler mit der gleichen Wucht erfasst wie andere, vielleicht noch stärker. Vorne dabei sein, heißt eben auch: keinen Trend verpassen. Autonomes Fahren? Macht Mercedes, ist ja nur eine Fortsetzung der Fahrerassistenzsysteme. Elektroautos? Gute Idee. Sogar eigene Batteriezellen hat Daimler produziert, wenn auch mit Verlust. Brennstoffzellenautos? Sind längst in kleiner Stückzahl auf der Straße, nur noch zu teuer. Mobilitätsdienstleistungen? Da wurde der superkleine Smart mit Car2Go als erster ins Rennen geschickt, und es gab schlaue Apps, bevor andere überhaupt daran dachten.

          Duftmarke schon gesetzt

          All das kostete Milliarden. Die Stuttgarter konnten sich das leisten, weil sie im traditionellen Geschäft gleichzeitig immer erfolgreicher wurden. Ja, Anfang 2009, als Daimler vom Rückbau der missratenen Schrempp’schen Welt AG noch geschwächt war und gleichzeitig die Weltwirtschaft tief in die Krise fuhr, da manövrierte der Konzern am Rande der Existenz. Aber dann ging es rasant aufwärts. Im März 2015 war der Höhepunkt erreicht. Daimler erreichte an der Börse einen Wert von mehr als 102 Milliarden Euro, sechs Mal so viel wie sechs Jahre zuvor. Wäre Zetsche damals gegangen, hätte er sich vor Lobeshymnen kaum retten können. Allenfalls hätte es eine kleine Neiddebatte gegeben, weil Zetsche nach vier Jahrzehnten Karriere quer durch die Daimler-Welt ein wirklich dickes Rentenpolster angehäuft hat.

          In den vier Jahren seither hat sich das Bild deutlich gewandelt. Der Dieselskandal hat einen erheblichen Anteil daran, vor allem weil Zetsche am Anfang den Eindruck erweckte, als könnte man bei Mercedes niemals auch nur irgendetwas manipuliert haben. Doch die weiße Weste ist wohl eine Mär. Längst ist klar, dass mindestens getrickst wurde mit den Schadstoffwerten, wenn nicht sogar betrogen nach dem Muster von Volkswagen. Hunderttausende Autos mussten nachgebessert werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, der Bundesverkehrsminister hat den Daimler-Chef vorgeladen.

          Seither hat der lockere Schnauzbärter seine Leichtigkeit verloren. Er wirkte müde und hatte offenbar nicht mehr genug Kraft, um der Mannschaft eine neue Vision mitzugeben. Sicher, es gibt keinen Stillstand bei Daimler. Der neue chinesische Großaktionär Li Shufu fordert Kooperationen ein, ein Faktum, das sich für Daimler noch als nützlich erweisen dürfte. Auch mit dem einstigen Erzrivalen BMW wird neuerdings heftig geflirtet. Aber im Bestzustand ist der Konzern nicht mehr. Die Zeit der Rekorde ist vorbei. Der Autoabsatz sinkt. Nur der CO2-Ausstoß der von Mercedes verkauften Autoflotte wächst noch, was ziemlich unangenehm ist in Zeiten, in denen Klimaschutz zum Top-Thema avanciert.

          Die spannende Frage lautet, ob der neue Daimler-Vorstandschef Ola Källenius es schafft, beides schnell zu verbessern: die Lage und die Stimmung im Konzern. Der Blick auf die Vita des Neuen macht wenig Hoffnung, denn er scheint aus der alten Welt zu kommen, hat Karriere gemacht mit Geländewagen, mit Hochleistungsmotoren für Supersportwagen und mit Tuning. Soll ausgerechnet so einer der richtige sein für die Zukunft?

          Eine Duftmarke hat Källenius schon gesetzt. Noch bevor er den Chefposten übernommen hat, verkündete er vor wenigen Tagen eine ehrgeizige Klimaschutzstrategie: Die Mercedes-Produktion in Europa soll bis zum Jahr 2022 CO2-neutral sein, die Autos sollen spätestens in zwanzig Jahren unschädlich fürs Klima sein. Die Frage ist kaum mehr, ob es Einschnitte geben wird auf diesem Weg, sondern nur, wie Källenius den Konzern wirklich umsteuern will und wie schmerzhaft die Kurskorrekturen dann sein werden. Die Autoindustrie müsse sich neu erfinden, hat Zetsche häufig gemahnt. Jetzt wird es Zeit für Fakten. Auch die Ära Zetsche hat letztlich zu lange gedauert.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch Video-Seite öffnen

          Nach Drohnen-Angriff : Ölpreis auf Vier-Monats-Hoch

          Die Anschläge auf die Raffinerien in Saudi-Arabien haben den Ölpreis in die Höhe getrieben. Nun droht ein zusätzlicher Dämpfer für die Weltwirtschaft.

          Schon angeschubst

          Habeck trifft Daimler-Chef : Schon angeschubst

          Auf der Me Convention diskutiert Robert Habeck mit dem neuen Daimler-Chef Ola Källenius über Klimaschutz und E-Mobilität. Beide sind sich so einig, wie Grüne und Autoindustrie es vielleicht noch nie waren.

          Topmeldungen

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch neue Ideen legte er in Luxemburg wieder nicht vor. Sein Gespräch mit EU-Kommissionschef Juncker blieb ohne Durchbruch.
          Haus an Haus: Bisweilen liegen Wunsch und Wirklichkeit zumindest räumlich sehr nah.

          Hohe Immobilienpreise : Vom Traumhaus zur Realität

          Die Suche nach Immobilien bringt immer mehr Stress mit sich. Doch vom freistehenden Einfamilienhaus träumen die meisten Deutschen. Und ein Eigenheim hat viele Vorteile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.