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Vorstände : Abfindungen versüßen den Abschied

  • -Aktualisiert am

Utz Claassen: „Rente mit 44” - angeblich 360.000 Euro im Jahr Bild: AP

Ein frühzeitiger Ausstieg aus dem Berufsleben kann für Vorstandsmitglieder lukrativ sein. Utz Claassen zum Beispiel verlässt mit 44 Jahren den Energieversorger ENBW und erhält angeblich ein Übergangsgeld von 360.000 Euro im Jahr. Wie üblich sind solche Abfindungen?

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          Ein frühzeitiger Ausstieg aus dem Berufsleben kann für Vorstandsmitglieder ziemlich lukrativ sein. So verlässt Utz Claassen, Vorstandsvorsitzender des Energieversorgers ENBW, Ende September das Unternehmen. Ob dies wirklich aus freien Stücken geschieht, wie er versichert, ist durchaus umstritten. Klar ist jedoch: Claassen geht noch vor Ablauf seines Fünf-Jahres-Vertrags - und erhält dennoch ein stattliches Übergangsgeld von angeblich 360 000 Euro im Jahr. In Karlsruhe am Unternehmenssitz spricht man denn auch ironisch von „Rente mit 44“.

          Dabei hatte die Kommission unter Multi-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, die alljährlich den Deutschen Corporate Governance Kodex aktualisiert, solch „goldene Handschläge“ eigentlich zurückschneiden wollen. Erst Mitte Juni hatte der Expertenkreis in seine Fibel für Manager und ihre Kontrolleure den Rat aufgenommen, Zahlungen an ausscheidende Vorstände zu deckeln. Allerdings ist diese Maßgabe als bloße „Anregung“ eingestuft - und eine solche ist noch unverbindlicher als die „Empfehlungen“ des Kodex.

          Spektakuläre Abgänge

          Doch immerhin wollte die Kommission damit Konsequenzen ziehen aus spektakulären Abgängen wie jenen von Bernd Pischetsrieder bei Volkswagen und Jürgen Schrempp bei Daimler-Chrysler. Pischetsrieder musste sein Amt aufgeben, ausgerechnet nachdem kurz zuvor sein Vertrag als Vorstandschef verlängert worden war. Und der Ausstieg von Schrempp, dessen bloße Ankündigung ein Kursfeuerwerk auslöste, bescherte dem glücklosen Konzernlenker auch noch eine Zusatzvergütung aus seinen Aktienoptionen, die dadurch erst so richtig „ins Geld“ kamen. Aktionärsschützer schätzen diesen Extrabonus auf 50 Millionen Euro.

          Bild: F.A.Z.

          Governance-Beauftragter Cromme bedauerte noch im Juli, dass derartige Fälle „das ganze System“ in Misskredit brächten. Da könne man sogar die Frage stellen, ob die zuständigen Aufseher ihrer Sorgfaltspflicht nachgekommen seien, raunte Cromme. Sein Kodex sieht nunmehr - nach ziemlich kontroverser Diskussion in der Kommissionsrunde - einen „Abfindungs-Cap“ für ausscheidende Vorstände von zwei Jahresgehältern vor. Wenn ein Manager nur geht, weil sein Unternehmen durch einen neuen Großaktionär übernommen wurde, soll die Obergrenze immerhin bei 150 Prozent dieses Betrags liegen dürfen. Und wenn der Vorstand selbst den Anlass für sein Ausscheiden geliefert hat - also einen „wichtigen Grund“, wie ihn das Aktiengesetz für die Abberufung eines Managers vorsieht -, dann solle er gar nichts erhalten, unterstreicht Cromme. Allerdings: Aufnehmen können Unternehmen diese Klausel frühestens in künftig auszuhandelnde Verträge. Denn kaum ein amtierendes Vorstandsmitglied wird bereit sein, sie sich noch nachträglich von seinem Aufsichtsrat aufs Auge drücken zu lassen.

          „Pensionszusagen sind ein blinder Fleck“

          Nicht nur Abfindungen und Übergangsgelder, sondern auch Ruhegehälter für Ex-Vorstände geraten in diesen Tagen ins Blickfeld. „Pensionszusagen sind nach wie vor ein blinder Fleck“, rügt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Denn das vor zwei Jahren verabschiedete Vorstandsvergütungs-Offenlegungsgesetz verlange nur eine Veröffentlichung des „wesentlichen Inhalts“ der entsprechenden Zusagen - und das auch nur, "wenn sie in ihrer rechtlichen Ausgestaltung von den Arbeitnehmern erteilten Zusagen nicht unerheblich abweichen".

          Bei Pensionen und Übergangsgeldern ließen sich die Unternehmen noch zu wenig in die Karten schauen, kritisiert auch DSW-Rechtsanwältin Christiane Hölz. Zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Gunther Friedel von der Technischen Universität München hat sie die Vorstandsvergütungen der Dax-Unternehmen im vergangenen Jahr untersucht. Seine Feststellung lautet: „Übergangsgelder fallen relativ üppig aus.“ Sie lägen in der Größenordnung von Pensionen. Diese betrügen - je nach vorheriger Amtsdauer - 30 bis 80 Prozent des Festgehalts. Mittlerweile seien die Aktiengesellschaften allerdings dazu übergegangen, nur noch die Beitragszahlungen zu garantieren, nicht mehr die späteren Endbeträge - „wie bei der gesetzlichen Rente“.

          Rente bis zum Lebensende

          Ausgerechnet bei Volkswagen, dem umsatzstärksten Dax-Unternehmen, hat man sich allerdings noch nicht einmal mit den neuen Kodex-Vorgaben auseinandergesetzt. Erst im November werde sich der Aufsichtsrat dazu äußern, sagte eine Sprecherin. Ob der etwas an den Abfindungsregeln ändern will, wollte sie nicht verraten. Die sind nämlich sehr lukrativ: Verlässt einer der Vorstände den Autokonzern vor dem eigentlichen Vertragsende, bekommt er sofort und bis an sein Lebensende eine Rente. Normalerweise wäre diese erst vom 63. Lebensjahr an fällig. So steht es auch im Geschäftsbericht des Unternehmens, was gesonderte Vertragsbedingungen natürlich nicht ausschließt.

          Ganz anders verhält es sich bei Allianz und Deutscher Bank. Wie die Vorstände bei einem vorzeitigen Ausscheiden zu bezahlen sind, ist dort einheitlich geregelt und lässt sich einfach zusammenfassen: Wer das Unternehmen verlässt, wird nur noch für die restliche Vertragslaufzeit entlohnt, plus erfolgsabhängige Prämien. Die Allianz will allerdings bei neuen Verträgen die Empfehlungen der Cromme-Kommission übernehmen und unter anderem nur noch maximal zwei Jahresgehälter als Abfindung ausbezahlen. Auch bei der Deutschen Telekom denkt man darüber nach. Derzeit liegt die Obergrenze dort bei drei Jahren.

          Die Deutsche Post geht einen eigenen Weg. Übergangsgelder zahlt sie überhaupt nicht - verlässt ein Vorstand das Unternehmen, hat er keine direkten Ansprüche gegen seinen früheren Arbeitgeber. Zumindest bis zu seinem 55. Lebensjahr. Dann nämlich warten üppige Altersbezüge auf ihn, die mit jedem Jahr im Dienste der Post steigen. Wenn Klaus Zumwinkel, 64 Jahre alt, demnächst seinen Vorstandsposten aufgibt, braucht er sich um seinen Ruhestand keine Gedanken mehr zu machen. 75 Prozent seines durchschnittlichen Fixgehalts stehen ihm dann zu. In Zahlen: etwa 1 Million Euro jährlich.

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