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8 Millionen Eisenbahner-Überstunden : Gewerkschaft empört über Grubes Anrufe bei Mainzer Kollegen

  • Aktualisiert am

Wie geht es weiter mit der Bahn? Bild: dpa

Bahn und Gewerkschaft beraten über das Stellwerk-Chaos. Dass Bahnchef Grube bei Mainzer Kollegen persönlich um Verschiebung des Urlaubs gebeten hat, empört die Gewerkschaft: Konzernweit seien 8 Millionen Überstunden und 9 Millionen Stunden ausstehender Urlaub aufgelaufen.

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          Bahnchef Rüdiger Grube hat Mitarbeiter aus dem Stellwerk Mainz persönlich um eine Verschiebung ihres Urlaubs gebeten und damit Empörung bei der Gewerkschaft ausgelöst. Im Interesse der Kunden und des Unternehmens habe Grube eine Handvoll Mainzer Kollegen angerufen und sie gebeten, sich zu überlegen, ob sie nicht ihren Urlaub verschieben könnten, sagte ein Bahn-Sprecher am Mittwoch. „Ausdrücklich sollten sie eine Nacht darüber schlafen.“ Es habe sich um Kollegen gehandelt, die derzeit im Dienst seien und sich noch nicht im Urlaub befänden, stellte der Sprecher klar.

          Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG reagierte empört: „Dass Mitarbeiter, die dringend Urlaub brauchten, vom obersten Konzernlenker persönlich angerufen werden, halte ich für ein Ding der Unmöglichkeit“, sagte EVG-Chef Alexander Kirchner.

          Es gebe Kollegen in Mainz, die seit Dezember keine drei Tage am Stück frei gehabt hätten. „Der Akku ist einfach leer.“ Die Entscheidung, den Betrieb in Mainz einzuschränken, habe allein die Deutsche Bahn getroffen, weil sie das Stellwerk nunmehr tagsüber mit drei statt bisher zwei Fahrdienstleitern besetzt wissen wollte. Für diese Regelbesetzung aber seien nicht ausreichend Mitarbeiter vorhanden. Mit Urlaub oder Krankheit habe die Situation nichts zu tun. Die Bahn hatte die Einschränkungen mit ungewöhnlich vielen Krankmeldungen während der Urlaubszeit begründet.

          Rüdiger Grube

          In Mainz musste wegen des Personalmangels im Stellwerk der Zugbetrieb erheblich eingeschränkt werden. Trotz geplanter Verbesserungen in den kommenden Tagen hat die Bahn Normalbetrieb erst wieder für Ende August in Aussicht gestellt. Grube selbst hatte seinen Urlaub abgebrochen und will am Mittwoch mit Managern und Arbeitnehmervertretern über eine Lösung sprechen. Die Gewerkschaft hat das Management nach Frankfurt zu einem Treffen geladen, um über Personalengpässe und Überalterung der Belegschaft im ganzen Konzern zu sprechen.

          Die Gewerkschaft verlangt mehr Einfluss auf die Personalplanung der Bahn. Während eines Krisentreffens in Frankfurt forderte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner zwar zusätzliche Neueinstellungen, um Personalengpässe in allen Bereichen der Bahn zu beheben. Er vermied aber, eine konkrete Zahl zu nennen. Stattdessen solle sich die Bahn verpflichten, die Arbeitnehmervertreter in die Personalplanung stärker als bisher einzubeziehen.

          „Mainz ist die Spitze des Eisbergs“, sagte der Gewerkschaftschef. Konzernweit seien 8 Millionen Überstunden und 9 Millionen Stunden ausstehender Urlaub aufgelaufen. „Unsere Forderung ist eine Personalplanung, die sicherstellt, dass die Kollegen ihren Urlaub bekommen und freie Tage tatsächlich frei sind.“

          Am 30. August soll in Mainz der normale Fahrplan gelten

          Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber nannte die Vorgänge in Mainz ein „Debakel, das nicht mehr passieren darf.“ Er wehrte sich gegen den Vorwurf, es gebe bei der Bahn keine Personalplanung. Man nehme den demografischen Wandel ernst, was sich in den 20.000 Neueinstellungen der vergangenen Jahren zeige. Allein im ersten Halbjahr 2013 habe die Bahn 2000 neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Am Abend wollte noch Bahnchef Rüdiger Grube mit der EVG-Spitze sprechen.

          Nach einem bereits am Dienstag erfolgten Gespräch mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kündigte die Bahn an, die über Mainz führenden Zugverbindungen vom kommenden Wochenende an schrittweise wieder zu verbessern. Ab 30. August will sie zum normalen Fahrplan zurückkehren. Ins Mainzer Stellwerk sollen im September vier Fahrdienstleiter-Helfer zusätzlich kommen, von November bis Dezember fünf weitere neue Dienstleiter.

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