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Küchenmöbelhersteller : Hauptinvestor verklagt frühere Alno-Vorstände auf 60 Millionen Euro

Die Aufschrift ALNO AG prangt am Haupteingang des Küchenherstellers Alno in Pfullendorf. Bild: dpa

Nach der Pleite des Küchenkonzerns vor zwei Jahren birgt die Aufarbeitung viel Sprengstoff. Auch die Staatsanwälte ermitteln noch.

          Die Aufarbeitung der Pleite der niedergegangenen Aktiengesellschaft des Küchenmöbelherstellers Alno bekommt neue Brisanz. Nun hat der ehemalige Hauptinvestor die beiden früheren Vorstände Max Müller und Ipek Demirtas nach Informationen der F.A.Z. auf einen Schadenersatz in Höhe von knapp 60 Millionen Euro verklagt. Das Landgericht Hechingen bestätigte den Eingang der Zivilklage vom 13. Juni. Diese soll sich auf Straftaten wie Kreditbetrug und eine falsche Darstellung der Vermögenslage des damaligen Konzerns stützen, wie Tahoe Investors auf Anfrage mitteilte. Der Investmentzweig des bosnischen Familienunternehmens Hastor, das sich vor allem auf Zulieferbetriebe in der Automobilindustrie spezialisiert hat, war im Jahr 2016 in den traditionsreichen und damals schon wirtschaftlich angeschlagenen Küchenproduzenten aus Pfullendorf eingestiegen. Im Juli 2017 wurde Insolvenz angemeldet.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die 60 Millionen Euro sollen dem Investment von Tahoe in Alno entsprechen. Der damalige Hauptinvestor sieht sich vom früheren Vorstandsvorsitzenden Müller und der Finanzchefin getäuscht. Auf Nachfrage meldete sich nur Demirtas, welche die Vorwürfe zurückwies und anführte, dass Belege zur Entlastung existierten. „Das alles wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, sagte sie am Telefon zu den Beschuldigungen. Müller, der aus der Schweiz kommt und ein Geflecht von Gesellschaften unterhält, firmiert derzeit mit Demirtas an der Spitze des Stahlküchenherstellers Forster aus Arbon (Kanton Thurgau).

          Mit der Pleite Alnos beschäftigt sich die Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsstrafsachen in Stuttgart. Dort hieß es, dass die Ermittlungen andauerten. Im vergangenen Jahr war bekanntgeworden, dass die Anklagebehörde wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Betrug gegen zwölf ehemalige Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer der Alno AG und ihrer einst sechs Tochterunternehmen ermittelt. Dafür fand auch eine Razzia in Geschäftsräumen und Privatwohnungen in sechs Bundesländern statt.

           Lage „extrem schwierig“

          Insolvenzverwalter Martin Hörmann hatte Anfang Januar 2018 schwere Vorwürfe gegen ehemalige Vorstände und Aufsichtsräte von Alno erhoben. In einem 72 Seiten umfassenden Bericht ging es um die Frage, ob das Management nicht schon im Jahr 2013 eine Insolvenz hätte beantragen müssen. Aktuell wollte Hörmann zu dem Fall keine Stellungnahme abgeben. Müller hatte in der Vergangenheit die Beschuldigungen zurückgewiesen.

          In seinem Bericht stellte Hörmann fest, dass die AG seit dem Börsengang im Jahr 1995 nahezu durchgehend ein negatives Periodenergebnis ausgewiesen und der monatliche Finanzstatus bereits seit dem Jahr 2013 fast durchgehend eine Unterdeckung gezeigt habe. Trotz wiederholter Planverfehlungen habe der Vorstand an positiven Umsatz- und Ertragserwartungen unverändert festgehalten. Diese seien nicht realistisch gewesen. Müller war zwischen April 2011 und Mai 2017 Vorstandvorsitzender. Als Finanzchefin wirkte im Vorstand Demirtas zwischen Juli 2011 und Dezember 2016. Tahoe sieht sich von der früheren Alno-Führung über die Leistungsfähigkeit des Küchenherstellers beim damaligen Einstieg hinters Licht geführt. Doch auch mit dem Hauptinvestor wurde erst im Juli 2017 ein Insolvenzantrag gestellt.

          Noch größere Kreise könnte die Alno-Pleite nachträglich ziehen, wenn sich ein Fehlverhalten des Haushaltsgeräteherstellers Bauknecht und dessen einstigen Chefs Marc Bitzer nachweisen ließe. Der saß bis Ende Oktober 2014 im Alno-Aufsichtsrat und ist heute Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Whirlpool-Konzerns, zu dem Bauknecht gehört. Whirlpool war Hauptlieferant für die Alno-Küchen und bis November 2016 Aktionär und mit mehr als 10 Prozent am Grundkapital der Alno AG beteiligt. Mit der Unternehmensanleihe von 2013 über 45 Millionen Euro seien damals unmittelbar 20 Millionen Euro von Alno an Bauknecht geflossen.

          In Hörmanns Bericht heißt es, dass der Haushaltsgerätehersteller die Lage der Alno-Gruppe schon längere Zeit als „extrem schwierig“ eingeschätzt habe. So habe Bauknecht eigene Forderungen gegen Alno mit erheblichen Abschlägen (80 Prozent) an Dritte verkauft. Bauknecht habe sich an Sanierungsmaßnahmen beteiligt, ohne dass die Sanierungswürdigkeit der Alno AG anhand von Sanierungsgutachten bestätigt worden sei. Zudem müsse untersucht werden, ob Alno-Zahlungen für Lieferungen von Bauknecht marktgerecht gewesen seien. Es gebe Hinweise, dass Alno „über Jahre hinweg“ Elektrogeräte von Bauknecht erworben habe, die laut Vergleich der Listenangaben „über den Preisen für vergleichbare Konkurrenzprodukte lagen“. Dazu wollte Bauknecht auch jetzt wieder keine Stellungnahme abgeben.

          Als Nachfolgeunternehmen wurde die Alno GmbH Ende 2017 vom britischen Finanzinvestor Riverrock übernommen, der den Küchenhersteller aufs Premiumsegment ausrichtet und nach der Sanierung weiterverkaufen will.

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