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320 Millionen für Lehman : Die berühmteste Überweisung

Lehman gilt lange als unkritisch

So haben die Ermittler den Ablauf rekonstruiert: Auf der Grundlage eines seit August 1992 bestehenden Rahmenvertrages mit Lehmann Brothers und einer Tochtergesellschaft führt die KfW Währungsswapgeschäfte durch. Eines dieser Geschäfte sieht den Rücktausch von Devisen am 15. September 2008 vor. Die KfW soll 319.362.297,36 Euro an Lehman überweisen und dafür von Lehman 500 Millionen Dollar erhalten. Am 22. August 2008 führt die KfW ein Adhoc-Rating durch. Die Staatsbanker sind hellhörig geworden, weil Lehman für das zweite Quartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar ausgewiesen hat und Analysten im dritten Quartal 4 Milliarden Dollar Verlust erwarten. Die KfW senkt das bankinterne Rating für Lehman von M 4 auf M 5, womit das Investment aber weiterhin als unkritisch gilt.

Tatsächlich weist Lehman am 10. September für das dritte Quartal einen Verlust von 3,9 Milliarden Dollar aus. Etwa zur selben Zeit werden Gespräche über eine Kapitalbeteiligung der Korea Development Bank abgebrochen. Die KfW führt abermals ein Adhoc-Rating durch. Die großen externen Agenturen Standard & Poors und Moodys lassen zu diesem Zeitpunkt ihre Bewertung unverändert, was in der Überleitung auf das von der KfW angewandte Ratingverfahren M 4 bedeutet. Die KfW wertet intern dennoch auf M 7 ab. Damit wird Lehman gleichwohl weiterhin in der Risikokategorie „Investment Grade“ als unkritisch geführt.

Mit einer Insolvenz hat keiner gerechnet

Am Freitag, dem 12. September 2008, findet auf Veranlassung des Risikomanagements eine Besprechung zwischen fünf Personen aus Abteilungen unterhalb der Vorstandsebene der KfW statt, in der über Maßnahmen zur Begrenzung möglicher Risiken mit Lehman gesprochen wird. Die Teilnehmer sind besorgt, aber nicht so sehr, als dass sie eine Einstellung der Geschäftsbeziehung empfehlen. Immerhin stoppen sie Neugeschäfte, in das elektronische Handelssystem der KfW wird der Vermerk eingegeben: „b.a.w. kein Neugeschäft möglich. Limit auf die Inanspruchnahme begrenzt“.

Eine Insolvenz zieht den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge keiner der Teilnehmer in Betracht. Vielmehr wird damit gerechnet, dass die viertgrößte Investmentbank der Welt von einer anderen Bank übernommen oder wie im Fall von Bear Stearns vom Staat gestützt wird. Deshalb wird auch keine Übersicht über die Fälligkeiten der zu diesem Zeitpunkt bestehenden 173 Devisenswapgeschäfte erstellt. Folglich ist keinem der Teilnehmer bekannt, dass am folgenden Montag die Überweisung fällig wird. Über die Besprechung werden weder die beschuldigten Vorstandsmitglieder noch der beschuldigte Bereichsleiter informiert. Niemand sieht sich veranlasst, Lehman über das Wochenende intensiver zu beobachten. Die Bank steht ohnehin auf der internen „Hot-Spot-Liste“ und unterliegt somit besonderer Beobachtung – freilich nicht über das Wochenende.

Die Mitarbeiter des Rechnungswesens bekamen keine warnenden E-Mails

Am Sonntag, dem 14. September 2008, um 21.30 Uhr sendet die Nachrichtenagentur Reuters eine Meldung, dass Derivatehändler einen bevorstehenden Konkurs von Lehman nicht mehr ausschließen. Diese Meldung verschickt ein KfW-Mitarbeiter aus der Abteilung Money Market Foreign Exchange am Montag um 07.41 Uhr per E-Mail an mehrere Kollegen. Wann diese Mail von wem gelesen wird, lässt sich nicht exakt nachvollziehen. Um 07.47 Uhr deutscher Zeit stellt Lehman Brothers in New York Insolvenzantrag. Um 07.53 Uhr übersendet derselbe KfW-Mitarbeiter diese Meldung an dieselben Adressaten, wobei mit einer Ausnahme nicht feststellbar ist, wann die Mitteilung von diesen zur Kenntnis genommen wird.

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