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25 Jahre Game Boy : Junge, bist du alt geworden

Urahn des mobilen Spielens: der Game Boy Bild: picture alliance / empics

Vor 25 Jahren brachte Nintendo den Game Boy auf den Markt. Er wurde zum Verkaufsschlager - und veränderte zugleich eine ganze Branche.

          3 Min.

          Wer Anfang der neunziger Jahre auf Klassenfahrt fuhr, konnte mitunter eine Spaltung der Gesellschaft miterleben. Die Kluft tat sich in Reisebussen oder Zügen auf und trennte dieselbe Generation in analoge Habenichtse und digitale Vorreiter. Während die einen in kleinen Gruppen Mau-Mau spielten, Skat kloppten oder schafkopften, starrten die anderen auf ein Bildschirmchen, das gerade mal so groß war wie eine halbe Zigarettenschachtel. Das Display gehörte zum Game Boy, einer tragbaren Spielkonsole des japanischen Nintendo-Konzerns. Oft lief darauf das Spiel Tetris, bei dem der Spieler verschiedenförmige Klötzchen so stapeln muss, dass sie geschlossene Reihen ergeben. War eine Reihe voll, löste sie sich auf und verschwand. Und obwohl das aus dem Game-Boy-Lautsprecher krächzende russische Volkslied „Die Hausierer“ die Kartenspieler ziemlich oft ziemlich nervte, schauten sie insgeheim genauso oft neidisch auf die Konsolenbesitzer.

          Am Montag vor 25 Jahren brachte Nintendo den Game Boy in Japan auf den Markt, von August 1989 an lag die kleine graue Kiste mit dem grau-grünlichen LCD-Bildschirm auch in amerikanischen Läden. Europäer konnten die Spielkonsole von September 1990 an kaufen. Und das taten viele Menschen. Nach Angaben von Nintendo hat das Unternehmen von der tragbaren Konsole rund um den Globus fast 119 Millionen Exemplare abgesetzt. Dazu verkaufte der Konzern mehr als 500 Millionen Spiele. Damit hat sich der Game Boy bisher besser verkauft als die aktuellen Nintendo-Spielkonsolen Wii und Wii U zusammen. „Jungen wünschen sich zu Weihnachten besonders oft elektronische Spiele“, schrieb diese Zeitung im Dezember 1992. „Dazu zählt an erster Stelle der Game Boy, der offensichtlich bald zur Grundausstattung jedes Kinderzimmers zählen wird, in dem ein Junge wohnt.“

          Ganz so weit ist es nicht gekommen, doch habe der Game Boy mit Spielen wie Tetris, Super Mario Land oder Donkey Kong die ganze Spieleindustrie verändert. Das sagt zumindest Andreas Lange, Direktor des Computerspielemuseums in Berlin. „Einerseits hat der Game Boy eine Tradition fortgesetzt, die Spieleautomaten schon vorher begründet hatten: in der Öffentlichkeit Videospiele zu spielen“, sagt Lange. „Auf der anderen Seite hat er ganz neue Schichten von Spielern angesprochen.“ Mit einer Länge von rund 15 Zentimetern und einem Gewicht von ungerechnet drei Tafeln Schokolade passte der Game Boy auch in die Handtasche. „Das hat auch für Frauen die Hemmschwelle vor Videospielen deutlich gesenkt.“

          Jeder Game Boy wurde mit dem Spiel Tetris ausgeliefert

          Eine besondere Rolle spielte laut Lange, dass Nintendo die Konsole nur im Paket mit Tetris auslieferte. Das Klötzchensortierspiel war zwar selbst für die technischen Möglichkeiten des Game Boys und für den Stand der Spieleindustrie in den neunziger Jahren nicht gerade überkomplex gestaltet. Doch genau das sei der Trick gewesen. „Man versteht es sofort und will gleich weiterspielen“, sagt Lange. „Es war ein in jede Richtung Anschluss bietendes Spiel. Ohne solch ein Spiel hätte es der Gameboy wohl nicht schaffen können, so erfolgreich zu werden.“

          25 Jahre und noch immer in den Läden vertreten - und sei es nur als Attrappe: Szene aus Tokio
          25 Jahre und noch immer in den Läden vertreten - und sei es nur als Attrappe: Szene aus Tokio : Bild: AFP

          Dabei fand der Siegeszug des Geräts vor einem sich verschärfenden Konkurrenzkampf statt. Fast gleichzeitig machten sich zwei Wettbewerber daran, Nintendo einzuholen. Der amerikanische Computerhersteller Atari wollte schon von Herbst 1989 an die Spieler mit seiner tragbaren Spielkonsole Lynx gewinnen. Das japanische Unternehmen Sega brachte seinen Game Gear dann 1990 auf den Markt. Beide Geräte hatten Farbbildschirme und waren auch noch anderweitig dem Game Boy meist technisch überlegen. Doch waren sie dadurch auch teurer. Während Nintendo seine Konsole für umgerechnet etwa 75 Euro verkaufte, kostete der Game Gear das Doppelte. „Außerdem hielten die Batterien beim Game Boy viel länger“, sagt Museumsdirektor Lange. „Und das ist für ein mobiles Spiel ein viel wichtigeres Argument als zum Beispiel die Qualität der Grafik oder die Komplexität eines Spieles.“

          So ein Verkaufsschlager wäre heute nicht zu wiederholen

          Die Einfachheit gibt auch bei heutigen mobilen Spielen oft noch den Ausschlag für Erfolg oder Misserfolg. Beliebte Smartphone-Spiele wie „Flappy Bird“ oder „Angry Birds“ sind meistens genauso schnell zu verstehen wie vor 25 Jahren Tetris. Allerdings braucht es gerade für solche Spiele keine eigene Konsole mehr. Ein Verkaufsschlager wie der Game Boy wäre deswegen heute wohl nicht mehr zu wiederholen. „Die Smartphones haben den Markt für mobile Spiele erobert“, sagt auch Andreas Lange. Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom spielen inzwischen fast 11 Millionen Deutsche auf ihren internetfähigen Telefonen.

          Doch trotz dieser Entwicklung hat auch der Game Boy immer noch Anhänger, von denen sich manche im Internet treffen. Auf der Videoplattform Youtube hat ein Nutzer die nervige Tetris-Titelmusik mit ein paar Bildern der Spielkonsole eingestellt. „Da werden Erinnerungen wach“, schreibt ein Youtube-Nutzer, „ah, Nostalgie“, ein anderer. Bis heute haben die Besucher das Video mit der russischen Piepsmusik fast sechs Millionen Mal angeklickt.

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