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Handel im Wandel : Amazon macht jeden Tag auf Schlussverkauf

Das letzte große Buch des Konsums Bild: ddp

Vor den Internetgiganten sah die Welt des Einzelhandels ganz anders aus: Quelle war das größte deutsche Versandhaus, Neckermann druckte noch Kataloge. Heute sind beide insolvent.

          In der Carolus Buchhandlung drängen sich Kunden an den Bücherregalen vorbei, die wenigen Leseplätze sind besetzt, die Schlange an der Kasse lang. An dem Schaufenster kleben rote Sticker mit der Botschaft „Alles muss raus“ und „Räumungsverkauf“. Die gesamte Ware ist auf 50 Prozent reduziert. Die älteste Buchhandlung Frankfurts hat am Samstag ihre Türen geschlossen.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          „Plötzlich finden uns die Leute, vorher sind sie nicht gekommen“, sagt Ariane Roth, Geschäftsführerin der Buchhandlung. Jetzt seien die Rabattjäger da. Carolus ist eine von vielen Buchhandlungen, die in den vergangen 25 Jahren schließen musste. „Durch das Aufkommen des Online-Handels hat sich das Kundenverhalten komplett verändert“, sagt sie.

          Längst sind nicht nur die Buchhändler von dem Wandel betroffen. In der gesamten Einzelhandelsbranche bewegen sich die Umsätze vom stationären Ladengeschäft hin zum Online-Handel. Davon sind auch die Innenstädte betroffen. Im 20. Jahrhundert definierte der Soziologe Max Weber die Stadt als einen Marktplatz, auf dem sich Bewohner trafen, um ihre Ware zu tauschen.

          Online verdrängt stationären Handel

          Heute reden Experten stattdessen von der Verödung der Innenstädte. „Natürlich spüren unsere Händler in den kleineren und mittleren Städten rückläufige Besuchersequenzen. Es kommen weniger Leute in die Stadt. Die kaufen stattdessen im Netz“, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE).

          Vor 25 Jahren sah die Welt noch anders aus. Trotzdem gab es schon vor den Internetkonzernen radikale Strukturveränderungen im Handel – so gab es 1994 längst große Discounter und Supermarktketten, die den inhabergeführten Lebensmittelhandel nach und nach aus den Städten verdrängten. Der Wandel des stationären Einzelhandels kam schrittweise. Im Jahr 2002 gab es noch 418.122 Einzelhändler, im Jahr 2017 waren es noch 340.672. Für die nächsten Jahre wird ein weiteres Ladensterben prognostiziert.

          Wie sehr der Online-Handel den stationären Handel verdrängt hat, lässt sich an der Geschichte der Warenhäuser erzählen: Mit dem Slogan „Alles unter einem Dach“ lockten die Warenhäuser die Verbraucher einst massenweise in ihre Filialen. Noch Mitte der siebziger Jahre verfügten sie über einen Marktanteil von 15 Prozent am Einzelhandelsumsatz.

          Günstigster Preis bei Amazon

          Vor 25 Jahren betrieben die vier wesentlichen Adressen – Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten – insgesamt noch rund 400 Filialen, von denen heute weniger als die Hälfte übrig geblieben. Unter dem Druck schwindender Marktanteile schlossen sich im vergangenen Jahr nach langem Ringen die beiden letzten verbliebenen Warenhausunternehmen – Kaufhof und Karstadt – zusammen. Mit einem Umsatz von rund 5 Milliarden Euro kommen sie heute kaum noch auf 1 Prozent Marktanteil. Zu schaffen macht ihnen aber nicht nur der florierende Online-Handel. Für immer mehr Konkurrenz sorgen auch vertikal aufgestellte Ketten wie Zara und H&M sowie Billiganbieter wie Primark und TK Maxx.

          Heute strömt keine Besuchermasse mehr in die Einkaufszentren. Im Jahr 1996 schrieb die F.A.Z., dass Einkaufen „längst nicht mehr als lästiges Übel empfunden werde, vielmehr als hochwillkommene Abwechslung, gleichsam als neue Form, sich mit seiner Freizeit auseinanderzusetzen“. Gerade Schlussverkäufe zogen Konsumenten in die Läden – den günstigsten Preis findet man heute meist bei Amazon. Durch den Online-Handel kann nun jeder zu jeder Zeit einkaufen, im Jahr 1998 stellte der HDE in einer Umfrage noch fest, dass Kunden die verlängerten Einkaufszeiten bis 16 Uhr an einem Samstag nur wenig nutzen würden.

          Quelle-Katalog ist tot

          Helma Fischer arbeitete schon als Buchhändlerin, da war die Idee zu Amazon noch gar nicht geboren. Die 70 Jahre alte Frau leitet die Steinmetz’sche Buchhandlung in Offenbach. Ihr Geschäft sei heute ein anderes als damals. „Durch das Internet sind Produkte wie das gedruckte Lexikon ganz weggefallen“, sagt sie. Damals galten englische Wörterbücher als Verkaufsschlager, heute steht nur noch eines „aus reiner Nostalgie“ im Ladenregal.

          Dabei musste man auch vor 25 Jahren nicht unbedingt ein Geschäft besuchen, um einzukaufen. Es gab den Versandhandel – nur in Form großer Katalog-Versandhändler. Bis heute ist Deutschland das Land mit den meisten Katalogen. Einen Neckermann-Katalog mit 1000 Seiten Umfang wie im Jahr 1990 gibt es aber nicht mehr. Hans Magnus Enzensberger sagte einmal, die Katalogware sorge „für den Duft der großen weiten Welt im Mief der Mittelmäßigkeit“. Im Jahr 2007 zählten zu den größten Versandhändlern in Deutschland Unternehmen wie Quelle, Weltbild und Neckermann. Quelle meldete 2009 Insolvenz an, Neckermann im Jahr 2012. Amazon war damals gerade einmal auf Platz sechs. Heute steht der Online-Händler unangefochten an der Spitze.

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