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100 Jahre Melitta : Eine deutsche Schöpfungsgeschichte

So sah er aus: Der erste Kaffeefilter von Melitta Bentz Bild: dpa

Vor 100 Jahren erfand die Dresdnerin Melitta Bentz den Kaffeefilter. Ein ähnlich innovatives Produkt ist für den Konzern ihrer Enkel nicht in Sicht - obgleich das Unternehmen das gut vertragen könnte.

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          Es ist eine Innovation aus Deutschland, dem Land der Ideen. Das Jahr heißt 1908, der Schauplatz Dresden, Marshallstraße 31: Melitta Bentz ist genervt. Wie viele Sachsen liebt die Hausfrau ihr „Schälchen Heeßen“ – frisch aufgebrühten Kaffee. Auch im Rest Deutschlands hat sich der koffeinhaltige Blutdrucktreiber seit seiner Einführung im 17. Jahrhundert längst zum Genussmittel entwickelt.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Doch seine Zubereitung hat Optimierungspotential: Wasser mit Kaffeepulver wird aufgekocht und durch Metallsieb oder Stoffbeutel gegossen. Die Löcher darin sind viel zu groß, um die Reste der gemahlenen Bohnen aufzuhalten. Unweigerlich sinken sie auf den Kannenboden, schwemmen beim Eingießen krümelweise in die Tasse und von dort aus in Melitta Bentz' Zahnzwischenräume. „Kaffeesatz“ heißt das Abfallprodukt der braunen Brühe. Aroma und Genuss schmälert es beträchtlich.

          Sich zu ärgern ist bequemer

          Der Mensch gewöhnt sich an alles. Er registriert einen Mangel und will ihn dennoch nicht beheben. Lieber ärgert er sich, das ist bequemer. So läuft es bei den meisten. Der Erfinder hingegen kann sich an einen Mangel nicht gewöhnen, das lässt sein Trieb nicht zu. Ist etwas unvollkommen, will er verändern und erschaffen. So entsteht Fortschritt, so fühlt Melitta Bentz.

          Heute stellt Melitta nicht nur die Filtertüten her - sondern auch den Kaffee
          Heute stellt Melitta nicht nur die Filtertüten her - sondern auch den Kaffee : Bild: dpa/dpaweb

          Die dreifache Mutter, 34 Jahre alt, hübsch und temperamentvoll, schlägt mit Hammer und Nagel Löcher in einen Messingtopf, legt ein Löschblatt aus dem Schulheft ihres ältesten Sohnes auf den Boden und hat den Kaffeefilter erfunden. Bis zur Markteinführung muss die Idee jedoch noch reifen. Das Löschpapier filtert zu langsam und wird ersetzt. Der Messingtopf muss einem aus Messing geschweißten, 13 Zentimeter hohen zylindrischen Filterapparat mit Wasserverteiler und Rundfilter weichen. Am 8. Juli 1908 kommt das Patent für den „Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem und mit Vertiefung versehenem Boden sowie schräg gerichteten Durchflußlöchern.“ Ebenfalls geschützt: das zugehörige„Filtrierpapier“.

          Der Anteil des Filterkaffees schrumpft

          100 Jahre später ist Melitta ein Synonym für Filtertüten. Der Siegeszug des Produkts beschert der Familie Bentz noch immer ihr Einkommen – wenngleich der Familienbetrieb zum Konzern gewachsen ist und seit 1929 im ostwestfälischen Minden residiert. 1,25 Milliarden Euro Umsatz hat das Unternehmen im vergangenen Jahr erzielt, 60 Prozent davon mit der Sparte „Kaffeegenuss“, in die neben den Filtern auch der Verkauf von Kaffee und Kaffeeautomaten fällt. Daneben produziert Melitta Alufolie, Frischhalte- und Staubsaugerbeutel. Weltweit beschäftigt der Konzern 3188 Mitarbeiter.

          Ausgerechnet die Entwicklung des Kaffeegeschäfts könnte die Stimmung trüben, wenn Melittas Enkel Thomas und Stephan Bentz heute das Jubiläum der genialen Erfindung ihrer Großmutter feiern. Zwar trinken die Deutschen mit durchschnittlich 146 Litern pro Kopf im Jahr immer noch mehr Kaffee als Mineralwasser (130 Liter) oder Bier (116 Liter). Doch der Anteil des Filterkaffees schrumpft. 2007 ging der Umsatz laut dem Marktforschungsunternehmens AC Nielsen um 4 Prozent auf rund 2 Milliarden Euro zurück – bei Melitta im wichtigsten europäischen Markt nach eigenen Angaben sogar um 6 Prozent. Preisverfall, Konkurrenzdruck, steigende Produktions- und Rohstoffkosten: der Mindener Familienkonzern gibt dem Markt die Schuld. Ertragszahlen verrät er nicht.

          Pads und Kapseln

          Auch vor der langen Tradition des Melitta-Filters haben die Konsumenten keinen Respekt. Immer öfter greifen sie zu billigen Nachahmerprodukten. Der Markt für die teebeutelähnlichen Pads und Kapseln, mit denen das Lebenselixier Kaffee schnell und bequem aus Spezialmaschinen portionsweise in die Tasse tröpfelt, wuchs im vergangenen Jahr um 50 Prozent. Grund sei die Vereinsamung der Gesellschaft, psychologisiert der Kaffeeverband: Die Single-Haushalte der schnelllebigen Gegenwart verlangten Kaffee auf Knopfdruck.

          Hätte Melitta Bentz' Erfindergeist die Mindener Firmenzentrale durchweht, vielleicht wäre Melitta das Debakel mit seinem Einzelportionsautomaten „My Cup“ erspart geblieben. Als das Gerät nach 2 Jahren Entwicklungszeit Ende 2004 auf den Markt kam, sollte es Image und Wachstum der schwächelnden Haushaltssparte treiben. Von der Innovationskraft der einstigen Weltneuheit konnte bei Markteinführung der Melitta-Maschine allerdings nicht die Rede sein. Längst erzielte der niederländische Philips-Konzern mit seinem Automaten Senseo beachtliche Umsätze. Weil er zudem weniger als die Hälfte des Mindener Konkurrenzprodukt kostete und weitaus stärker beworben wurde, verkam „My Cup“ zum Ladenhüter. Eineinhalb Jahre und von Beobachtern geschätzte 20 Millionen Euro Kosten später war der Traum von einem neuen Wachstumstreiber vorbei.

          Daran wird sich wohl auch im Jubliäumsjahr nichts ändern. Sieben Innovationen preist Melitta in seinem Geschäftsbericht an. Eine davon besteht zu 60 Prozent aus dem nachhaltigen Rohstoff Bambus und verspricht „volles Aroma und höchsten Kaffeegenuss“: eine Filtertüte, ökologisch abbaubar.

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