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Unternehmen : Spionage mit Foto-Handys wird zur akuten Gefahr

  • Aktualisiert am

In Sekundenschnelle werden Fotos verschickt Bild: AP

Firmen erklären Sicherheitsbereiche zur "Handy-freien Zone", um Industriespionage zu verhindern. Die neuen Foto-Handys können nicht nur sensible Aufnahmen machen, sie versenden sie auch sofort weltweit.

          Mister Q, der schrullige Berater und Herrenausrüster des Meisterspions James Bond, wäre fasziniert. Immer auf der Suche nach neuen Verstecken für ein umfangreiches Waffenarsenal oder aber für Minikameras, könnte Q der Erfindung des Handys mit eingebautem Fotoapparat sicherlich etwas abgewinnen.

          Der Spion von heute allerdings braucht keinen Mister Q, um sich die Ausrüstung für seine Spähtätigkeit zu verschaffen. Mehrere Dutzend Mobiltelefone mit Kamera sind heute im Angebot der Netzbetreiber zu finden. Fast wöchentlich kommen neue Modelle hinzu. Dabei verbessert sich auch die Auflösung der eingebauten Aufnahmegeräte stetig.

          Linse mit Sicherheitsaufkleber abdecken

          Was zunächst als Spielerei der Mobilfunkenthusiasten erscheint, wächst inzwischen zum echten Problem für die Sicherheitsbeauftragten vieler Konzerne heran. Als eines der ersten Unternehmen hat jetzt der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung in den Sicherheitsbereichen einiger seiner Werke die Benutzung von Mobiltelefonen mit eingebauter Kamera verboten, um der Industriespionage vorzubeugen. Die Geräte dürfen von Mitarbeitern und Gästen zwar mitgeführt werden, die Linse der Kamera muß aber mit einem Sicherheitsaufkleber abgedeckt werden. Die pikante Note dieser Entscheidung: Samsung selber gehört zu den international größten Produzenten der Kamerahandys.

          Aber auch in den europäischen Unternehmen dämmert die Einsicht, daß sich diese Geräte zu einer Gefahr für die sensiblen Designstudien oder andere Geschäftsgeheimnisse entwickeln können. Die neue Dimension dieser Gefährdung liegt darin, daß Bilder nicht nur weitgehend unbemerkt aufgenommen, sondern als Multimedia-Nachricht (MMS) auch in Sekundenschnelle an fast jeden Ort der Welt verschickt werden können. Eine verspätete Ergreifung des Eindringlings könnte den angerichteten Schaden nicht verhindern.

          Aufnahmen sofort weltweit versenden

          Langsam, aber stetig wächst daher die Aufmerksamkeit, mit der die Sicherheitsbeauftragten dieses Thema behandeln. So bestätigt Berthold Stoppelkamp, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft in Berlin, daß sich viele Unternehmen inzwischen mit dieser Frage auseinandersetzen. Auch gebe es sensible Bereiche, in denen schon heute verboten sei, ein solches Gerät bei sich zu haben. Allerdings sei es sehr schwierig, dies zu kontrollieren. Das wird auch vom Handyhersteller Nokia in Düsseldorf bestätigt. Hier heißt es, daß Fotoapparate und Kamerahandys vor Betreten der Sicherheitsbereiche abgegeben werden müßten. Robert Kinney, Regionalleiter Konzernsicherheit für Westeuropa beim Netzwerkausrüster Lucent Technologies, bemerkt, es sei jetzt durch die gleichen Geräte, die zu einem Boom in der Branche führten, möglich, Spionage sehr viel einfacher zu betreiben und dann spurlos zu verschwinden.

          Beim Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen dürfen Fotohandys zwar auf das Werksgelände mitgebracht, ausdrücklich aber nur zum Telefonieren genutzt werden, denn natürlich gilt in der gesamten Branche ein strenges Verbot von Foto-, Film- und Videoaufnahmen auf dem Werksgelände. Bei Bayer gilt eine noch schärfere Regelung: In Leverkusen werden Fotohandys wie normale Kameras behandelt und sind am Empfang zu hinterlegen. "Da es sich aber nicht ausschließen läßt, daß ein Fotohandy am Empfang nicht als solches erkannt wird, sind auch diejenigen, die unsere Besucher am Empfang abholen und danach auf dem Werksgelände begleiten, zu erhöhter Aufmerksamkeit angehalten", sagte ein Sprecher des Unternehmens. Außerdem gebe es auf dem Werksgelände bestimmte Bereiche, zu denen der Zutritt mit jeder Art von Handy untersagt sei. Andererseits gebe es Mitarbeiter, die ein Diensthandy mit Kamera besäßen - diesen werde eigens ein Ausweis ausgestellt, der den Beschäftigten zum Mitführen seines Handys berechtigt.

          Noch keine speziellen Verbote

          Bei Merck in Darmstadt hat das Thema in der Kombination von Digitalfotos und ihrem Versand über das Internet zum ersten Mal im Herbst 2000 bei einem Brand auf dem Werksgelände Bedeutung erlangt. "Damals haben Mitarbeiter das Feuer fotografiert und an unsere Tochtergesellschaft in Thailand geschickt, von dort kamen die Bilder innerhalb weniger Minuten mit der Frage zu uns zurück, was denn eigentlich los sei", erinnert sich ein Unternehmenssprecher. Seither wisse man bei Merck um die vielfältigen Möglichkeiten und Gefahren der Digitaltechnik beim Fotografieren. Fotohandys sind bei Merck dennoch nicht grundsätzlich verboten worden, allerdings sind die Begleiter von Besuchern dazu angehalten worden, darauf zu achten, ob mit einem solchen Gerät telefoniert oder fotografiert wird. Bei Boehringer Ingelheim gilt eine vergleichbare Regelung; allerdings gibt es hier - wie auch bei Bayer - Sperrzonen, in denen überhaupt keine Mobiltelefone benutzt werden dürfen.

          Eine Umfrage in den Fachverbänden des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) ergab, daß Kamerahandys zwar zunehmend ein Problem bei der Industriespionage werden. Doch viele Unternehmen haben noch keine speziellen Verbote ausgesprochen. Gleichwohl ist in vielen Fabrikhallen von Maschinenbauunternehmen das Fotografieren schon immer verboten, egal mit welcher Kamera.  "Es gibt zum Beispiel ein generelles Fotografierverbot bei Unternehmensbesichtigungen", sagt Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer beim VDMA. Ihm ist von einem speziellen Verbot von Kamerahandys im deutschen Maschinen- und Anlagenbau nichts bekannt, "es erscheint aber logisch". Auch bei Messen gebe es ein Fotografierverbot, "auch wenn es nicht immer strikt eingehalten wird", sagt Hesse. Daß Spionage mit Kamerahandys noch nicht so weit verbreitet ist, kann auch an der Bildqualität bei Kamerahandys liegen. "Die ist gerade bei Kunstbeleuchtung in den Fabrikhallen noch sehr dürftig", sagt Thilo Brodtmann, beim VDMA Sprecher der Sparte Roboter und Automation. "Aber das kriegen die Handyhersteller auch noch hin", sagt er.

          Sensibilisierte Automobilunternehmen

          Die Automobilunternehmen haben sich bereits seit längerem auf die neuen Gefahren der Industriespionage eingestellt. Vor einem Jahr - im Juli 2002 - hat die Volkswagen-Tochtergesellschaft Audi erste Maßnahmen ergriffen und klare Regeln aufgestellt. In den sensiblen Bereichen der technischen Entwicklung ist die Mitnahme von Foto-Handys strikt verboten. Bevor Mitarbeiter von Audi oder von Zulieferfirmen diese Bereiche betreten, müssen sie ihre Geräte abgeben. Dabei werden auch stichprobenweise Kontrollen vorgenommen.

          Grundsätzlich dürfen Beschäftigte von Audi ihre privaten Foto-Handys nicht mit in das Unternehmen nehmen. Eine Beschaffung eines Gerätes zu Dienstzwecken erfolgt nur in Ausnahmefällen und zentral. Das Gerät wird registriert und nur restriktiv benutzt. Für Testgelände, wo geheimgehaltene Automodelle getestet werden, gelten noch schärfere Zugangsberechtigungen. Bei Besuchergruppen auf dem Werksgelände sind die Kontrollen nicht so strikt. Dort wird auf das ohnehin bestehende allgemeine Fotografierverbot hingewiesen. Leibesvisitationen gibt es aber angesichts der Massen von jährlich mehreren Hunderttausend Besuchern nicht. Auch BMW verbietet Foto-Handys für seine sensiblen Bereiche wie Werkstätten sowie das Forschungs- und Entwicklungszentrum. Die Mitarbeiter dürfen zwar ihre Geräte mitnehmen. Aber auch dort gilt striktes Fotografierverbot.

          Ungewollt Opfer von Voyeuren

          Eine ganz andere Gefahr als die Spionage sehen andere durch die neuen Fotohandys heraufziehen. So hat kürzlich der Bundesverband deutscher Schwimmeister vor einem Mißbrauch von Fotohandys durch Voyeure in öffentlichen Bädern gewarnt. Die Betreiber sollten daher Sicherheitsregeln aufstellen, um die Gäste vor ungewollten Fotos zu schützen, und in die Badeordnung eine Regelung aufnehmen, wonach das Fotografieren von Personen ohne deren Einwilligung verboten ist. Darüber hinaus wäre es nach Ansicht der Schwimmeister gut, die Mitarbeiter des Bades für die Problematik zu sensibilisieren. Diesen Ratschlag können sich auch die Unternehmen zu eigen machen.

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          Der Anteil der Mobiltelefone mit eingebauter Kamera steigt stetig. Bisher können zwar erst rund 9 Prozent der Handys Bilder aufnehmen und dann als MMS verschicken. Bis zum Jahr 2006 soll dieser Anteil nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Gartner aber auf rund 66 Prozent steigen. Gartner weist auch darauf hin, daß die Ansprüche der Verbraucher an die Auflösung der vom Mobiltelefon aufgenommenen Bilder stark zunehmen. "War es bisher ausreichend, daß überhaupt ein Bild aufgenommen werden konnte, wird inzwischen dezidiert nach höheren Auflösungen beim Handykauf gefragt", betont Carolina Milanesi, die als Analystin bei Gartner diesen Markt beobachtet. Auch werden jetzt die ersten Modelle erwartet, bei denen das Kameramodul mit einem Zoom-Objektiv und einem Blitzlicht ausgerüstet ist. Es wird in der Branche aber auch schon darüber spekuliert, wann - umgekehrt - die erste Kamera mit eingebautem Mobiltelefon auf den Markt kommen werde.

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