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Unternehmen : Spionage mit Foto-Handys wird zur akuten Gefahr

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Bei Merck in Darmstadt hat das Thema in der Kombination von Digitalfotos und ihrem Versand über das Internet zum ersten Mal im Herbst 2000 bei einem Brand auf dem Werksgelände Bedeutung erlangt. "Damals haben Mitarbeiter das Feuer fotografiert und an unsere Tochtergesellschaft in Thailand geschickt, von dort kamen die Bilder innerhalb weniger Minuten mit der Frage zu uns zurück, was denn eigentlich los sei", erinnert sich ein Unternehmenssprecher. Seither wisse man bei Merck um die vielfältigen Möglichkeiten und Gefahren der Digitaltechnik beim Fotografieren. Fotohandys sind bei Merck dennoch nicht grundsätzlich verboten worden, allerdings sind die Begleiter von Besuchern dazu angehalten worden, darauf zu achten, ob mit einem solchen Gerät telefoniert oder fotografiert wird. Bei Boehringer Ingelheim gilt eine vergleichbare Regelung; allerdings gibt es hier - wie auch bei Bayer - Sperrzonen, in denen überhaupt keine Mobiltelefone benutzt werden dürfen.

Eine Umfrage in den Fachverbänden des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) ergab, daß Kamerahandys zwar zunehmend ein Problem bei der Industriespionage werden. Doch viele Unternehmen haben noch keine speziellen Verbote ausgesprochen. Gleichwohl ist in vielen Fabrikhallen von Maschinenbauunternehmen das Fotografieren schon immer verboten, egal mit welcher Kamera.  "Es gibt zum Beispiel ein generelles Fotografierverbot bei Unternehmensbesichtigungen", sagt Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer beim VDMA. Ihm ist von einem speziellen Verbot von Kamerahandys im deutschen Maschinen- und Anlagenbau nichts bekannt, "es erscheint aber logisch". Auch bei Messen gebe es ein Fotografierverbot, "auch wenn es nicht immer strikt eingehalten wird", sagt Hesse. Daß Spionage mit Kamerahandys noch nicht so weit verbreitet ist, kann auch an der Bildqualität bei Kamerahandys liegen. "Die ist gerade bei Kunstbeleuchtung in den Fabrikhallen noch sehr dürftig", sagt Thilo Brodtmann, beim VDMA Sprecher der Sparte Roboter und Automation. "Aber das kriegen die Handyhersteller auch noch hin", sagt er.

Sensibilisierte Automobilunternehmen

Die Automobilunternehmen haben sich bereits seit längerem auf die neuen Gefahren der Industriespionage eingestellt. Vor einem Jahr - im Juli 2002 - hat die Volkswagen-Tochtergesellschaft Audi erste Maßnahmen ergriffen und klare Regeln aufgestellt. In den sensiblen Bereichen der technischen Entwicklung ist die Mitnahme von Foto-Handys strikt verboten. Bevor Mitarbeiter von Audi oder von Zulieferfirmen diese Bereiche betreten, müssen sie ihre Geräte abgeben. Dabei werden auch stichprobenweise Kontrollen vorgenommen.

Grundsätzlich dürfen Beschäftigte von Audi ihre privaten Foto-Handys nicht mit in das Unternehmen nehmen. Eine Beschaffung eines Gerätes zu Dienstzwecken erfolgt nur in Ausnahmefällen und zentral. Das Gerät wird registriert und nur restriktiv benutzt. Für Testgelände, wo geheimgehaltene Automodelle getestet werden, gelten noch schärfere Zugangsberechtigungen. Bei Besuchergruppen auf dem Werksgelände sind die Kontrollen nicht so strikt. Dort wird auf das ohnehin bestehende allgemeine Fotografierverbot hingewiesen. Leibesvisitationen gibt es aber angesichts der Massen von jährlich mehreren Hunderttausend Besuchern nicht. Auch BMW verbietet Foto-Handys für seine sensiblen Bereiche wie Werkstätten sowie das Forschungs- und Entwicklungszentrum. Die Mitarbeiter dürfen zwar ihre Geräte mitnehmen. Aber auch dort gilt striktes Fotografierverbot.

Ungewollt Opfer von Voyeuren

Eine ganz andere Gefahr als die Spionage sehen andere durch die neuen Fotohandys heraufziehen. So hat kürzlich der Bundesverband deutscher Schwimmeister vor einem Mißbrauch von Fotohandys durch Voyeure in öffentlichen Bädern gewarnt. Die Betreiber sollten daher Sicherheitsregeln aufstellen, um die Gäste vor ungewollten Fotos zu schützen, und in die Badeordnung eine Regelung aufnehmen, wonach das Fotografieren von Personen ohne deren Einwilligung verboten ist. Darüber hinaus wäre es nach Ansicht der Schwimmeister gut, die Mitarbeiter des Bades für die Problematik zu sensibilisieren. Diesen Ratschlag können sich auch die Unternehmen zu eigen machen.

Unsere Redakteure berichten

CARSTEN KNOP, RÜDIGER KÖHN, MICHAEL ROTH, JOHANNES WINKELHAGE

Der Anteil der Mobiltelefone mit eingebauter Kamera steigt stetig. Bisher können zwar erst rund 9 Prozent der Handys Bilder aufnehmen und dann als MMS verschicken. Bis zum Jahr 2006 soll dieser Anteil nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Gartner aber auf rund 66 Prozent steigen. Gartner weist auch darauf hin, daß die Ansprüche der Verbraucher an die Auflösung der vom Mobiltelefon aufgenommenen Bilder stark zunehmen. "War es bisher ausreichend, daß überhaupt ein Bild aufgenommen werden konnte, wird inzwischen dezidiert nach höheren Auflösungen beim Handykauf gefragt", betont Carolina Milanesi, die als Analystin bei Gartner diesen Markt beobachtet. Auch werden jetzt die ersten Modelle erwartet, bei denen das Kameramodul mit einem Zoom-Objektiv und einem Blitzlicht ausgerüstet ist. Es wird in der Branche aber auch schon darüber spekuliert, wann - umgekehrt - die erste Kamera mit eingebautem Mobiltelefon auf den Markt kommen werde.

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