https://www.faz.net/-gqe-86xuw

Kommentar : Gefährlicher Mangel an Sicherheiten

Verknappt wird das Angebot an sicheren Anlagen durch Anleihekäufe von Zentralbanken. Bedeutende Bestände dieser Papiere werden von der Fed, der Bank von England und der Europäischen Zentralbank gehalten. Bild: dpa

Viele moderne Unternehmen haben keine Anlagen mehr, die sich als Kreditsicherheit eigneten. Das erschwert die Finanzierung von Unternehmen, ohne die eine nachhaltige Belebung der Wirtschaft nicht denkbar erscheint.

          Nahezu sieben Jahre liegt der spektakuläre und folgenreiche Untergang der Investmentbank Lehman Brothers zurück. Seitdem hat sich die Wirtschaft in den Industrienationen allenfalls moderat erholt, und in den Schwellenländern droht sich die wirtschaftliche Lage einzutrüben. Das internationale Finanzsystem wirkt heute weniger fragil als vor sieben Jahren, aber es bedarf starker Unterstützung durch die Geldpolitik, um keine neuen Zweifel an seiner Stabilität aufkommen zu lassen. Eine in der Erörterung dieser unbefriedigenden Entwicklung seltener genannte Ursache ist ein Mangel an zuverlässigen Kapitalanlagen und Kreditsicherheiten. Jedoch: Ein zu geringes Angebot an sicheren Kapitalanlagen gefährdet die Stabilität des Finanzsystems, und ein Fehlen zuverlässiger Kreditsicherheiten erschwert die Finanzierung von Unternehmen, ohne die eine nachhaltige Belebung der Wirtschaft nicht denkbar erscheint.

          Als sicher bezeichnen Ökonomen Kapitalanlagen, auf die drei Kriterien anwendbar sind: Erstens ist die Werthaltigkeit dieser Anlagen auch in einer schweren Krise nicht gefährdet. Daraus folgt zweitens, dass Besitzer solcher Anlagen nicht andauernd Informationen über ihre Qualität einholen müssen. Drittens können diese Anlagen jederzeit leicht gehandelt werden. Anlagen, die nach diesen Kriterien als sicher bezeichnet werden dürfen, sind nicht sehr zahlreich. Im Wesentlichen handelt es sich um Staatspapiere aus Ländern mit sehr guter Bonität und liquiden Kapitalmärkten, also um Staatspapiere aus Ländern wie den Vereinigten Staaten, Deutschland und Großbritannien. Anleihen großer Unternehmen mit erstklassiger Bonität finden ebenfalls Berücksichtigung.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Die jüngsten Krisen haben die Zahl erstklassiger Anlagen reduziert; dies ist ablesbar an teils drastischen Herabstufungen vieler Staaten und Unternehmen durch die Ratingagenturen. Betroffen sind gerade auch Staaten aus der Eurozone. Vor der Krise hätten Anleger ohne Bedenken französische und vermutlich auch italienische Staatsanleihen als sicher bezeichnet. Das ist heute nicht mehr der Fall. Ebenso wenig kommen die Anleihen der meisten Schwellenländer als erstklassige Anlage in Frage, im Fall Chinas stehen vor allem die Beschränkungen des Kapitalverkehrs der Anerkennung entgegen.

          Starke Nachfrage hat sehr hohe Preise

          Verknappt wird das Angebot an sicheren Anlagen durch Anleihekäufe von Zentralbanken. Bedeutende Bestände dieser Papiere werden von der Fed, der Bank von England und der Europäischen Zentralbank gehalten. Nachgefragt werden sie vor allem von großen Kapitalanlegern, die aus regulatorischen Gründen gezwungen sind, solche Papiere zu halten, und von sicherheitsorientierten Anlegern, die sie im Zuge einer „Flucht in die Qualität“ erwerben. Die starke Nachfrage bei einem beschränkten Angebot hat sehr hohe Preise und damit besonders niedrige Renditen auch bei Bundesanleihen zur Folge.

          Banken benötigen sichere Anlagen als werthaltige Pfänder für allerlei Finanzgeschäfte. Fehlt es daran, sind die Banken in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt; dies dürfte für zahlreiche Kreditinstitute in Südeuropa gelten. Eine regelrechte Gefahr entsteht, wenn Banken vermeintlich sichere Anlagen erzeugen, die in Wirklichkeit nicht sicher sind. Vor der Finanzkrise hatten amerikanische Banken Interesse an der Verbriefung auch fragwürdiger Hypothekenkredite in handelbaren Wertpapieren, weil Ratingagenturen vielen dieser Papiere erstklassige Bonität bescheinigten und die Banken die Papiere als Pfänder verwenden konnten, mit deren Hilfe sie sich Gelder von Unternehmen und Großanlegern liehen. Als sich die Anlagen als „Ramsch“ erwiesen, taugten sie nicht mehr als Pfand, viele hochverschuldete Banken gerieten in existentielle Nöte, weil sie viele Kredite schnell zurückzahlen mussten. Namhafte Ökonomen vertreten die Auffassung, dass dieser Missbrauch mit vermeintlich sicheren Anlagen wesentlich zur Dramatik des Krisenjahres 2008 und der anschließenden Wirtschaftskrise beigetragen hat.

          Mehrere Gründe, warum es an Sicherheiten fehlt

          Wenn Banken Kredite an Unternehmen vergeben, verlangen sie Sicherheiten. Ein Mangel an erstklassigen Sicherheiten bei vielen Unternehmen ist sehr wahrscheinlich ein Grund, warum sich die expansive Geldpolitik der Zentralbanken nicht in einer lebhafteren Vergabe von Unternehmenskrediten durch Geschäftsbanken zeigt. Es gibt mehrere Gründe, warum es heute an solchen Sicherheiten fehlt: Immobilienkrisen lassen die Preise von Grundstücken und Gebäuden fallen, die oft als Sicherheit verwendet werden. Eine jahrelange Schwäche der Wirtschaft entwertet Produktionsanlagen und andere Sachgüter, die früher einmal als Sicherheit getaugt hätten.

          Beide Ursachen dürften eine Rolle in europäischen Krisenländern spielen. Schließlich spielt auch der Trend hin zur digitalen Wirtschaft und zur Dienstleistungsgesellschaft eine zunehmende Rolle. Viele moderne Unternehmen besitzen keine bedeutenden Sachanlagen mehr, die sich als Kreditsicherheit eigneten. Der Verstand und das Wissen, das viele zeitgenössische Unternehmensgründer als wichtigstes Kapital in ihrem Kopf haben, taugen als Kreditsicherheit nur wenig. All das zeigt: Der Weg zu einer dynamischeren Weltwirtschaft wird lang sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht zu stoppen: Boris Johnson

          May-Nachfolge : Johnson auch in vierter Auswahlrunde klar vorn

          Boris Johnson hat auch die vorletzte Auswahlrunde bei den britischen Konservativen gewonnen. Innenminister Sajid Javid schied aus. Noch heute folgt die letzte Abstimmung bei den Tory-Abgeordneten.
          Europäisches Tandem: Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian (links) und sein deutscher Amtskollege Heiko Maas am Mittwoch in Paris

          Plan wider die Lähmung : So wollen Maas und Le Drian Europa stärken

          Das deutsch-französische Tandem stockt. Die Außenministerien in Berlin und Paris haben hinter den Kulissen ein Programm entwickelt, wie es künftig besser laufen kann – und Europa handlungsfähiger werden soll.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.