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Berufsausbildung : Azubis händeringend gesucht

Die Aussichten für Schüler auf dem Ausbildungsmarkt sind gut Bild: dpa

Wie gut ist die Aussicht junger Menschen auf dem Ausbildungsmarkt? Der Anteil an Betrieben, die ausbilden, wird geringer. Doch die verbliebenen Unternehmen reagieren und bieten mehr Plätze an – und locken mit deutlich höherer Vergütung.

          Das deutsche Berufsausbildungswesen scheint seit Jahren von einer düsteren Entwicklung überschattet zu sein: Der Anteil der Betriebe, die überhaupt junge Menschen ausbilden, geht laufend zurück. Der jüngste Berufsbildungsbericht der Regierung weist aus, dass die Quote inzwischen auf 20,3 Prozent gesunken ist, einen neuen Tiefstand. Vor zehn Jahren waren es noch rund 25 Prozent. Umso verblüffender entwickelt sich derzeit jedoch die Zahl der Ausbildungsplätze, die von den Betrieben angeboten werden: Sie steigt dennoch – und zwar so kräftig wie lange nicht, obwohl schrumpfende Nachwuchsjahrgänge auf die Bewerberzahlen drücken.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres sind bei der Bundesagentur für Arbeit, Stand Ende Juli, insgesamt 511.261 Lehrstellenangebote registriert. Das ist ein Anstieg um 16.338 Plätze oder 3,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Bewerber, die bis Ende Juli über die Arbeitsagentur eine Lehrstelle gesucht hatten, lag indes bei 509.608 und damit knapp unter Vorjahresniveau. Von ihnen hatten zu diesem Zeitpunkt zwar 149.000 noch keine Zusage, das waren aber fast 5 Prozent weniger als zur gleichen Zeit vor einem Jahr. Auf der anderen Seite hatten die Betriebe von ihren gemeldeten Ausbildungsplätzen 172.000 noch nicht besetzt. Diese Zahl hat sich im Vorjahresvergleich um 2 Prozent erhöht.

          Mindestens rechnerisch sind die Aussichten für junge Menschen auf dem Ausbildungsmarkt damit so gut wie lange nicht. Auf jeden Bewerber, der bis Ende Juli noch keine Lehrstelle gefunden hatte, kamen 1,3 offene Plätze. Zugleich sind unter den offenen Plätzen nicht etwa nur solche in traditionell weniger beliebten Berufen – etwa im Bäckerhandwerk, wo frühes Aufstehen auf etliche junge Menschen abschreckend wirkt. „Alleine im Einzelhandel standen im Juli noch mehr als 28.000 offene Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung“, berichtet Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Unter den insgesamt 330 Ausbildungsberufen erfreut sich der des Einzelhandelskaufmanns seit Jahren besonders großer Beliebtheit. Daneben gebe es aber zum Beispiel auch noch 14.000 offene Lehrstellen im Hotel- und Gastgewerbe sowie rund 5000 für angehende Bürokaufleute.

          Nachwuchs gesucht

          „Betriebe suchen händeringend Nachwuchs“, fasst Ausbildungsfachmann Kiss das Bild zusammen. Schon im vergangenen Jahr habe beinahe jedes dritte Ausbildungsunternehmen nicht alle angebotenen Plätze besetzen können. Dies erklärt im Übrigen auch zu einem großen Teil den Rückgang der Ausbildungsquote auf jene 20,3 Prozent: Die entsprechende Statistik erfasst, wie viele Betriebe mindestens einen jungen Menschen ausbilden; und wer keinen Lehrling hat, gilt nicht als Ausbildungsbetrieb. Die Ursache wird aber nicht erfasst. Pessimisten unterstellen daher oft eine sinkende Ausbildungsbereitschaft der Betriebe – immer häufiger liegt es aber offenkundig daran, dass Betriebe einfach keinen Lehrling finden.

          Markt für Ausbildungsstellen: Wo sind die meisten freien Stellen?

          In vielen Branchen, und zwar besonders in jenen mit Lehrlingsmangel, haben die Tarifparteien in den vergangenen Jahren die Ausbildungsvergütungen deutlich erhöht. Der jüngste Tarifabschluss für das Baugewerbe etwa sieht vor, die Vergütungen im ersten Ausbildungsjahr bis 2017 um 80 Euro zu erhöhen – auf dann 785 Euro im Westen und 705 Euro im Osten. Das ist ein Plus von bis zu 12 Prozent. Für angehende Bäcker gibt es im ersten Lehrjahr von September an 485 Euro, und von 2017 an 500 Euro. Das sind dann insgesamt 11 Prozent mehr als noch 2014. Im Durchschnitt aller Berufe hatten sich die Ausbildungsvergütungen 2015 um 3,7 Prozent erhöht, die Tarifverdienste für Arbeitnehmer hingegen um 2,5 Prozent.

          Fahrzeugtechnik gefragt

          Die meisten neuen Ausbildungsverträge werden traditionell in jenen Branchen und Berufen abgeschlossen, für die die Industrie- und Handelskammern zuständig sind. Im vergangenen Jahr waren dies 308.000 der insgesamt 522.000 Neuverträge. Das Handwerk steht mit gut 140.000 neuen Azubis in gut 130 Berufen traditionell an zweiter Stelle. Für diesen Bereich hatte der Handwerkszentralverband ZDH Ende Juni noch ein Angebot an 30.000 offenen Lehrstellen gezählt. Daneben fangen jährlich gut 40.000 junge Leute Ausbildungen bei Freiberuflern an, hier stehen angehende Arzthelfer an erster Stelle.

          Für den Bäckerberuf weist die amtliche Statistik keine gesonderten Zahlen aus. Im Berufsfeld der Lebensmittel- und Bäckereifachverkäufer gab es jedoch Ende Juli noch 4600 offene Plätze – und damit zugleich eine besonders große Auswahl für interessierte junge Menschen: Auf einen Bewerber kamen damit rechnerisch mehr als 10 offene Lehrstellen. Etwas anders ergeht es indessen nach wie vor jenen jungen Leuten, die sich für Autos begeistern: Im Berufsfeld Fahrzeugtechnik gab es Ende Juli noch nur etwas mehr als halb so viele Lehrstellen wie Bewerber.

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