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Unterhaltungselektronik : Hintergrund: Eine Chronik des Siechtums

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Fast zahllos sind die Versuche, das fränkische Unternehmen Grundig dauerhaft zu retten. Noch vor kurzem ruhte die große Hoffnung auf Sampo aus Taiwan.

          Mit feierlicher Miene betraten die Vorstände von Grundig den Konferenzsaal im Münchner Hilton-Park-Hotel. Im Blitzlicht der Fotografen nahmen sie mit dem Vorstandschef des taiwanischen Elektrokonzerns Sampo, Ho Heng Chun, den Aufsichtsratschefs von Grundig und Sampo sowie dem bayerischen Wirtschaftsminister Otto Wiesheu Platz. Sogar der freundlich lächelnde Botschafter Taiwans war mit seiner Frau aus Berlin zu der Pressekonferenz geeilt, in der die Rettung von Grundig bekanntgegeben wurde. Champagner wurde ausgeschenkt, Verträge wurden unterschrieben. Diese Veranstaltung, die den Neuanfang des Unternehmens markieren sollte, liegt gerade einmal drei Monate zurück. Am Montag blieb dem traditionsreichen fränkischen Hersteller von Unterhaltungselektronik nur noch der letzte Ausweg: der Insolvenzantrag. Alle Versuche aus den vergangenen Jahrzehnten für eine gesicherte Zukunft sind damit gescheitert.

          In der Kantine des Nürnberger Werks 11 stellten sich die drei Vorstände mit dem neuen Sprecher Eberhard Braun, drei Betriebsräte und der vorläufige Insolvenzverwalter Siegfried Beck gestern den Fragen der Journalisten. Vom Glanz der Veranstaltung mit Sampo in München ist nichts übriggeblieben. Von mehr als der Hoffnung auf ein tragfähiges Konzept konnte die Unternehmensleitung jetzt nicht berichten. Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu appellierte in einer Pressemitteilung an "alle Beteiligten, weiterhin zum Unternehmen zu stehen". Der Freistaat Bayern war nach einer Ende Februar ausgelaufenen Bürgschaft von 45 Millionen Euro zuletzt nicht mehr zu einer finanziellen Hilfe bereit.

          Im Januar hatte Brauns Vorgänger Hans-Peter Kohlhammer in der Pressekonferenz in München die Frage, ob die Übernahme durch Sampo endgültig feststehe, routiniert beantwortet. Wie bei solchen Transaktionen üblich, werde es noch zwei bis vier Monate dauern, bis die Übernahme wirksam werde, sagte er. Doch die Formsache blieb ein Wunsch. Zwei Monate später stand fest, daß eine Einigung mit Sampo nicht gelungen ist. Die wenigen bei Grundig verbliebenen Mitarbeiter - rund 3500 - klammerten sich nun an die Hoffnung auf den türkischen Elektrogerätekonzern Beko - wieder vergeblich. In der vergangenen Woche sprangen auch die Türken ab.

          Das Schicksal von Grundig in den vergangenen Jahrzehnten ist eine Chronik des Siechtums. Immer wieder stand das Unternehmen am Abgrund. Mißmanagement, das besonders ein klares Produktprogramm vermissen ließ, und der von der asiatischen Konkurrenz verursachte Kosten- und Preisdruck haben den Niedergang der einstigen Vorzeigefirma eingeleitet. Das Eingreifen Kohlhammers, der in der Branche einen guten Ruf genießt, kam nach Ansicht von Fachleuten zu spät. Im Frühjahr 2001 wurde er Vorstandsvorsitzender, doch die Suche nach einem Investor rieb ihn auf. Zeit und Kraft für das eigentliche Geschäft blieben kaum. Den Produkten von Grundig fehlt das Besondere, um im Verkauf erfolgreich zu sein. Weder mit der Technik noch mit dem Design überzeugten die Fernsehgeräte aus Nürnberg, sagt ein Branchenkenner. Außerdem habe der Konzern immer wieder mit unsinnigen Projekten wie einem eigenen Fernsehkanal viel Geld verloren. Interessant sind für Konkurrenten aber die Marke und das Vertriebsnetz von Grundig mit 29 000 Händlern in Europa geblieben.

          Die Geschichte von Grundig ist auch die Geschichte der Industriepolitik in Bayern. Es war nicht erstaunlich, daß Wirtschaftsminister Otto Wiesheu im Januar in der Pressekonferenz mit Sampo ganz vorn saß. Die Neuordnung nach dem Rückzug des niederländischen Elektronikkonzerns Philips 1997 hatte Wiesheu als sein Verdienst betrachtet. Er hatte damals alles zusammengetrommelt, was in der bayerischen Finanzwirtschaft Rang und Namen hat: von den Sparkassen und der Landesbank bis zur Vereins- und Hypobank, die damals noch nicht fusioniert waren, und zur Allianz und Münchener Rück sowie der landeseigenen Förderbank LfA. Zusammen übernahmen sie fast die gesamten Anteile von Philips sowie die Anteile von der Familie und der Stiftung des Gründers Max Grundig. Dessen Witwe wurde zudem von Philips mit der bis 2004 ausgehandelten Garantiedividende von 45 Millionen DM im Jahr ausbezahlt - abgezinst und mit einem deutlichen Abschlag. Ende 2000 stockte der Rosenheimer Antennenhersteller Anton Kathrein seine Anteile an der Bayerischen Elektronik-Beteiligungsgesellschaft BEB, die mittlerweile das Unternehmen vollständig besaß, von 25 auf 74 Prozent auf. Die Banken und Versicherungen verringerten ihr Engagement.

          Wie für Kathrein ist das Abenteuer Grundig für Philips ein Desaster gewesen. 1984 hatten die Holländer von Max Grundig 31,6 Prozent der Anteile und die Führung des Unterhaltungselektronikherstellers übernommen. Da hatte das damals noch in Fürth beheimatete Unternehmen seinen Zenit mit fast 40 000 Mitarbeitern schon überschritten. Unter der Ägide von Philips türmten sich immer höhere Verluste auf, 1995 rund 600 Millionen DM. Der Konzern verlor die Geduld, kündigte 1996 den Beherrschungs- und Ergebnisabführungsvertrag und suchte nach neuen Gesellschaftern. Zuvor hatte Philips immer mehr Teile des Unternehmens ausgelagert, verkauft und Arbeitsplätze abgebaut. Allein 1996 verringerte sich die Mitarbeiterzahl um mehr als ein Viertel auf 8500. Jetzt sind es nur noch rund 3500 Beschäftigte - und wie auch immer es mit dem Unternehmen weitergeht, die Zahl wird weiter schrumpfen.

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