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Untergang der Titanic : Eine geordnete Katastrophe

Der Untergang der „Titanic“ 1912: Vom Aufprall bis zum Untergang blieben 2 Stunden und 40 Minuten. 1517 Menschen ertranken, 690 überlebten. Bild: akg-images

Vor 100 Jahren ist die „Titanic“ gesunken. Heute wissen wir: Auch in Extremsituationen verhalten die Menschen sich anständig. Und gar nicht egoistisch.

          Es war eine dramatische Nacht. Das Wasser war kalt, zwei Grad über dem Gefrierpunkt. Der Himmel war dunkel, es war Neumond. Kurz vor Mitternacht an jenem 14. April 1912 rammte der luxuriöse Schnelldampfer „Titanic“, Stolz und Freude der White Star Line, auf ihrer Jungfernfahrt von England nach New York im Nordatlantik einen Eisberg.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das 269 Meter lange Schiff, das als unsinkbar gegolten hatte, schlug leck, lief langsam voll, zerbrach und sank schließlich gegen 2.20 Uhr auf den Meeresgrund. Dazwischen lagen zwei Stunden und 40 Minuten, in denen die Menschen um ihr Leben kämpften. 1517 der 2207 Passagiere starben, weil es nicht genug Rettungsboote gab.

          Eine Jahrhundertkatastrophe, die seither Dichter, Maler und Filmemacher wie James Cameron („Titanic“ 1997) nicht losließ. Schließlich geht es um Grundthemen der Literatur: Eros und Thanatos, Liebe und Tod. Es geht aber auch um ein Grundthema der Ökonomie: die Verteilung knapper Güter. Schließlich gab es beim Untergang der „Titanic“ zu wenige Plätze in den Rettungsbooten. Ein Forscherteam um den Züricher Professor Bruno Frey hat deshalb die Passagierliste des Schiffes dahin gehend ausgewertet, wie die Leute auf der sinkenden „Titanic“ die knappen Plätze in den Booten verteilten.

          Wenn es um Leben und Tod geht

          Das tiefere Forschungsinteresse des Ökonomen: Wenn es stimmt, dass sich eine Regel immer im Extremfall bewähren muss, dann kann man am Verhalten der Menschen in Katastrophen etwas über ihr Wesen lernen. In der ökonomischen Theorie geht man schließlich (traditionell) vom „homo oeconomicus“ aus, einem Menschen, der sich eigennützig verhält. Im Gegensatz dazu hebt etwa die christliche Lehre seit ihren Ursprüngen die ureigene Fähigkeit des Menschen zu uneigennützigem Verhalten hervor.

          Playboy Benjamin Guggenheim überlebte den Untergang der Titanic nicht

          Die spannende Frage: Wie verhalten sich nun Menschen wirklich, wenn es um Leben und Tod geht? Sind sie zu altruistischen Heldentaten fähig oder kämpfen rücksichtslos um ihr Leben? Werden sie im Überlebenskampf zum Tier, wie der Philosoph Thomas Hobbes meinte, der im Menschen des Menschen Wolf sah?

          Freys klarer Befund: Der Untergang der „Titanic“ war - allem Katastrophenchaos zum Trotz - eine geordnete Angelegenheit. Zumindest herrschte keinesfalls allein das Prinzip „Survival of the Fittest“, „die Stärksten setzen sich durch“. Die Forscher errechneten und verglichen dazu die Überlebenswahrscheinlichkeiten der Männer, Frauen und Kinder an Bord. Frauen hatten demnach eine um 50 Prozent höhere Überlebenschance als Männer. Kinder hatten eine um 14,8 Prozent höhere Chance zu überleben als Erwachsene. „Das Prinzip ,Frauen und Kinder zuerst‘ wurde also tatsächlich befolgt“, schließt Frey aus den Zahlen.

          Mit Zigarette im Mund das Sinken des Schiffes abgewartet

          Außerdem überlebten Familien und Gruppen häufiger als Alleinreisende. Frey meint: „Leute, die zusammen reisten, bekamen die Nachricht vom Untergang schneller mit als eine Einzelperson, die um die Zeit vielleicht gerade schlief.“ Es war also keinesfalls der für sich kämpfende Wolf, der die besten Überlebenschancen hatte, sondern das Team, der Verbund.

          Hotelier John Astor ertrank, seine Frau wurde gerettet

          Frauen und Kinder, die noch einen Vater dabeihatten, überlebten sogar besonders häufig. „Die Männer kämpften für einen Platz im Rettungsboot für Frau und Kind - sogar, wenn sie selbst nicht mitkamen und untergingen“, sagt Frey. Von „Heldentum“ spricht er nicht. Aber um viel anderes geht es dabei wohl nicht. Über den Multimillionär John Jacob Astor (Waldorf-Astoria Hotel) wird sogar kolportiert, er habe seiner schwangeren Frau einen Platz im Rettungsboot organisiert - und dann mit einer Zigarette im Mund an Deck das Sinken des Schiffes abgewartet.

          Auch hinsichtlich der Nationalitäten gab es Unterschiede in der Überlebenswahrscheinlichkeit. An Bord waren besonders viele Engländer und Amerikaner. Von den Engländern gingen überdurchschnittlich viele unter - von den Amerikanern überlebten überdurchschnittlich viele. Frey deutet das so: „Die Engländer, in jener Zeit oft Gentlemen, hielten sich besonders an die gesellschaftlichen Normen.“ Sie ließen den Frauen und Kindern den Vortritt. „Be british, boys, be british“, ist ein Satz des (englischen) Kapitäns, der überliefert ist. Anders die Amerikaner: „Von den Amerikanern haben viele ihre Ellbogen eingesetzt - und sich durchgekämpft.“

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