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Untergang der Titanic : Eine geordnete Katastrophe

Die Wirkung sozialer Normen

Deutliche Unterschiede gab es auch zwischen Passagieren der ersten und zweiten und denen der dritten Klasse: Es haben mehr Passagiere aus den teuren Schiffskabinen überlebt. „Die Passagiere der ersten und zweiten Klasse hatten ihre Kabinen oben dichter am Deck mit den Rettungsbooten“, sagt Frey. Das sei aber nicht der wichtigste Grund gewesen. „Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, dass die Crew viel Respekt vor den gesellschaftlich geachteten Personen hatte - und ihnen beim Ergattern eines Rettungsbootes geholfen hat.“ Selbst die Aufsichtsbehörden, die später das Unglück aufzuklären hatten, hätten sich kaum für das Schicksal der Passagiere der dritten Klasse interessiert.

 Reeder Ismay flüchtete
Reeder Ismay flüchtete : Bild: Getty Images

Ökonom Frey deutet all diese Verhaltensweisen als soziale Normen, die in der Situation des Kampfes um Leben und Tod bestimmend gewesen seien - die Verpflichtung der Männer, sich schützend vor Frauen und Kinder zu stellen, der oft eingeübte Zusammenhalt innerhalb von Familien und Gruppen und der - damals stärker als heute verbreitete - Respekt vor dem Oben und Unten in der gesellschaftlichen Hierarchie.

Für die Tatsache, dass diese Normen im Überlebenskampf der „Titanic“-Passagiere wirksam wurden und sich nicht einfach jeder nur nach dem Prinzip „Rette sich, wer kann“ verhielt, macht Frey die Dauer des Untergangs verantwortlich. „Der Untergang der „Titanic“ kam schließlich nicht plötzlich, sondern hat etwa zwei Stunden und 40 Minuten gedauert. In dieser Zeit konnten soziale Normen ihre Wirkung entfalten.“

In kürzerer Zeit kämpft jeder für sich

Um diese These zu belegen, vergleicht Frey die „Titanic“-Katastrophe mit einem anderen Schiffsunglück: dem Untergang der „Lusitania“. Dieser Dampfer wurde drei Jahre später von einem deutschen U-Boot versenkt. Die Deutschen dachten, es seien Truppen an Bord. Dabei verloren 1198 von 1949 Passagieren ihr Leben. Der entscheidende Unterschied: „Die „Lusitania“ ist schneller gesunken.“ Zwischen Treffer und Sinken verging nicht einmal eine halbe Stunde. „Von der „Lusitania“ überlebten überdurchschnittlich viele junge, starke Männer“, sagt Frey. In der kurzen Zeit, die ihnen blieb, kämpfte jeder nur für sich.

Das zeigt nach Freys Ansicht: „Es war auf der „Titanic“ kein biologischer Reflex, der die Männer junge Frauen und Kinder retten ließ, um gleichsam die Art zu erhalten.“ Vielmehr zeige der Vergleich: „Wenn Menschen um ihr Leben kämpfen und die Zeit sehr knapp ist, versucht jeder seine Haut zu retten. Dann wird der Mensch gleichsam triebgesteuert zum ,homo oeconomicus‘, zum puren Egoisten. Ist etwas mehr Zeit, greifen gesellschaftliche Normen, die auch sonst das Leben von zivilisierten Menschen bestimmen.“

Der Egoist als Schurke

Zwischen den beiden Schiffskatastrophen von „Titanic“ und „Lusitania“ lag relativ wenig Zeit. Die Wahrscheinlichkeit ist also gering, dass sich soziale Normen, die ja immer auch historisch bedingt sind, zwischen beiden Ereignissen großartig verändert haben. Anders sieht es mit der Zeitspanne von hundert Jahren aus, die seither verstrichen ist. So manche Regel, die auf der „Titanic“ bedenkenlos akzeptiert wurde, gelte heute vermutlich nicht mehr, meint Frey. Im Guten, wie im Schlechten: So viel übertriebenen Respekt vor Passagieren der ersten Klasse hätte heute wohl niemand mehr, dass er dafür selbst ertrinken würde. Umgekehrt sei aber so viel Stil als „Gentlemen“ heute auch nicht mehr selbstverständlich.

Frey erinnert an den Untergang des Schiffes „Costa Concordia“ vor der italienischen Küste im Januar dieses Jahres. Der Kapitän verließ sehr frühzeitig das Schiff und kümmerte sich nicht mehr um die Evakuierung der Passagiere. „Auf der ,Titanic‘ ist Kapitän Smith wirklich bis zum Schluss geblieben“, sagt Frey. Der Mann, groß mit weißem Bart, gab sich eine Mitschuld am Unglück.

Einer der Direktoren der Reederei hingegen, Josef Bruce Ismay, ein Mann mit einem Schnurrbart wie Kaiser Wilhelm, ist mit dem letzten Rettungsboot entkommen. „Er wurde dafür später in England heftig angegriffen.“ In einer Welt, in der die sozialen Regeln selbst im Angesicht des Todes ihre Macht nicht verlieren, wird der Egoist zum Schurken.

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