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Pharmahandel : Unruhe im Apothekerland

Die verschiedenen Reformen haben die Apothekerschaft nicht geschwächt Bild: ddp

Apotheker haben eine der schlagkräftigsten politischen Lobbys. Gegen Veränderungen im Vetrieb haben die Pharmazeuten lange hinhaltenden Widerstand geleistet. Doch jetzt steht auch in Deutschland die Gründung von Apothekenketten vor der Tür. Andreas Mihm kommentiert.

          Apotheker haben eine der politisch erfolgreichsten und schlagkräftigsten politischen Lobbys. Sie sind exzellent vernetzt in Bund und Ländern und genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Nicht von ungefähr: Der Pharmazeut ist in der Not auch in der Nacht erreichbar, und er personifiziert ein beinahe einmaliges Vertriebssystem für Arzneimittel, das die Versorgung mit Medikamenten binnen Stunden sicherstellt. Zwar verdient der Apotheker sein Geld mit Pillen und Pasten, doch schadet das nicht seiner allgemeinen Beliebtheit als Helfer der Kranken. Mit solchen Vertrauenspersonen legt sich auch die Politik ungern an.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die verschiedenen Reformen am Gesundheitssystem haben die deutsche Apothekerschaft denn auch, anders als sie öffentlich beklagt, nicht geschwächt. Die Zahl der Apotheken ist seit Jahren mit rund 21.500 stabil auf einem – im internationalen Vergleich – hohen Niveau. Die Betriebsergebnisse sind im vergangenen Jahr nach Berechnungen der Apothekervereinigung Abda zwar gesunken. Zugleich aber hat die Zahl der Beschäftigten in diesem personalkostenintensiven Geschäft um 4000 zugenommen und damit einen neuen Höchststand von fast 144.000 erreicht. Die Apotheker haben sich ihre Nische im medizinisch-pharmazeutischen Komplex komfortabel eingerichtet.

          In der Abwehrschlacht

          Dennoch wächst die Unruhe im Apothekerland. Dagegen helfen die Warn- und Ermutigungsappelle wenig, die auf dem heute beginnenden Deutschen Apothekertag wieder zu hören sein werden und die in der Behauptung gipfeln, einzig eine von freiberuflichen Apothekern geführte Präsenzapotheke werde die Arzneimittelversorgung im Land sicherstellen.

          Heinz-Günter Wolf, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände

          Das deutsche Apothekenmodell wird seit geraumer Zeit von mehreren Seiten attackiert: aus Europa, aus der Gesundheitspolitik und nicht zuletzt aus der eigenen Zunft. Schon haben Dutzende Apotheker das rote Apotheken-A abgeschraubt und gegen das grüne DocMorris-Kreuz eingetauscht, Pharma-Discounter breiten sich aus, der Versandhandel, für den Drogeriemärkte wie dm als Rezeptsammelstationen auftreten, wächst beständig. Die Präsenzapotheke steckt in einer Abwehrschlacht, die sie alleine nicht gewinnen kann.

          Arbeitsteilung wäre sinnvoll

          Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Europäische Gerichtshof (EuGH) bald dafür sorgen, dass auch im deutschen Pharmageschäft die Freizügigkeit den ihr im Binnenmarkt zustehenden Platz erhält. Bislang darf in Deutschland nur ein Apotheker Eigentümer einer Apotheke sein, zudem darf er nur drei weitere Apotheken in räumlicher Nähe betreiben. Es ist wünschenswert, dass eine Apotheke von einem Pharmazeuten geführt wird. Aber muss sie ihm deshalb gleich gehören? Muss dem Busfahrer das Busunternehmen gehören, dem Automechaniker die Werkstatt?

          Arbeitsteilung könnte auch im Apothekenmarkt zu einer wirtschaftlicheren Versorgung beitragen. Dies gilt umso mehr, als die Apotheker lieber ihre Fähigkeiten als Pharmazeuten denn als Kaufleute herausstreichen. Wenn die Apotheker, dem Namen nach Freiberufler, heute stolz darauf sind, sich aus dem Wettbewerb um die regulierten Preise für (verschreibungspflichtige) Arzneimittel verabschiedet zu haben, dann dürfen sie sich morgen nicht darüber beklagen, am Gängelband der Politik geführt zu werden.

          Lieblingsfeinde der Apotheker

          Lange haben die Apotheker hinhaltenden Widerstand gegen die Veränderungen im Arzneimittelvertrieb geleistet, in der Hoffnung ihre schönste aller Welten zu konservieren. Jetzt, mit dem Europäischen Gerichtshof im Rücken, steht auch in Deutschland die Gründung von Apothekenketten vor der Türe. Kapitalstarke Pharmagroßhändler haben ihre Schlachtpläne in der Schublade, auch wenn nicht alle sie öffentlich machen wie Celesio. Der größte Pharmahändler Europas hat sich für zweihundert Millionen Euro gleich die Mehrheit an der Apothekenmarke DocMorris gesichert. Diese Versandhandelskette verdankt ihren großen Bekanntheitsgrad gerade dem Kampf, den veränderungsresistente Standesvertreter – bisher weitgehend erfolglos – gegen sie führen.

          Der Versandhandel ist nach der Kette der zweite Lieblingsfeind der verfassten Apothekerschaft. Denn er nimmt Umsatz und führt zu einem Preiswettbewerb, auf den sich die Apotheker um die Ecke aus nachvollziehbaren Gründen lieber nicht einlassen wollen. Auch hier könnten die Europarichter nachhelfen: Mit einer Klage will die EU-Kommission die in Deutschland geltende räumliche Begrenzung für die Belieferung von Krankenhäusern durch einzelne Apotheken kippen. Wie bei der Freizügigkeit fällt die Verteidigungsrede der Bundesregierung gegen diese Wettbewerbsbeschränkung halbherzig aus. Wie es aussieht, wäre man im politischen Berlin dankbar, lösten die Europarichter das Problem. Dann müsste die Politik nicht in den Clinch mit den Apothekern gehen.

          Neue Chancen nutzen

          Dem künftigen Wettbewerbsdruck werden, sind die Schutzzäune einmal niedergerissen, nicht alle Sonnen-, Linden- oder Paracelsus-Apotheken standhalten. Der Apothekenmarkt wird sich aufspalten in große Versender, in Ketten und Kooperationen, die vor allem in einem heftigen Preis- und Imagewettbewerb stehen. Daneben wird es Apotheker geben, die sich als Gesundheitsunternehmer verstehen, die medizinische Beratung, Prävention und Arzneimittel im Angebot haben, die eine Salbe anrühren und auch noch eine Gesundheitsreise nach Ischia vermitteln. Solche Veränderungen bieten nicht nur den Kunden, sondern auch den Apothekern Chancen. Die Apotheker sollten sie nutzen, statt ihre Kräfte noch länger in einem Abwehrkampf gegen den Markt zu verschleißen.

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