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Unnötige Eingriffe : In der OP-Fabrik

Der Nächste, bitte: Wie viele vermeidbare Katheteruntersuchungen es tatsächlich gibt, lässt sich kaum erhärten Bild: plainpicture

Herzkatheter, neue Knie, künstliche Hüften. Deutschlands Ärzte greifen sehr schnell zum Skalpell. Schuld sind falsche finanzielle Anreize. Die Beitragszahler kostet das Milliarden.

          War sie wirklich nötig, die Knieoperation? Musste es gleich eine Katheteruntersuchung sein? Und das neue Hüftgelenk? Der Mann, der diese Fragen aufwirft, steht nicht in Verdacht, Ärzten besonders kritisch gegenüberzustehen. Schließlich ist er selbst ein Arzt. Umso schwerwiegender ist der Vorwurf, den Hartmut Gülker formuliert: „In Deutschland werden reihenweise Eingriffe und Operationen vorgenommen, die medizinisch nicht sein müssen.“ Fehlanreize im System macht Gülker dafür verantwortlich. Sie machen solche Operationen lukrativ.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Gülker, 66 Jahre alt, könnte seinen Ruhestand genießen, doch die Sache lässt dem ehemaligen Chefarzt keine Ruhe: „Es ist allgemein bekannt, dass für Patienten Schaden entsteht, aber niemand rebelliert.“

          „Die sanften Diagnosemethoden bringen kaum Geld“

          35 Jahre hat Gülker als Herzspezialist praktiziert, im ganzen Land berät der habilitierte Mediziner Kliniken. Er kennt das Gesundheitssystem – doch er erkennt es kaum noch wieder: Durch Boni-Vergütungen, Zielvorgaben und ständigen wirtschaftlichen Druck sei ein System entstanden, in dem Ärzte auf Masse getrimmt werden. Bei jeder Entscheidung hätten sie die Erlöse des Krankenhauses und das eigene Portemonnaie im Kopf. „Das ist zerstörerisch für den Beruf und das Verhältnis zum Patienten“, warnt Gülker.

          In fünfzehn Jahren hat sich die Zahl der Linksherzkatheter-Untersuchungen in Deutschland mehr als verdoppelt Bilderstrecke

          Seinen Vorwurf unterlegt Gülker mit Statistiken. In keinem anderen OECD-Land werden im Schnitt so viele Hüft- und Kniegelenke ersetzt wie in Deutschland. Und: „Der aktuelle Herzbericht zeigt, dass es 2010 fast 900.000 Herzkatheteruntersuchungen in Deutschland gab.“ Im Jahr 2000 waren es weniger als 600.000. Bei Notfallpatienten ist der Katheter zwingend notwendig. Gülker kritisiert jedoch, dass, anders als früher üblich, bei weniger schweren Fällen nicht immer ausreichend geprüft werde, ob Brustschmerzen nicht vielleicht auch von der Lunge, dem Magen oder vom Kopf verursacht werden. Ärzte würden heute viel schneller zum Katheter greifen und dabei sogar Leitlinien überschreiten.

          Gülkers Erklärung: „Die sanften Diagnosemethoden bringen kaum Geld.“ Für die Katheteruntersuchung könnten dagegen mehr als 1000, oft auch mehr als 2000 Euro abgerechnet werden. Doch die Untersuchung, bei der ein Schlauch von der Leiste bis zum Herzen geschoben wird, ist nicht ungefährlich: Alle Patientengruppen eingerechnet starb 2011 etwa einer von hundert Patienten im Krankenhaus bei der Untersuchung, hat das Göttinger Aqua-Institut berechnet. Wie viele vermeidbare Katheteruntersuchungen es tatsächlich gibt, lässt sich kaum nachweisen.

          Die Boni haben zusätzliche Operationen lukrativer gemacht

          Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie widerspricht Gülker und führt den Anstieg der Fälle in erster Linie darauf zurück, dass es neue Verfahren gebe und die neuen Untersuchungen genauere Diagnosen lieferten. „In Regionen mit besonders vielen Katheterlaboren und bei Kliniken, die mit den Laboren Profite machen wollen, kann es natürlich Grauzonen geben“, gibt Vorstandsmitglied Eckart Fleck allerdings zu. Ein Klinikbetreiber verweist darauf, dass in der Regel nicht die Klinikärzte, sondern die niedergelassenen Ärzte die Untersuchungen anordnen. Patientenberater berichten von Fällen, in denen ohne triftigen Grund und ausreichende medizinische Aufklärung kathetert werde.

          Man könnte diese Diskussion den Fachleuten überlassen, wäre sie ein Zipperlein in einem ansonsten gesunden System. Doch sie ist Symptom eines größeren Krankheitsbildes und wirft ein Schlaglicht auf ein System, das wegen zweifelhafter Anreize zur Massenproduktion zunehmend ins Gerede kommt. Der Arzt, der in Göttingen Patientendaten gefälscht und dadurch mehr Organe verpflanzt haben soll, hatte eine Bonus-Klausel in seinem Vertrag, die die Höhe des Verdienstes an die Menge der Transplantationen koppelte. Auch wenn der Arzt die Vorwürfe und einen Einfluss der Extravergütung auf seine ärztlichen Entscheidungen bestreitet, fest steht: Die Boni haben zusätzliche Operationen für ihn lukrativer gemacht.

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