https://www.faz.net/-gqe-6whwf

Unmut in Budapest : Die Inflation hat Ungarn fest im Griff

Die wichtigsten Zahlen im Überblick Bild: F.A.Z.

Privathaushalte und Unternehmen leiden unter dem Verfall der Landeswährung. Die Kritik an der Wirtschaftspolitik der konservativen Regierung wird schärfer.

          4 Min.

          Zehntausende Menschen haben am Montag in Budapest gegen die neue ungarische Verfassung demonstriert und ihren Unmut über die enttäuschende Wirtschaftsentwicklung des Landes kundgetan. Julia Loránd und Andreas Fekete waren darunter. Sie haben eines der schlimmsten Jahre ihres Lebens hinter sich. Das Uhrengeschäft in der Nähe des Parlaments hat das Paar mangels Kundschaft zugesperrt, eines ihrer beiden Autos hat die Familie schon verkauft. Die Schwäche der Landeswährung verteuert das Leben: Binnen eines Jahres hat der Forint gegenüber dem Euro ein Fünftel seines Werts verloren, derzeit kostet ein Euro 316 Forint, so viel wie nie zuvor. Ein Liter Diesel kostet jetzt 420 Forint, vor einem Jahr waren es 340.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          „Wir passen uns an“, sagt die Geschäftsfrau, die inzwischen Biowaren vertreibt. Dazu gehört auch die vorzeitige Tilgung eines Fremdwährungskredits, um einem weiteren Kursverfall zuvorzukommen. Für ihre Tochter haben sie und ihr Mann vor sechs Jahren eine kleine Wohnung zu einem Preis von 12,5 Millionen Forint gekauft, ein Viertel des Kaufpreises wurde mit einem günstigen Kredit einer österreichischen Bank in Schweizer Franken aufgebracht. Die monatliche Rückzahlungsrate betrug damals 30 000 Forint. Die letzte Rate im vergangenen Oktober dagegen belief sich fast auf das Doppelte. Einkalkuliert waren nur Kursschwankungen von bis zu 15 Prozent. Jetzt hat die Familie die noch ausstehende Kreditsumme von 1,6 Millionen Forint abgelöst, nachdem es die nationalkonservative Regierung per Gesetz ermöglichte, zu einem günstigeren Kurs zu tauschen.

          Die Wut wächst: Proteste gegen die ungarische Regierung im Zentrum von Budapest
          Die Wut wächst: Proteste gegen die ungarische Regierung im Zentrum von Budapest : Bild: dpa

          Wie Familie Feketes haben sich rund 250 000 in Euro, Yen oder Schweizer Franken verschuldete Ungarn für die Tilgung zu günstigeren Wechselkursbedingungen entschieden. Insgesamt sind mehr als eine Million Bürger mit Fremdwährungskrediten belastet. Damit gehört Ungarn zu den Ländern in Osteuropa, in denen solche Kredite besonders stark nachgefragt wurden. Attraktiv wurden die Fremdwährungskredite durch den ungarischen Leitzins, der seit Jahren höher ist als in den Nachbarländern. In der Wirtschaftskrise verlor die Währung Forint jedoch stark an Wert, wodurch sich die Kreditkosten verteuert haben. Die Rechnung ist einfach: Je schwächer die lokale Währung gegenüber dem Euro oder dem Franken wird, desto schwerer wird die Last für die Schuldner. Vor der Krise pendelte der Wechselkurs zum Euro entlang einer Marke von 250 Forint. Im März 2009 waren es mehr als 300 Forint, 2010 festigte sich der Kurs vorübergehend, ist aber in den zurückliegenden Monaten wieder heftig unter Druck geraten. Deutlich verteuert hat sich zuletzt das Tauschverhältnis zum Schweizer Franken: Vor der Krise hat ein Schweizer Franken rund 150 Forint gekostet, derzeit müssen die Ungarn etwa 262 Forint bezahlen. Die 180 Forint je Franken, die Familie Fetekes für die Tilgung ihres Kredits aufbringen musste, waren da noch vergleichsweise günstig.

          Weitere Themen

          Zu kurz gedacht

          FAZ Plus Artikel: Nachhaltigkeit : Zu kurz gedacht

          Wie kann eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmensführung gelingen? Vielen Unternehmen fehlt es an einer nachhaltigen Strategie und klaren gesetzlichen Regeln.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz in Berlin am Sonntag auf dem Weg zu den Beratungen über den CDU-Parteitag.

          Soll er verhindert werden? : Merz spaltet die Partei

          Es gibt genug Staatsmänner in der Welt, die mit Populismus, Narzissmus, Schaumschlägerei und Verschwörungsdenken glänzen. Will nun auch die CDU einen solchen Mann an ihrer Spitze haben?
          Die Werte der Republik gegen den Islamismus: Der französische Philosoph, Romancier und Intellektuelle Pascal Bruckner

          Gespräch mit Pascal Bruckner : Der Islamismus ist tief verankert

          Die fundamentalistischen Netzwerke sind dicht geknüpft. Gelingt es, sie zu durchschlagen? Ein Gespräch mit dem französischen Intellektuellen Pascal Bruckner über Frankreich nach dem Attentat.
          Ausgebreitete Arme nach seinem Kunstschuss zum Sieg: Bayerns Joshua Kimmich, festgehalten von Javi Martinez.

          2:1 bei Lok Moskau : Bayern meistern das Risikospiel

          „Es war nicht unser bestes Spiel“, sagt Siegtorschütze Kimmich, doch es reicht trotzdem: Der Titelverteidiger gewinnt bei Lok Moskau mit 2:1 und meistert das aus mehreren Gründen schwierige Auswärtsspiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.