https://www.faz.net/-gqe-73lby

Ungleichheit : Amerika entdeckt den Klassenkampf

Camden im Bundesstaat New Jersey gilt als ärmste Stadt Amerikas Bild: AFP

Die Reichen hängen die Armen ab: Es ist das zentrale Thema im Wahlkampf. Der amerikanische Traum ist bedroht.

          Legendär und teuer: Das sind die Partys von Marc Leder. Der Chef von Sun Capital, einem Private Equity Fonds, lässt seine Gäste bis auf die Karibikinsel St. Barts fliegen, wenn er dort urlaubt. Im Strandhaus in den Hamptons vor Manhattan, wo Leder sommers für eine halbe Million Dollar monatlich relaxt, ließ der Hausherr 2011 neben Lachs und Russenmodels ein Podest auffahren, auf dem 20-minütige Liebesakte professioneller Darsteller die Atmosphäre auflockerten.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Leder kann es sich leisten. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Chicago haben Private-Equity-Manager im Jahr 2010 achtmal so viel eingestrichen wie zwei Dekaden zuvor. Für Leder blieben geschätzt 400 Millionen Dollar hängen. Auch das Essen vergangenen Mai in der Leder-Villa in Florida hat den Gastgeber also nicht ruiniert. Teuer könnte das Dinner trotzdem werden, denn Leders Ehrengast an jenem Abend hieß Mitt Romney. Der machte den für 50.000 Dollar pro Gedeck speisenden Anhängern klar, dass er eine Hälfte von Amerika schon aufgegeben hatte. Die einkommensschwächsten 47 Prozent wählten ohnehin Obama, also brauchten „diese Leute“ ihn nicht zu kümmern, sagte Romney.

          Dass in seinem eigenen Haus irgendwer die Rede heimlich filmte, konnte Multimillionär Leder nicht ahnen, ebenso wenig die Konsequenzen der Worte. Arm gegen Reich mag der ewige Kampf Europas sein, in Amerika gab vergangenes Jahr in Umfragen noch jeder zweite an, die Ungleichheit der Einkommen von Top-Managern und dem Rest sei nicht groß gewachsen. Das war ein Irrglaube. Das einkommensstärkste Prozent der Amerikaner hat seine Bezüge seit Beginn der Reagan-Präsidentschaft vervierfacht. Die Einkommen der unteren 20 Prozent stiegen in dieser Zeit gerade mal um 40 Prozent.

          „Klassenkampf“ war bislang kein amerikanischer Begriff

          Nicht zuletzt dank Romneys Ansage finden nun kurz vor der Präsidentenwahl zwei von drei Amerikanern, das größte Konfliktpotential für die Zukunft sei nicht etwa bei illegalen Immigranten zu finden, nein, „Klassenkampf“ entzweit die Nation, ein eigentlich unamerikanischer Begriff.

          Klassen? Auf die konnten die Pilgerväter verzichten, als sie anno 1620 auf der Mayflower von England in das Land der Träume übersetzten. Seit je besteht der American Dream im Glauben an eine durchlässige Gesellschaft, in der es jeder schaffen kann, wenn er hart genug arbeitet. Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Sohn eines Seifenmachers zum Staatsmann wie Benjamin Franklin. Vom Schaffnersohn zum „Manager des Jahrhunderts“ wie Jack Welch, ein Mann, der den Börsenwert des Industriegiganten General Electric um mehr als 4000 Prozent steigerte.

          Einkommenswachstum und Vermögensverteilung

          Welch führte die 20-70-10-Regel ein - die Top-20-Prozent der Mitarbeiter mit Boni zuschütten, die mittleren 70 Prozent ignorieren und den Rest feuern. Als er pensioniert wurde, versüßte die entgeltfreie Nutzung des GE-Apartments in Manhattan den Ruhestand (monatliche Kosten: 80 000 Dollar), die Firmen-Boeing 737 (292 000 Dollar), Logen-Dauerkarten für Basketball, Baseball, U.S. Open und Wimbledon sowie die lebenslängliche Übernahme von Restaurantrechnungen durch GE. Seine Legenden sind Amerika eigentlich heilig. Doch als Welch jüngst aufgrund positiver Arbeitsmarktzahlen Präsident Barack Obama per Twitter öffentlich eine Verschwörung andichtete (“Diese Jungs aus Chicago sind zu allem fähig“), stellen sogar konservative Kommentatoren die Frage, ob Welch nicht einer der Architekten jenes Amerikas ist, durch das sich politisch wie ökonomisch ein Riss zieht so tief wie selten zuvor.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Immer mehr, immer größer, immer schneller: Autos auf den Straßen von Berlin.

          Wandel der Mobilität : Augen auf vorm Autokauf!

          Ob Auto, Bahn oder Fahrrad – Mobilität ist individuell und abhängig von Bedürfnissen und Lebensumständen. Doch jeder sollte bereit sein, sich zu hinterfragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.