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Unabhängigkeit von der Opec : Der Ölpreis und die Geopolitik

  • -Aktualisiert am

Umweltpolitisch hoch umstritten, hilft Fracking (hier in Colorado, Amerika) dabei, unabhängiger von den Opec-Mitgliedern zu werden Bild: AP

Die Opec-Länder können den Ölpreis kaum noch als politisches Druckmittel nutzen, um die Welt zu erpressen. Amerika und immer mehr andere Staaten werden durch eigene Förderung unabhängiger.

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          Wer den Ölpreis als politische Waffe einsetzen wollte, hatte lange Zeit leichtes Spiel. Die Geopolitik des Öls folgte einem simplen Muster: Es brauchte noch nicht einmal eine Pipeline explodiert zu sein, schon trieb die Angst vor einer möglichen Eskalation im Nahen Osten den Preis des Öls nach oben. Vor 40 Jahren bekamen dies die Verbraucher mit autofreien Sonntagen das erste Mal selbst zu spüren. Damals drosselte die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) im Zuge des Jom-Kippur-Kriegs zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn die Fördermenge, weil der Westen Israel unterstützte.

          Eine solche Erpressung ist heutzutage jedoch kaum noch denkbar. Und dies aus mehreren Gründen. Mit ihrer Boykottpolitik hatte sich das Kartell langfristig einen Bärendienst erwiesen. Als Folge der Ölkrise 1973 wurde auf der ganzen Welt die Suche nach neuen Erdölquellen und später erneuerbaren Energien vorangetrieben, um sich aus dem Klammergriff der Opec zu befreien. In der Nordsee und im Golf von Mexiko zapften die Konzerne Reserven an, Bohrteams stießen nach Alaska vor, um in der unwirtlichen Tundra nach Öl zu suchen.

          Ihren Höhepunkt haben diese Bemühungen nun in den Vereinigten Staaten gefunden. Amerika wird infolge der Fracking-Revolution, also der Gewinnung von Öl und Schiefergas aus tiefen Gesteinsschichten, schon im Jahr 2015 die Rolle des größten Ölproduzenten der Welt übernehmen. Der Welt-Energiebericht zeigt, wie sich die Gewichte verschieben. Bis zum Jahr 2035 wird die Energienachfrage aus Asien auf der Welt um ein Drittel steigen, in den Industrieländern fast stagnieren – und bis zum Jahr 2035 weniger als die Hälfte der übrigen Länder erreichen. „Viele der langjährigen Grundsätze des Energiesektors müssen neu geschrieben werden“, stellt die Internationale Energieagentur (IEA) fest.

          Nur noch ein Opec-Staat unter den fünf größten Ölproduzenten

          Dabei wird die Weltwirtschaft auch in den nächsten Jahrzehnten weiter auf das Öl aus dem Nahen Osten angewiesen sein – allerdings wird sich der Markt durch die Nachfrageverschiebung nach Asien und durch die Fracking-Revolution, die sich zunehmend auch auf andere Länder überträgt, erheblich verändern. Amerika und immer mehr andere Staaten, die bisher auf die Opec bis zu einem gewissen Grad Rücksicht nehmen mussten, sind nun nach vielen Jahren harter Arbeit unabhängiger.

          Eine solche Entwicklung hätten sich die fünf Staaten Irak, Iran, Kuweit, Saudi-Arabien und Venezuela nicht vorstellen können, als sie am 14. September 1960 die Opec gründeten. Sie einte ein Ziel: die Ölpreise auf dem Weltmarkt durch festgelegte Fördermengen zu diktieren. Die Opec ist bis heute hin- und hergerissen zwischen Ideologen und pragmatischen Managern. Den Ölpreis als politisches Druckmittel nutzen, um die Welt zu erpressen, können die Opec-Länder kaum noch. Im Gegenteil: Die Waffe, die sie bisher auf andere richten konnten, wendet sich gegen sie selbst. Saudi-Arabien und auch Staaten wie Qatar, Kuweit und die Vereinigten Arabischen Emirate benötigen einen Ölpreis von durchschnittlich 100 Dollar, weil ihre Regierungen das Geld brauchen, um ihre Staatsetats zu finanzieren. Ein Preis von 80 Dollar oder weniger würde sie in Schwierigkeiten bringen.

          Das einst machtvolle Kartell hat sich außerdem in eine politisch höchst fragile Organisation verwandelt. Bezeichnend ist, dass sich unter den fünf größten Ölproduzenten der Welt mit Spitzenreiter Saudi-Arabien heute nur noch ein Opec-Mitglied befindet.

          Es ist zu früh, das Totenglöckchen zu läuten

          Ihre absolute Preismacht und damit wesentlichen politischen Einfluss hat die Opec erst einmal verloren. Das Mittel der Erpressung funktionierte nur so lange, wie der Erpresste damit rechnen musste, einen erheblichen Nachteil zu erleiden. Die Geopolitik des Öls ist also keinesfalls ein schicksalhafter Zustand, dem die Konsumenten passiv ausgeliefert sind. Das beweisen die Vereinigten Staaten derzeit beispielhaft.

          Zudem haben die Opec und ihre Mitglieder mittlerweile erkannt, dass es kontraproduktiv ist, die eigenen Kunden hängenzulassen. Die Opec hat außerdem gerade erst ihre Fördermengen bestätigt, droht also nicht mit einer Verknappung des Angebots. Kein Wunder, denn das Ölkartell verdient gut auf dem aktuellen Niveau. „Wir sind alle zufrieden“, brachte es der Ölminister Saudi-Arabiens, Ali al Naimi, auf den Punkt.

          Zwar ist die Produktion von Schieferöl und -gas umweltpolitisch umstritten. Jedes Barrel Öl aber, das der Westen nicht aus dem Nahen Osten oder auch Russland importieren muss, macht die Welt ein bisschen sicherer. Zumindest aber wird der Zusammenhang zwischen Rohstoffknappheit und politischer Erpressung durchbrochen. Es ist jedoch zu früh, das Totenglöckchen zu läuten. Die Opec-Mitglieder hoffen auf neue Stärke, wenn der Schieferöl-Boom in Amerika vorüber ist. Vom Jahr 2020 an, wenn dies der Fall sein soll, werde der Nahe Osten wieder eine Rolle als der Schlüssellieferant zusätzlichen Öls übernehmen, ist die Internationale Energieagentur überzeugt. Wenn sich die westliche Welt nicht abermals energietechnisch neu erfindet.

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