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Die Krise trifft die Ärmsten : Auf Corona folgt der Hunger

„Es reicht kaum für alle“

Was die Ökonomen in ihren Berichten in Worte fassen, ist vom Sudan über den Jemen bis nach Haiti schon zu spüren. Doch auch eigentlich aufstrebende Länder wie Indien oder Bangladesch treiben in eine Krise. Das Trio aus dem Akademiker und früheren indischen Notenbankchef Raghuram Rajan und den indischen Nobelpreisträgern Amartya Sen und Abhijit Banerjee appellierte gerade an die Regierung in Neu Delhi, die gefüllten Nahrungsmittelspeicher zu öffnen und mehr für die Ärmsten der Armen zu tun: Die größte Sorge sei, „dass eine große Zahl Menschen nun durch die Kombination aus Verlust ihres Arbeitsplatzes und der Unterbrechung der normalen Versorgung zurück in extreme Armut oder sogar Hunger fällt. Hungernde haben nichts mehr zu verlieren“.

Die Wissenschaftler Ahmed Mushfiq Mobarak und Zachary Barnett-Howell  von der Universität Yale schreiben, „das Herunterdrücken der epidemiologischen Kurve um Zeit zu kaufen, bis eine Impfung möglich ist, könnte für ärmere Länder kontraproduktiv sein, wenn dadurch andere Todesursachen zunehmen“ – wie Hunger, Unterernährung oder Krankheiten.

Die indische Haushaltshilfe Sunita Devi weiß, wovor die Akademiker warnen. Journalisten in Delhi erzählt sie von ihren Leiden: Die Mutter von vier Kindern hat ihre schmalen Ersparnisse schon zu Beginn der sechs Wochen dauernden Ausgangssperre verzehrt. Ihre vier Kinder versucht sie mit der Hilfe aus den Lebensmittelspeichern der Regierung durchzubringen, die in öffentlichen Schulen ausgegeben wird. „Wir bekommen kleine Rationen, die ich unter meinen vier Kinder aufteile. Es reicht kaum für alle.“

Es entsteht ein Teufelskreis

Dabei ist es noch nicht lange her, dass der Chef  der staatlichen Nahrungsmittelfürsorge Food Corporation India (FCI) erklärte, die Speicher platzten fast dank der guten Ernte. „Ende April werden wir mehr als 100 Millionen Tonnen in den Lagern über ganz Indien haben, wobei nur 50 bis 60 Millionen Tonnen für die verschiedenen Fürsorgeprogramme für die Armen gebraucht werden“, sagte D.V. Prasad. „Es gibt absolut keinen Anlass zur Sorge mit Blick auf Reis oder Weizen.“ Der Studentenführer Umar Khalid hält dagegen: „Wir haben Speicher mit mehr als 75 Millionen Tonnen Getreide. Trotzdem riecht es auf all unseren Straßen nach Hunger. Wir können die Schlacht gegen Corona nicht gewinnen, wenn wir nicht auch gegen den Hunger kämpfen.“

Zumal ein Teufelskreis entsteht: Die Armen verlassen ihre Unterkünfte, um in die Dörfer zurückzukehren. Oder um sich bei den Ausgaben mit einer kargen Mahlzeit zu versorgen – und drohen so, das Virus noch weiter zu verbreiten. Die indische Regierung will jeden Bedürftigen mit 5 Kilo Reis oder Weizen und einem Kilo Linsen für die nächsten drei Monate versorgen. In Neu Delhi verspricht die Stadtregierung, Getreide an gut 7 Millionen der rund 20 Millionen Einwohner auszugeben. In 1600 öffentlichen Gebäuden gäbe es zudem Armenspeisungen für 1,2 Millionen Einwohner.

4 Millionen Tagelöhner in Delhi

Analysten und Aktivisten aber warnen, das reiche bei weitem nicht, denn viele der fast 1,4 Milliarden Inder seien nicht für das öffentliche Verteilungssystem gelistet, nun aber gleichwohl bedürftig. Denn es basiere auf dem Zensus von 2011; in den vergangenen neun Jahren aber seien Hunderttausende Unterversorgte hinzugekommen. „Fast 70 Prozent der Einwohner Delhis, rund 13 Millionen, leben in Slums. Nur gut 7 Millionen aber sind als Bedürftige mit der Berechtigung für Lebensmittelrationen registriert“, warnt Amrita Johri von der „Recht auf Essen”-Kampagne.

In der Hauptstadt allein vegetieren mehr als 4 Millionen Tagelöhner. Viele von ihnen haben ihre Nahrungsmittelkarten aber bei ihren – nun unerreichbaren – Familien in ihren Dörfern zurückgelassen. Die Stadtregierung hat deshalb „elektronische Nahrungsmittelkarten“ ausgegeben – um sie zu nutzen, braucht es aber ein Mobiltelefon. 1,5 Millionen Armen haben sich zumindest registrieren lassen. Ausgegeben aber wurden nur 300.000 Rationen, berichten Sozialarbeiter.

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