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Umweltskandal in Amerika : Die ignorierte Öl-Katastrophe

Löschversuche auf der Ölbohrplattform Deepater Horizon. Bild: dpa

Mehr als 110.000 Liter am Tag: Seit 15 Jahren sickert Öl ungehindert in den Golf von Mexiko. Alle Versuche, die vielen Lecks zu stoppen, sind gescheitert – und finanzielle Interessen verhindern eine Besserung.

          Im April 2010 ereignete sich im Golf von Mexiko eine der größten Öl-Katastrophen. Eine Explosion zerstörte die Bohrinsel Deepwater Horizon, tötete elf Menschen und ließ Öl in nie gesehenem Ausmaß ins Meer fließen – mit schwerwiegenden Folgen für die Umwelt. Das Desaster brachte eine andere schleichende Öl-Katastrophe an die Oberfläche. Im Juni jenes Jahres werteten Experten der Umweltorganisation Skytruth Satelliten- und Luftbilder der betroffenen Region aus und entdeckten eine dunkle Öllinie, die sich wie ein langer Faden durch das Gewässer des Golfs von Mexiko zog. Mit Deepwater Horizon gab es keinen Zusammenhang. Das Öl musste von anderen Quellen stammen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Tatsächlich hatte schon sechs Jahre vor der Deepwater-Horizon-Katastrophe der Orkan Ivan einen gewaltigen Erdrutsch am Meeresboden des Golfs von Mexikos ausgelöst, der eine Bohrinsel der Firma Taylor Energy umkippte. Seitdem sickert, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, Öl ins Meer – aus 28 verschiedenen Quellen, die mit der Bohrinsel verbunden waren. Taylor Energy unternahm mehrere Versuche, die Lecks zu schließen. Sie blieben aber unvollkommen. Im Jahr 2008 verkaufte die Firma ihre Ölquellen an ein südkoreanisches Konsortium und stellte in einem Vergleich mit den Behörden 666 Millionen Dollar für die Lösung des Problems zurück.

          Taylor Energy gelang es, die Öl-Katastrophe weitgehend unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit zu halten, weil die austretende Ölmenge – basierend auf Firmenangaben – notorisch unterschätzt wurde. Ein Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) förderte im Jahr 2015 zu Tage, dass nach seriösen Kalkulationen 20 Mal mehr Öl in den Golf floss als bis dahin angenommen. Das Unternehmen blieb nicht tatenlos. Es gab vielmehr mehr als 200 Millionen Dollar für Versuche aus, die Quellen abzudichten, aber nur bei einem Drittel gelang es. Schwere Stürme behinderten den Fortgang der Arbeiten.

          Vorstandschef will Geld aus Katastrophenfonds zurück

          Doch was immer Taylor Energy auch unternahm, das Öl floss weiter ins Meer. Und zwar offensichtlich deutlich mehr, als die von AP zitierten Kalkulationen offenbarten. Die „Washington Post“ zitiert aus einer aktuellen Regierungsstudie, der zufolge täglich bis zu 700 Fass (ein Fass hat 159 Liter) Öl in den Golf sickern, also mehr als 110 000 Liter. Damit könnte Taylor schlimmere Auswirkungen haben als die Öl-Katastrophe Deepwater Horizon – vorausgesetzt, es findet sich keine Lösung, die Quellen abzudichten.

          Die Firma Taylor selbst sieht sich offenbar nicht mehr in der Verantwortung und wohl auch keine technische Lösung. Sie besteht nur aus einer rechtlichen Hülle und einem einzigen Mitarbeiter, dem Vorstandschef William Pecue. Der warb auf einer öffentlichen Anhörung in Baton Rouge in Louisiana im Jahr 2016 darum, Taylor Energy von der Verpflichtung zu befreien. Seine Argumentation: Die Öl-Katastrophe war Gottes Werk. Er drückte damit aus, dass der vom Orkan Ivan ausgelöste Erdrutsch höhere Gewalt sei und deshalb nicht von Taylor Energy zu verantworten.

          Die Absicht hinter Pecues Vorstoß wurde damals auch schnell klar. Er wollte die verbliebenen 450 Millionen Dollar aus dem Katastrophenfonds für die alte Eigentümerfamilie sichern. Ein entsprechender Rechtsstreit ist anhängig. Die schwerreiche Familie Taylor, der die Quellen einst gehörten, hat in Louisiana einen guten Ruf wegen ihres großen philanthropischen Engagements. Sie findet deshalb in Louisiana Rückhalt für ihr Vorgehen.

          Das Öl tritt unterdessen weiter aus. Die schleichende Öl-Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf die Risiken, die mit der Förderung in tiefen Gewässern und in von Stürmen regelmäßig heimgesuchten Regionen verbunden sind. Allein im Golf von Mexiko stehen mehr als 2000 Bohrinseln. Immer wieder kommt es zu Leckagen. Der amerikanische Präsident Donald Trump will die Meeresgebiete, in denen nach Öl und Erdgas gebohrt werden darf, noch deutlich ausdehnen, unter anderem in den Atlantischen Ozean hinein, wo seit 50 Jahren nicht mehr nach Öl gebohrt wurde. Die meisten Gouverneure und Kommunen entlang der Küste wenden sich allerdings vehement gegen solche Pläne.

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