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Umverteilung : Bloß keine Rente mit 67!

  • -Aktualisiert am

Stellt am kommenden Mittwoch die Beschäftigungsmöglichkeiten Älterer vor: Arbeitsministerin von der Leyen Bild: dpa

Das Renteneintrittsalter von 67 Jahren, das im Land derzeit so viel Unmut auf sich zieht, ist von der Politik erfunden - und daher reine Willkür. Soll doch jeder arbeiten, solange er will. Wichtig ist dabei nur eine Regel: Wer länger arbeitet, bekommt auch mehr Rente.

          Wie lange soll der Mensch arbeiten? Bis zum 65. Geburtstag, so lautet die gängige Antwort: Man nennt dies das gesetzliche Renteneintrittsalter (nicht zu verwechseln mit dem tatsächlichen Renteneintrittsalter), ein Datum, von dem an nicht mehr der Arbeitgeber das Einkommen als Lohn und Gehalt bezahlt, sondern die Solidargemeinschaft der jüngeren Arbeitnehmer und Arbeitgeber als Renten und Pensionen.

          Weil aus demographischen Gründen die Zahl der Rentenzahler schrumpft, aus Gründen medizinischer Erfolge und gesünderer Lebensführung die Lebenserwartung steigt, hat die Politik die Rente mit 67 erfunden. Das bedeutet: Künftig (nach einer Übergangszeit) wird die volle Rente erst vom 67. Lebensjahr an gezahlt. Wer mit 65 schon genug hat, muss mit Abschlägen rechnen. Wer behauptet, die Rente mit 67 sei eine reine Rentenkürzung, hat also völlig recht. Weil dies Konsequenz des kleinen Einmaleins ist (weniger Menschen finanzieren mehr Menschen, die auch noch immer länger leben), kann es auch nicht als ideologische Waffe genutzt werden. Es bleibt gar nichts anderes übrig, als die Renten zu kürzen, sofern nicht jüngere Generationen noch mehr geschröpft werden sollen.

          Die Beschäftigung Älterer hat sich überdurchschnittlich verbessert

          Nun hat die Politik die „Rente mit 67“ genannte Rentenkürzung unter den Vorbehalt gebesserter Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer gestellt. Einen sachlichen Zusammenhang dafür gibt es zwar nicht. Aber die Verknüpfung ist politisch nachvollziehbar: Wenn die Unternehmen mehr Jobs für Ältere anbieten, müssen weniger Menschen mit 65 einen Rentenabschlag in Kauf nehmen. Und Politiker brauchen wegen der Rentenkürzung weniger Angst vor ihren Wählern zu haben.

          Am kommenden Mittwoch wird Bundesarbeitministerin Ursula von der Leyen einen Bericht vorlegen, der Auskunft geben soll über die Beschäftigungsmöglichkeiten Älterer. Das Dossier ist seit geraumer Zeit auf dem Markt. Und die Ergebnisse sind eindeutig: Die Beschäftigung Älterer hat sich in Deutschland überdurchschnittlich verbessert. Seit 2003 ist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 55 und 65 Jahren um ein Fünftel gestiegen auf 5,5 Millionen Arbeitnehmer. Die Erwerbstätigenquote dieser Altersgruppe hat sich in der vergangenen Dekade fast verdoppelt. Zumeist sind das sozialversicherungspflichtige, also ordentliche Jobs.

          Wer früher in Rente geht, stirbt früher

          Somit steht der Rente mit 67 nichts im Wege. Meldungen von diesem Wochenende (produziert von der „Süddeutschen Zeitung“), wonach die Arbeitslosigkeit bei Älteren drastisch gestiegen sei, sind wahr, beruhen aber auf einem Taschenspielertrick. Eine Gruppe von Vorruheständlern, die früher nicht als arbeitslos zählte, wird seit 2008 registriert. Statistisch ist das auffällig. Für die Rente mit 67 lässt sich daraus gar nichts ableiten.

          Doch warum soll eigentlich mit 67 Schluss sein? Eine freie Gesellschaft müsste es den Vertragspartnern freistellen, wie lange gearbeitet wird. Die Zahl 67 ist reine Willkür, die sich die Bürger nicht gefallen lassen brauchen. Nötig ist nur eine einfache Regel: Je länger einer arbeitet, desto höher fällt die Rente aus. Je eher einer aufhört (weil er bescheiden lebt oder gut geerbt hat), desto knapper bemisst sich die Rente. Das lässt sich auch in einem umverteilenden Rentensystem einrichten.

          Vorsicht übrigens: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass, wer früher in Rente geht, auch früher stirbt. Grund dafür ist ein Verhalten, das Ökonomen „mentale Kündigung“ nennen. Wer arbeitet, ist gezwungen, fit zu bleiben. Und das hält jung. Pensionäre leben passiv, ihr Hirn wird nicht mehr genug gefordert. Die Ergebnisse gelten nicht nur für Intellektuelle, sondern auch für Industriearbeiter. Also an die Arbeit. Solange es gefällt.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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