https://www.faz.net/-gqe-731g0

Umstrittene Funktion : Facebook stoppt Gesichtserkennung

Bild: dpa

Das soziale Netzwerk schaltet in der Europäischen Union die „Markierungsvorschläge für Fotos“ ab. Auch deshalb attestiert der zuständige irische Datenschutzbeauftragte Facebook Fortschritte.

          Sie sollte Facebook-Nutzern das Leben erleichtern, doch erschwerte sie lange das Verhältnis des sozialen Netzwerks zu deutschen Datenschützern: die automatisierte Gesichtserkennung. Nun macht Facebook rund zwei Jahre nach dem Start eine Rolle rückwärts und schaltet die in Deutschland unter dem Namen „Markierungsvorschläge für Fotos“ bekannte Funktion für alle Nutzer in der Europäischen Union ab.

          Gleichzeitig sicherte Facebook dem irischen Datenschutzbeauftragten Billy Hawkes zu, dass es alle bisher über die Funktion gesammelten Daten von europäischen Nutzern bis zum 15. Oktober löschen wird. Die irische Datenschutzbehörde ist für Facebook zuständig, da das amerikanische Unternehmen für Nutzer außerhalb von Nordamerika seinen Sitz in Dublin hat und somit irischen sowie europäischen Datenschutzregelungen unterliegt.

          „Ein seit langem als rechtswidrig kritisiertes Verfahren“

          Die seit Dezember 2010 schrittweise eingeführte Markierungsfunktion sollte es Nutzern ursprünglich ermöglichen, im Netzwerk hochgeladene Fotos schneller mit Profilen anderer Nutzer zu verbinden. Dafür verglich eine Software biometrische Merkmale der neuen Fotos mit schon gespeicherten Bildern, auf denen Nutzer bereits markiert worden waren. Diese automatische Gesichtserkennung hatte Datenschützern schon länger Sorgen bereitet. Noch am Freitag hatte der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar eine Anordnung gegen Facebook erlassen. Sie sollte das amerikanische Unternehmen dazu verpflichten, „das seit langem als rechtswidrig in der Kritik stehende Verfahren der Gesichtserkennung auch rückwirkend datenschutzkonform zu gestalten“, wie es in einer Mitteilung hieß. Dem Erlass der Anordnung seien langwierige Verhandlungen vorausgegangen, die letztlich aber scheiterten. „Auf dem Verhandlungsweg war Facebook nicht dazu zu bewegen, das Verfahren an europäische Datenschutzstandards anzupassen“, teilte Caspars Behörde noch am frühen Freitagnachmittag mit.

          Erkennen Sie das Gesicht in der Menge? Mark Zuckerberg hätte einen „Markierungsvorschlag“ gehabt

          Wenige Stunden später erschien diese Anordnung dagegen in einem anderen Licht. Der Grund: Hawkes, der irische Datenschutzbeauftragte, hatte einen zweiten Bericht über den Umgang des sozialen Netzwerks mit dem Datenschutz seiner Mitglieder veröffentlicht. Und darin teilte er eben auch mit, dass die Gesichtserkennung in der Europäischen Union abgeschaltet werden soll. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Caspar, dass mit der nun erzielten Einigung das Anordnungsverfahren voraussichtlich schnell beendet werden könne. „Offenkundig hat Facebook eingesehen, dass es keinen Sinn ergibt, die Nutzer ohne Ankündigung mit solch einer Funktion zu überziehen.“

          Insgesamt ein gutes Zeugnis für das Netzwerk

          Dem nun veröffentlichten Bericht der Iren war eine intensive Prüfung im Dezember vergangenen Jahres vorausgegangen. Damals hatte die irische Behörde mehrere für den Datenschutz sensible Punkte angemahnt und Empfehlungen gegeben, diese zu verbessern. Im zweiten Bericht stellt Hawkes Facebook insgesamt ein gutes Zeugnis aus: Die große Mehrheit der Empfehlungen seien zu seiner vollsten Zufriedenheit umgesetzt worden. So zeige sich Facebook nun transparenter, was den Umgang mit den Daten der Nutzer betrifft. Die Mitglieder des Netzwerks hätten eine größere Kontrolle über die Einstellungen erhalten. Außerdem habe Facebook klare Fristen eingeführt, bis zu denen es Daten der Nutzer aufbewahre. Und es ermögliche ihnen umfassender, in ihrem Profil hinterlegte Elemente, wie Bilder oder Beiträge, wieder zu löschen. Auch dass Nutzer nun schneller Einblick erhalten, welche persönlichen Daten das Netzwerk überhaupt speichert, bewertete der Datenschutzbeauftragte positiv.

          Allerdings sah er in einigen Punkten noch Handlungsbedarf. „In einer kleinen Zahl von Fällen ist die volle Umsetzung der Empfehlungen noch nicht erreicht“, heißt es in dem Bericht. Unter anderem mahnte er an, dass neue Nutzer immer noch nicht ausreichend in der Handhabe des Netzwerks geschult werden. Auch bei der kompletten Löschung von Nutzerprofilen seien noch nicht alle Zweifel ausgeräumt, welche Daten wie lange gespeichert werden. Schließlich sei auch noch nicht geklärt, ob das Netzwerk beim sogenannten Targeting für seine Werbeanzeigen auch auf sensible Daten zurückgreife. Das kann nach Ansicht des Datenschutzbeauftragten etwa dann der Fall sein, wenn Facebook Wörter oder Begriffe aus Nutzerbeiträgen verwendet, um daran anknüpfend auf der Seite individualisierte Werbung auszuspielen.

          Initiative will Entscheidung über Beschwerden

          Facebook selbst sah sich einer ersten Reaktion durch den Bericht bestätigt. „Wir freuen uns, dass die jüngste Erklärung des irischen Datenschutzbeauftragten bestätigt hat, dass wir nicht nur mit dem europäischen Datenschutz konform sind, sondern die ersten Empfehlungen der Behörde in der Umsetzung sogar übertroffen haben.“ Was die Funktion „Markierungsvorschläge für Fotos“ betrifft, äußerte sich das Netzwerk optimistisch, sie künftig auch in Europa wieder zur Verfügung stellen zu können.

          Die vom österreichischen Jurastudenten Max Schrems ins Leben gerufene Initiative „Europe Versus Facebook“ kritisierte dagegen den nun veröffentlichten Bericht. Zwar sage der irische Datenschutzbeauftragte, dass Facebook nicht alle Vorschläge umgesetzt habe, aber das scheine keine Konsequenzen zu haben, hieß es in einer Mitteilung. „Es tut uns Leid zu sehen, dass das Gesetz in Irland wieder einmal für einen Technologie-Giganten aufgehoben wurde“, ließ sich Schrems zitieren. „Auf der anderen Seite ist dieser Bericht nicht bindend. Über unsere Beschwerden ist noch weiter zu entscheiden.“

          „Europe Versus Facebook“ hatte im vergangenen Jahr insgesamt 22 Beschwerden beim irischen Datenschutzbeauftragten eingereicht, die dieser während seiner ersten Prüfung berücksichtigte. Der Datenbeauftragte Hawkes verwies am Freitag noch einmal deutlich darauf, dass ungeachtet des nun veröffentlichten Berichts weiter die Möglichkeit bestehe, Beschwerden vorzubringen. „Unter irischem Recht ist es jedem weiter möglich, von unserer Behörde eine formale Entscheidung über Beschwerden zu erreichen“, sagte er. Wem diese Entscheidung dann nicht gefalle, dem sei es unbenommen auch vor Gericht zu ziehen. Europe Versus Facebook kündigte am Freitag an, den nächsten Schritt gehen zu wollen, um eine solche Entscheidung zu erwirken.

          Weitere Themen

          Wie Facebook für Libra werben will

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.