https://www.faz.net/-gqe-9ajpr

Umgangsrecht als Waffe : Kampf ums Kind

„Sonst stelle ich dir die Kinder vor die Tür!“

Bisweilen werden die Gerichte und eigentlich sinnvolle Gesetze aber auch böswillig missbraucht. Wer noch Zweifel daran hat, wozu Menschen fähig sind, die sich einmal geliebt haben, jetzt aber um die Kinder kämpfen, der muss im Selbsthilfeladen in Berlin nur Sebastian zuhören. Kaum war die Trennung besprochen, tauschte seine Frau das Türschloss des gemeinsamen Hauses aus. Sie erstattete Anzeige wegen Körperverletzung, weil er sie getreten habe und eine weitere, weil er das gemeinsame Kind geschlagen habe. Eine dritte, weil er pädophil sei und die Tochter missbraucht habe. Ihr Anwalt schickte alle Anzeigen zusätzlich ans Jugendamt. „Es war und ist der totale Vernichtungskrieg“, berichtet Sebastian. Er brauchte Monate, um die Vorwürfe durch Gutachten zu entkräften, und drei Jahre, um wenigstens seine Hosen, Schuhe und Möbel aus jenem Haus rausholen zu dürfen, das laut Grundbuch zur Hälfte ihm gehört.

Der Unterhaltsprozess dauerte noch länger, insgesamt viereinhalb Jahre. Schriftsätze und Gutachten mit Dutzenden Seiten wechselten unaufhörlich die Seiten. Am Ende kostete das Verfahren jede Partei 60.000 Euro. „Meine Frau hat leider einen neuen Partner gefunden, der ihr das alles finanziert. Hätten mir meine Eltern nicht geholfen, hätte ich vorher aufgeben müssen.“ Aktueller Stand: Seine Frau will 700 Kilometer weit wegziehen, dadurch könnte er seinen Sohn kaum noch sehen. Auch darüber wird jetzt wieder vor Gericht gestritten, es wird nochmal teuer.

Um das Elend zu beenden, trommeln Väterverbände für eine grundlegende Gesetzesänderung. Statt dem Kind wie bisher ein festes Zuhause zu geben, wo es sich überwiegend aufhält, schlagen sie vor, das Wechselmodell als Regelfall vorzusehen. Dadurch würde Gerechtigkeit hergestellt und viel weniger gestritten, glauben sie. Die FDP und Teile der SPD sehen das genauso.

Doch der Gegenwind ist stark. Kritiker wenden ein, dass es einem Kind nicht zumutbar sei, jede Woche umzuziehen. Auch funktioniere das Wechselmodell nur, wenn beide Eltern nach der Trennung nahe beieinander wohnen blieben und beide eine ausreichend große Wohnung finanzieren könnten. Und überhaupt seien viele Väter nur für dieses Modell, weil sie dann weniger oder keinen Unterhalt zahlen müssten. Im neuen Koalitionsvertrag taucht das Wort „Wechselmodell“ jedenfalls nicht auf.

Ums Geld geht es auch bei der einzigen Frau in der Runde, die sonst aber alle Klischees auf den Kopf stellt. Die Mutter berichtet davon, dass sie ihrem Ex-Mann inoffiziell deutlich mehr zahlt, als sie müsste. Statt 700 Euro gibt sie ihm 1100 Euro jeden Monat – allerdings damit er die Kinder behält. Sie will sich lieber auf ihre Karriere konzentrieren. Seit Neuestem aber verlangt ihr arbeitsloser Mann nochmal 100 Euro mehr im Monat. „Er droht damit, mir die Kinder sonst von heute auf morgen vor die Tür zu stellen.“ Jetzt weiß sie nicht, wie sie damit umgehen soll.

Weitere Themen

Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

Topmeldungen

Stiller Anführer: Lars Stindl (l) jubelt mit Jonas Hofmann und Thorgan Hazard.

Lars Stindl : Der Anker im Mönchengladbacher Sturm

Dass in Mönchengladbach niemand wegen des zweiten Platzes die Bodenhaftung verliert, hat auch mit Lars Stindl zu tun. Der Kapitän begegnet der Aufregung gelassen.

Umfrage zu Russland : Mächtig, aber unbeliebt

Wer Macht hat, ist nicht automatisch beliebt. Auf Russland trifft das zu, wie eine neue Umfrage des Pew-Instituts zeigt. Auf den zweiten Blick offenbaren sich interessante Unterschiede unter den Befragten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.