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Umgangsrecht als Waffe : Kampf ums Kind

Allerdings erhält auch der Mann zwei Dinge. Zum einen bekommt er in 95 Prozent der Fälle ein gemeinsames Sorgerecht, darf also über den Wohnort, die Schule, die Religion und größere medizinische Behandlungen mitbestimmen. Zum anderen erhält er fast immer ein sogenanntes Umgangsrecht. Er darf seine Kinder also weiterhin sehen. Und genau an diesem Punkt beginnt das Geschacher, oft auch der Krieg. Die spannenden Fragen lauten dann: Wie oft darf der Vater seine Kinder zu sich holen? Und wie viele Euro muss er den Kindern eigentlich zahlen – offiziell und inoffiziell?

„Wenn ich ihr nichts zahle, darf ich meinen Sohn nicht mehr besuchern“

Johannes kann das genau sagen. Er ist Mitte zwanzig und Student, die Mutter seines Kindes ebenfalls. Laut Gesetz verdient Johannes zu wenig, um Unterhalt zahlen zu müssen. Das hilft ihm aber nicht. Unter der Hand gibt er der Mutter jeden Monat 60 Euro. Für ihn ist das viel Geld, doch Johannes sieht keine andere Chance: „Wenn ich ihr die 60 Euro nicht zahle, erlaubt sie mir nicht mehr, bei ihr vorbeizukommen und meinen Sohn zu besuchen.“

Rechtlich gesehen ist das Erpressung, denn Johannes hat einen Anspruch darauf, sein Kind regelmäßig zu sehen. Doch Recht haben und zu seinem Recht zu kommen sind zwei unterschiedliche Dinge. Johannes jedenfalls berichtet: „Wenn ich ihr das Geld nicht gebe, erfindet sie Ausflüchte, warum es gerade nicht geht.“ Mal sei dann das Kind krank, mal die Mutter. Oder sie mache einfach nicht die Tür auf. Statt vor Gericht zu ziehen, zahlt Johannes lieber. Und erkauft sich so das Wohlwollen der Mutter.

Dabei ist eigentlich bis auf den Cent genau geregelt, wie viel Unterhalt fällig ist. Dafür gibt es seit 1962 die Düsseldorfer Tabelle. In allen Scheidungsverhandlungen in Deutschland ist sie die Richtschnur dafür, wie viel Geld der getrennt lebende Elternteil seinem Kind überweisen muss und wie viel er mindestens für sich selbst behalten darf. Um möglichst gerecht zu sein, empfiehlt die Tabelle je nach Nettoverdienst des Zahlers und Alter des Kindes 40 unterschiedlich hohe Beträge. Verdient der Partner höchstens 1900 Euro netto, muss er monatlich 348 Euro zahlen, bis sein Kind sechs Jahre alt wird. Anschließend sind es bis zum zwölften Geburtstag 399 Euro, danach bis zur Volljährigkeit 467 Euro. Das Kindergeld wird zur Hälfte angerechnet, außerdem darf der getrennt lebende Elternteil 1080 Euro in jedem Fall für sich behalten. Partner, die mehr verdienen, werden deutlich stärker zur Kasse gebeten. Wer etwas mehr als 5000 Euro netto im Monat erhält, muss seinem volljährigen Kind 844 Euro überweisen.

Rechtsanspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Doch so exakt all diese Regeln auch sind – Rechtsanspruch und Wirklichkeit klaffen bisweilen weit auseinander. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge erhält etwa die Hälfte der Alleinerziehenden keinen einzigen Cent von ihrem Expartner. Ein weiteres Viertel bekommt zwar etwas, doch nur jeder vierte Unterhaltspflichtige begleicht den vollständigen Betrag. Auch deshalb leben laut Statistischem Bundesamt 43,8 Prozent aller Alleinerziehenden in ärmlichen Verhältnissen.

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