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Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

  • -Aktualisiert am

Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel. Bild: dpa

Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.

          Patienten haben immer größere Probleme, einen Hausarzt zu finden, Privatversicherte müssen so lange auf den Arzttermin warten wie Kassenpatienten und die neu eingeführte Video-Sprechstunde interessiert zwei Drittel der Leute überhaupt nicht. Das sind ein paar Schlaglichter aus der kürzlich veröffentlichten jährlichen Befragung von 6000 Bürgern im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie wird seit 13 Jahren erhoben und lässt damit Vergleiche zu.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Etwa bei der Frage, ob es genügend Hausärzte in Wohnortnähe gebe. Darauf antworteten 27 Prozent mit nein. 2017 hatten das nur 22 Prozent verneint. Das sei „statistisch auffällig“, sagt Forscher Matthias Jung. Anderseits gaben nur 30 Prozent an, sie hätten Probleme, einen geeigneten Hausarzt zu finden. 2017 hatten das noch 32 Prozent gesagt. Ähnlich, wenn auch auf höherem Niveau, fallen Antworten zur Erreichbarkeit von Fachärzten aus. Jeder zweite Befragte hält das für ein Problem, 44 Prozent sagen, es gebe zu wenige in Wohnortnähe. Besonders oft vergeblich gesucht werden Orthopäden, Haut- und Augenärzte, Neurologen und Psychiater.

          Stephan Hofmeister ist im KBV-Vorstand für Hausärzte zuständig. Er tut sich schwer mit der Analyse. Wie weit dürfe der Weg bis zur nächsten Praxis denn sein, fragt er: 2000 Meter oder doch 30 Minuten? Auffällig sei, dass Befragte in Städten wie Hamburg oder Berlin, nach Sachsen-Anhalt, laut Selbstauskunft die größten Probleme hätten, einen passenden Arzt zu finden. Womöglich, sagt Forscher Jung, liege das an „anderen Ansprüchen einer urbanen Gesellschaft“. Für Leute vom Land seien lange Wege normal.

          Es gibt immer weniger Praxen

          Hofmeister weist auf einen anderen Faktor hin. Die Zahl der Ärzte, auch der Hausärzte, nehme zwar zu, doch junge Ärzte arbeiteten oft in Teilzeit. Mehr Personal führe deshalb nicht automatisch zu mehr ärztlicher Arbeitsleistung, wenn in Vollzeit arbeitende Mediziner in Rente gingen. Auch nehme die Zahl der Praxen rapide ab. Von 2007 bis 2017 sei jede siebte Praxis geschlossen worden. Entsprechend weniger Arztstandorte gebe es. Die Patienten müssten deshalb oft weiter laufen. Heute werde eher in größeren Praxen kooperiert, bis hin zu medizinischen Versorgungszentren mit vielen Ärzten.

          „Bedarf und Bedürfnisse“ müsse man stärker auseinanderhalten, sagt Hofmeister. Nicht alles, was Patienten als dringend empfänden, sei es auch im medizinischen Sinne. Mit Unverständnis kommentiert er den anhaltend hohen Teil jener Patienten, die in die Notaufnahme der Kliniken gehen und dass 36 Prozent der Befragten Vorsorge- und Impftermine als „eilig“ oder „sehr eilig“ zu erledigen ansähen.

          Wartezeiten sind ein Dauerbrenner der Gesundheitspolitik und in den Befragungen der KBV. Die Koalition hat erst kürzlich eigens das „Terminservice- und Versorgungsgesetz“ für eine schnellere Vermittlung von Arztterminen in Kraft gesetzt. (Es trat nach der aktuellen Befragung in Kraft.) KBV-Vorstandschef Andreas Gassen hält das Gesetz für überflüssig und verulkt es als „fast lane“ und „priority boarding für medizinische Versorgung“. Denn die Wartezeiten gesetzlich und privat Versicherter glichen sich immer mehr an.

          Nur bei Wartezeiten von mehr als drei Wochen sei die Zahl der Privatversicherten signifikant niedriger als die der Kassenpatienten. Das sei 2008 noch ganz anders gewesen. Da bekamen 39 statt 30 Prozent der Privatpatenten am gleichen Tag einen Termin, und nur 5 statt heute 12 Prozent mussten länger als drei Wochen auf den Doktor warten.

          Der Grund für die für alle Patienten längeren Wartezeiten liege nicht an der Art der Versicherung, sondern am Mangel an Ärzten. Hier müsse die Politik sich etwas einfallen lassen. Digitalisierung allein helfe auch nicht, wie die Befragung zeigt.

          Zwei Drittel fremdeln mit der Video-Sprechstunde, 30 Prozent lehnen die elektronische Patientenakte ab. Frauen sind mit einer Ablehnungsquote von einem Drittel skeptischer als Männer, von denen ein Viertel dagegen sind. Die Patienten suchten lieber den direkten Kontakt zum Arzt, sagt KBV-Technik-Vorstand Thomas Kriedel. Forscher Jung ergänzt, dass vielen älteren Patienten gar nichts anderes bleibe: 40 Prozent der über 65-Jährigen fehle der Internetzugang.

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