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F.A.Z. exklusiv : Die Franzosen wollen weniger Atomenergie

Greenpeace-Aktivisten drangen am 12. Oktober auf das Gelände des AKW nahe Cattenom ein. Bild: dpa

In Frankreich ist Kernenergie weiter wichtig. Eine Umfrage, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, zeigt nun aber: Die meisten Franzosen wollen das gar nicht. Und auch ihre Einschätzung der deutschen Energiewende überrascht.

          3 Min.

          Kaum Proteste gegen Atomkraftwerke und große Skepsis gegenüber der deutschen Energiewende, weil sie zu viel schmutzige Kohle brauche: So hat man sich die energiepolitische Mehrheitsmeinung der französischen Öffentlichkeit vorgestellt. Doch eine neue Umfrage, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt, zeigt das Gegenteil. Die Franzosen wollen zwar mehrheitlich nicht aus der Kernenergie aussteigen, doch ihren Anteil deutlich verringern. Zudem schätzen die Franzosen den beherzten Ausbau der erneuerbaren Energieträger in Deutschland.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Umfrageergebnisse haben Gewicht. Denn Paris und Berlin wollen in energiepolitischen Fragen zusammenarbeiten, obwohl ihre Interessen teilweise schwer zu vereinbaren sind. So will Frankreich zur Vermeidung von Treibhausgasen einen Mindestpreis im europäischen CO2-Handel von 30 Euro je Tonne – eine Versechsfachung des aktuellen Niveaus. Die deutsche Industrie dagegen befürchtet eine weitere Steigerung der Strompreise, die ohnehin schon über dem Niveau in Frankreich liegen, wo die vielen abgeschriebenen Kernkraftwerke für Entspannung sorgen. Am kommenden Dienstag findet in der französischen Hauptstadt zwei Jahre nach dem Pariser Klimagipfel ein Folgetreffen der Staats- und Regierungschefs statt, das weitere Impulse für den Kampf gegen die Treibhausgase geben soll.

          „Inspiration und Ermutigung“

          Die Online-Umfrage wurde vom französischen Institut Harris im Auftrag der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung sowie der französischen Stiftung La Fabrique Écologique unter gut 1000 Franzosen Ende November durchgeführt. Demnach finden 74 Prozent der Befragten, dass die französische Energiepolitik zu stark auf die Kernenergie setze. Rund drei Viertel des Stroms kommen in Frankreich aus nuklearen Quellen, und das dürfte eine Weile so bleiben: Die Regierung von Emmanuel Macron hat unlängst verkündet, dass sie das gesetzliche Ziel der sozialistischen Vorgänger aufgeben werde, den Atomstrom bis zum Jahr 2025 auf 50 Prozent zu verringern. Der Teilausstieg sei nur für den Preis von mehr fossilen Kraftwerken zu haben. Das sei nicht akzeptabel, sagte Umweltminister Nicolas Hulot.

          So wirkt die französische Energiepolitik teilweise wie ein Festhalten am Status quo. Doch das scheint nicht nach dem Geschmack der Franzosen zu sein: Zu viel Energie werde verschwendet, zu wenig für Energiesparmaßnahmen getan, und die Anlagen seien zu alt, finden jeweils mindestens 80 Prozent der Befragten. Vor diesem Hintergrund meinen 83 Prozent der Franzosen, ihr Land müsse mehr in die alternativen Energien investieren. Nur 16 Prozent befürworten höhere Mittel zugunsten der nuklearen Stromerzeugung – trotz des hohen Investitionsbedarfs der alternden Atommeiler Frankreichs. Klimaschädliche Energieprojekte sollte man meiden, auch wenn sie mehr Beschäftigung bringen, findet eine Mehrheit der Befragten.

          Der Blick über den Rhein ergibt dabei ein gemischtes Bild: „Der deutsche Weg ist in den Augen der Franzosen insgesamt eine Inspiration und Ermutigung“, erläutert der Umfrage-Leiter Jean-Daniel Levy. 55 Prozent der Franzosen halten die deutsche Energiewende für ein gutes Beispiel, 43 Prozent sind der gegenteiligen Ansicht. Am Pranger steht jedoch die deutsche CO2-Bilanz: Deutschland trage nicht genügend zum Abbau der Treibhausgase bei, finden 72 Prozent der Franzosen. Unklar ist, ob sie sich der Strompreisunterschiede bewusst sind, nach denen nicht direkt gefragt wurde. Die Umfrage-Verantwortlichen verweisen darauf, dass in Frankreich ein erheblicher Teil der Atomenergiekosten vom Steuerzahler und nicht von den Stromkunden getragen werde. Eine Kilowattstunde kostet die Haushalte in Deutschland derzeit rund 30 Cent, doppelt so viel wie in Frankreich – und auch das ist vielen Franzosen zu teuer: Ob für sie „der Zugang zu günstiger Energie garantiert“ sei, bejahen 43 Prozent und verneinen 56 Prozent. Die Franzosen wurden indes gefragt, ob nach ihrem Eindruck in Deutschland die Gesamtkosten der Stromerzeugung einschließlich indirekter Kosten für die Atom- und andere Energien gesunken seien. 46 sagen ja, 51 Prozent nein.

          Eine französische Energiewende wünschen sich die Franzosen als einen Umbau mit mehr lokalen und regionalen Initiativen. Die Frage bleibt allerdings, ob sie erneuerbare Energien etwa aus Windkraftturbinen vor ihrer Haustüre akzeptieren. Die Einspruchsmöglichkeiten der Anrainer sind ausgeprägt und die Genehmigungspraxis daher sehr zögerlich. „Doch wenn man die Leute vor Ort richtig einbindet, anstatt zentralistisch ihnen aus Paris etwas vor die Nase zu setzen, dann ist die Akzeptanz oft eine höhere. Dafür gibt es gute Beispiele“, meint Jens Althoff, der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Paris. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass der staatliche Energiebetreiber EDF heute rund 100 000 Haushaltskunden im Monat verliert. Wettbewerber wie Direct Energie oder seit neuestem auch der ins Stromgeschäft eingestiegene Öl- und Gaskonzern Total rücken dem ehemaligen Monopolisten auf den Pelz.

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