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Umfrage des Verbands : Caritas beklagt soziale Kluft durch Corona

Laut Caritas-Umfrage ein wichtiges Thema in diesem Jahr: Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen. Bild: dpa

Wie hat die Pandemie die Wahrnehmung der Deutschen verändert? Welche Themen bestimmen das Wahlkampfjahr 2021? Dazu befragte die Caritas Bundesbürger online und befürchtet Konflikte zwischen Geimpften und Nichtgeimpften.

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           Die Caritas, einer der wichtigsten Wohlfahrtsverbände und der größte privatrechtliche Arbeitgeber in Deutschland, beklagt eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in der Corona-Krise. Die Mehrheit der Bundesbürger erlebe derzeit einen geschwächten Zusammenhalt, sagte Caritas-Präsident Peter Neher der F.A.Z. mit Verweis auf eine noch unveröffentlichte Umfrage seines Verbands. „Das ist eine schmerzliche Erkenntnis, und sie widerspricht der Solidaritätswelle, die wir noch im Frühjahr erlebt haben.“ Der neuen Erhebung zufolge haben 52 Prozent der Befragten das Gefühl, dass die Infektionswelle der sozialen Bindekraft schadet, nur 17 Prozent erleben eine Stärkung.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Das Auseinanderdriften erklärte Neher mit „gezielten Desinformationen durch Corona-Leugner“, mit Kampagnen gegen eine europäisch abgestimmte Impfpolitik und damit, dass in „unsäglichen Debatten“ Menschen gegeneinander ausgespielt würden: „Risikogruppen gegen die, welche sich gegen das Virus gut geschützt fühlen, ,Systemrelevante‘ gegen alle anderen, Regeltreue gegen Maskenmuffel, Impfgegner versus Impfwillige, Geimpfte gegen Nichtgeimpfte“. In der Ausnahmesituation brauche das Land eigentlich mehr Solidarität, tatsächlich aber vertieften sich die Gräben, sagte Neher: „Ich habe die Sorge, dass dies im Wahljahr zunimmt, Wahlkämpfe sind ja Zeiten für Zuspitzung und Polarisierung.“

          Um gegenzusteuern, beginnt die Caritas am Donnerstag eine Kampagne zur Stärkung der Solidarität unter dem Motto „Das machen wir gemeinsam“. Über Werbung, Podcasts und andere Aktionen will der Verband im Wahljahr seinen sozialpolitischen Forderungen Nachdruck verleihen, etwa zum Rechtsanspruch auf eine Schuldnerberatung oder zur Pflege- und Rentenreform. Die Kampagne läuft bis 2022, wenn der 1897 gegründete Deutsche Caritasverband sein hundertfünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert.

          Der Caritas-Umfrage zufolge hat die Corona-Pandemie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Verschiebung der wichtigsten Politikfelder geführt. Diese Priorisierung könnte die Themen im bevorstehenden Bundestagswahlkampf mitbestimmen. Ganz oben im Interesse der Bevölkerung rangiere der Wunsch nach besseren Arbeitsbedingungen in sozialen Berufen – etwa der Pflege – sowie nach deren besserer Bezahlung.

          Erst dahinter folgt in der Rangfolge das Thema „Förderung des Klimaschutzes“ vor der Stärkung der sozialen Infrastruktur sowie besseren Bildungsangeboten. Die nächsten Plätze belegen Aktivitäten gegen Ausgrenzung und Rassismus sowie die Unterstützung von Industrie, Kunst, Sport und Kultur. Genannt werden durften zwei Prioritäten. Für die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa wurden mehr als 2000 Personen online befragt.

          „Die Corona-Pandemie hat die Bedeutung des Sozialen in den Fokus gerückt“, sagte Neher, „vor allem die Leistung all der Menschen, die Kranke und Hilfebedürftige pflegen.“ Vielen Bürgern sei jetzt wichtig, dass diese Tätigkeiten wertgeschätzt würden. Die drei zentralen Handlungsfelder soziale Berufe, Klimaschutz und soziale Infrastruktur sind für Neher „ein klarer Auftrag an die politischen Parteien in diesem Jahr der Bundestagswahl. Daraufhin werden die politischen Programme geprüft und bewertet, nicht nur von uns.“

          Befragt nach den Auswirkungen der Corona-Pandemie, machen sich fast zwei Drittel der Teilnehmer (63 Prozent) Sorgen um die Konjunktur und allgemein um die wirtschaftliche Lage in Deutschland. 48 Prozent befürchten, dass die Zwischenmenschlichkeit weiter leiden wird. 45 Prozent erwarten Rückschritte in der sozialen Absicherung. Gleichwohl glauben 41 Prozent, dass sie persönlich etwas zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen können. 27 Prozent sehen das nicht so, fast ebenso viele sind in dieser Frage unentschlossen.

          „Die meisten Menschen fühlen sich mitnichten ohnmächtig oder überfordert“, sagte Neher, „viele glauben, dass sie etwas bewegen können.“ Diese Gruppe sowie die Unschlüssigen gelte es zu mobilisieren, dazu diene die neue Kampagne. Der Caritasverband mit Sitz in Freiburg ist der Dachverband der römisch-katholischen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Der Zusammenschluss von 6200 rechtlich eigenständigen Trägern beschäftigt mehr als 690.000 Mitarbeiter. Hinzu kommen rund 500.000 ehrenamtliche Helfer.

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