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Donbass : Ukraine braucht Industrie des Separatisten-Gebiets

Ein verwüsteter Supermarkt in Donezk: Der Krieg hat der reichen Region sehr zugesetzt Bild: dpa

Die Ostukraine stellt 25 Prozent der exportierten Waren her – dort sind die reicheren Ukrainer zu Hause. Wenn diese Region an die Separatisten fallen würden, träfe dies das Land hart.

          Nach den umstrittenen Wahlen im Osten der Ukraine ist die Gefahr einer Abspaltung der Region gewachsen. Ökonomen warnen, dass die Unabhängigkeit des Landstrichs oder sein Anschluss an Russland die Ukraine nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich destabilisieren könnte. Die Region ist ein wichtiger Kohle- und Industriestandort der Ukraine und hat ökonomisch eine viel größere Bedeutung als die Halbinsel Krim, die sich Russland schon im Frühling einverleibt hatte.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Es geht um die weder von Kiew noch vom Westen anerkannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk, die nach dem dort verlaufenden Fluss auch als Donbass bezeichnet werden. Die Region nahe Russland ist russisch dominiert. Moskau unterstützt die Separatisten und hat, im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern, die Wahlen vom vergangenen Wochenende anerkannt.

          Wie die Aufständischen benutzt Präsident Wladimir Putin für die Region zuweilen den Begriff „Neurussland“. „Wirtschaftlich betrachtet, war der Verlust der Krim für die Ukraine vertretbar“, sagt der Volkswirt Vasily Astrov, der im Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) für Russland und die Ukraine zuständig ist. „Hingegen hat das Donbass ein erhebliches wirtschaftliches Gewicht.“ Einer Untersuchung des Wissenschaftlers zufolge steuerten 2012 die Krim und Sewastopol nicht einmal 4 Prozent zur Wirtschaftsleistung (BIP) der Ukraine bei.

          „Donezk ist traditionell die reichste Gegend der Ukraine hinter Kiew“

          Aus Donezk und Luhansk stammten indes fast 16 Prozent. Hier leben 6,5 Millionen der 45,4 Millionen Ukrainer, 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Noch deutlicher dominiert die Region den Außenhandel. 2013 machte das Donbass 25,2 Prozent des Exports der gesamten Ukraine aus, also mehr als ein Viertel; die Krim schaffte nicht einmal 2 Prozent. „Donezk ist traditionell die reichste Gegend der Ukraine hinter Kiew“, weiß Astrov. Das kaufkraftbereinigte BIP je Kopf betrage zwar weniger als die 20700 Euro in der Hauptstadt, liege aber weit oberhalb des Durchschnitts von 6800 Euro.

          Der Krieg hat das Land weiter zurückgeworfen, ganz besonders den Osten. Die Kämpfe zwischen den russisch unterstützten Separatisten und den Regierungstruppen haben dazu geführt, dass immer wieder Eisenbahnverbindungen und die Stromversorgung ausfallen. Im August lag die Industrieproduktion in Donezk um 60 Prozent unter dem Vorjahreswert, in Luhansk waren es sogar 85 Prozent. „Inzwischen ist die Industrie nahezu zum Stillstand gekommen“, sagt Astrov. Weil die Pumpen nicht in Betrieb seien, stünden 70 Prozent der Kohlegruben unter Wasser. Eine Million Personen seien geflüchtet, bis zu zwei Millionen Arbeitskräfte gelten als beschäftigungslos.

          Der Konflikt hat der Untersuchung zufolge im Donezbecken wirtschaftliche Schäden von 7 bis 8 Milliarden Dollar angerichtet und dadurch rund 6 Prozent des BIP vernichtet. In der ganzen Ukraine rechnet Astrov für 2014 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 8 bis 10 Prozent. Die Währung habe seit Januar fast zwei Drittel an Wert verloren, die Inflation bewege sich nahe 20 Prozent.

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