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Integration und Ukrainekrieg : „Von Anfang an die richtigen Weichen stellen“

Erste Anlaufstelle: Notunterkunft für Flüchtlinge aus der Ukraine in der Messe Frankfurt. Bild: Lucas Bäuml

Geflüchtete aus der Ukraine müssen zunächst mit dem Nötigsten versorgt werden. Fachleute mahnen aber, schon weiter zu denken. Vor allem die Integration von Geflüchteten in das Bildungssystem kann gegen spätere Ungleichheiten vorbeugen.

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          Frische Windeln für die Kinder, eine heiße Dusche, endlich ein bisschen Schlaf: Für die 100 bis 200 Geflüchteten aus der Ukraine, die gerade Tag für Tag im Frankfurter Erstversorgungszentrum an der Messe ankommen, geht es erstmal um grundlegende Bedürfnisse. So erzählt es Dierk Dallwitz vom Deutschen Roten Kreuz, das das Erstversorgungszentrum zusammen mit dem Arbeiter-Samariter-Bund betreut. „Viele sind körperlich und psychisch erschöpft. Zugleich haben sie große Angst um ihre Familienangehörigen in der Heimat“, sagt Dallwitz.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.
          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Am Montag ist das Impfzentrum aus den Messehallen ausgezogen, umso mehr Feldbetten werden dort nun für die Menschen aus der Ukraine aufgestellt: 1800 sollen es bis zum Wochenende sein. Bis zu 72 Stunden dürfen die Menschen bleiben, das ist zumindest der Plan. Viele fahren danach in die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, um sich registrieren zu lassen, denn nur dann haben sie Anspruch auf staatliche Hilfen und Zugang zum Arbeitsmarkt. Andere reisen weiter zu Freunden und Verwandten in anderen Ländern. Einige wollen in Frankfurt bleiben. „Wir helfen auch hier, wo wir können“, sagt Dallwitz.

          Langfristige Integration gefordert

          So wie in Frankfurt versuchen derzeit Kommunen, Hilfsorganisationen und Freiwillige in ganz Deutschland, die Menschen aus der Ukraine mit dem Nötigsten zu versorgen. Ihre Flucht hat andere Hintergründe und Begleitumstände als die große Migration im Schatten des Syrienkriegs vor knapp sieben Jahren – aber ihre Größenordnung und die damit verbundenen logistischen Herausforderungen für die aufnehmenden Länder bleiben kaum dahinter zurück. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht von der „wahrscheinlich größten Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg“.

          Bis Montagmorgen waren in Deutschland nach Angaben des Bundesinnenministeriums 225.000 Menschen aus der Ukraine als Kriegsflüchtlinge behördlich registriert worden. Die Gesamtzahl ist aber wohl viel höher, da Ukrainer mit Reisepass zunächst einmal visumsfrei und damit ohne automatische Registrierung einreisen können.

          Fachleute und Politiker fordern, heute schon die längerfristige Integration mitzudenken. „Nach der unmittelbaren Nothilfe müssen auch gleich von Anfang an die richtigen Weichen gestellt werden, um Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen und den Kindern den Besuch von Schule und Kita zu ermöglichen“, sagte Markus Lewe, Präsident des Deutschen Städtetags und Oberbürgermeister von Münster, der F.A.Z.

          Auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz und der Sachverständigenrat für Integration und Migration mahnten am Montag, geflüchteten Kindern rasch den Kita- oder Schulbesuch zu ermöglichen. Das sei„unabhängig von der Frage nach Rückkehr oder Verbleib wichtig“. Eine frühe Integration in das Bildungssystem biete ein Stück Normalität und Alltag und beuge späteren Ungleichheiten vor.

          „Das wird ein gewaltiger Kraftakt“

          Nach Auskunft von Städtetagspräsident Lewe bereiten die Städte schon jetzt Willkommensklassen in Schulen und besondere Betreuungsgruppen in Kitas vor. Es bedürfe dafür aber zusätzlicher Kapazitäten, betont er, schließlich sind Kita-Plätze schon heute knapp. „Das wird ein gewaltiger Kraftakt.“ Wohl auch in finanzieller Hinsicht: Eine konkrete Größenordnung der erwarteten Kosten nannte Lewe nicht, da noch nicht klar ist, wie viele Menschen noch nach Deutschland kommen. Er forderte aber, dass die Versorgung der Menschen und die Integrationsangebote „zum allergrößten Teil von Bund und Ländern finanziert werden“. Bund und Länder wollen das bis Anfang April näher klären.

          Der Migrationsforscher Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung plädiert dafür, die Betreuungs- und Schulangebote für die Kinder schon bei der Verteilung der Geflüchteten auf die Länder und Kommunen zu berücksichtigen – ebenso wie die Arbeitsmarktchancen für ihre Eltern. „Es darf bei der Verteilung nicht nur um die Frage gehen, wo es noch freien Wohnraum gibt“, mahnt er und verweist auf Erfahrungen aus der Zeit von 2015. Damals seien viele Flüchtlinge in wirtschaftlich schwachen Regionen gelandet. „Ihre Beschäftigungsquoten sind noch heute einige Prozentpunkte niedriger als die anderer Geflüchteter.“ Zu ähnlichen Ergebnissen kam das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mit Blick auf das Angebot an Kindergartenplätzen für Mütter mit kleinen Kindern, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind.

          Geflüchtete aus der Ukraine werden nun – zumindest wenn sie mit angemeldeten Zügen und Bussen ankommen – wieder nach festen Quoten auf die Regionen verteilt. Anders als 2015 gibt es bisher für sie aber keine Wohnsitzauflagen; sie müssen also nicht am zugewiesenen Ort bleiben.

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