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WTO schlägt Alarm : Nicht allein der Ukrainekrieg bremst den Welthandel

Containerschiffe liegen im Hamburger Hafen. Bild: dpa

„Die Auswirkungen des Krieges werden auf der ganzen Welt zu spüren sein, insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen, in denen Lebensmittel einen großen Teil der Haushaltsausgaben ausmachen“, sagt WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala.

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          Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine bremst die Weltwirtschaft. Die Welthandelsorganisation (WTO) erwartet, dass der internationale Warenaustausch in diesem Jahr nur noch um 3 Prozent wächst. Vor Kriegsausbruch war sie noch von einem Plus von 4,7 Prozent ausgegangen. Für 2023 rechnet die WTO mit einem Wachstum von 3,4 Prozent. Ihre Wachstumsprognose für das globale Bruttoinlandsprodukt 2022 hat die WTO am Dienstag von 4,1 auf 2,8 Prozent herabgesetzt.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Für den verdüsterten Ausblick ist nach Aussage von WTO-Chefökonom Robert Koopmann nicht nur der Krieg verantwortlich. Schon die Verbreitung von Omikron, das Auslaufen der Corona-Hilfen, die hohe Inflation und steigende Zinsen hätten die Aussichten eingetrübt.

          Der Krieg in der Ukraine habe nicht nur unermessliches menschliches Leid verursacht, sondern auch die Weltwirtschaft in einer kritischen Phase geschädigt, sagte die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala. „Seine Auswirkungen werden auf der ganzen Welt zu spüren sein, insbesondere in Ländern mit niedrigem Einkommen, in denen Lebensmittel einen großen Teil der Haushaltsausgaben ausmachen.“

          Allein in Afrika importierten 35 Länder Weizen aus Russland oder Ukraine. Die Nigerianerin warnte davor, in Reaktion auf die Misere nun separate Handelsblöcke aufzubauen. Dies würde die Kosten für die Weltwirtschaft deutlich erhöhen. Es sei nicht der richtige Zeitpunkt, um sich nach innen zu wenden. In einer Krise werde mehr Handel benötigt, um einen stabilen und gerechten Zugang zu lebensnotwendigen Gütern zu gewährleisten.

          Null-Covid-Politik Chinas

          Nach einer Umfrage von Allianz Trade (früher Euler Hermes) befürchten immer mehr deutsche Exporteure steigende Zahlungsausfälle und Störungen der Lieferketten. „Die russische Invasion in der Ukraine und der erneute Ausbruch von Covid-19 in China treffen den Welthandel doppelt hart mit geringeren Mengen und höheren Preisen“, sagte Ana Boata, Volkswirtin bei Allianz Trade. Durch kriegsbedingte Umwege und Hafenschließungen gebe es lange Transportzeiten. „Somit bleiben dem Welthandel Verspätungen und hohe Frachtraten länger erhalten als ursprünglich erwartet – auch aufgrund der hohen Energiepreise.“

          Zusätzlichen Druck erfährt die Weltwirtschaft durch die Null-Covid-Politik Chinas. Von den 100 größten Städten des Landes sind nach einer Erhebung des Pekinger Analysehauses Gavekal gerade mal 13 Städte frei von Restriktionen, mit denen Einwohner aufgrund der steigenden Ansteckungszahlen mit der Virusvariante Omikron zuhause gehalten werden sollen. Die betroffenen Städte und Regionen zeichnen für 54 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung verantwortlich.

          Die Städte mit den größten Freiheitsbeschränkungen sind demnach Schanghai, das die umliegenden Regionen eingerechnet bis zu einem Viertel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts stellt. Dazu kommt Jilin, eine Provinz, in der viele Automobilhersteller wie Volkswagen angesiedelt sind, dessen Werke seit Wochen stillstehen.

          In Schanghai werden seit Montag die Bewohner vereinzelter Wohnblocks wieder in die „Freiheit“ entlassen. Allerdings ändert das kaum etwas daran, dass die Menschen weiter nicht zur Arbeit können. Diejenigen, die ihre Häuser wieder verlassen können, dürfen sich nur in einem extrem begrenzten Umkreis – oft nur in ein paar umliegenden Straßen – bewegen.

          Nur ganz vereinzelt sind Geschäfte geöffnet; in vielen Fällen werden sie nach kurzer Zeit wieder von den Behörden geschlossen. Von Mitarbeitern deutscher Unternehmen in der Stadt ist zu hören, dass viele anreisen und jene, die eine Stelle in einer Niederlassung in der Stadt oder in umliegenden Gebieten aufnehmen sollten, diese nicht antreten und zurück nach Deutschland fliegen wollen.

          „Falle“ für Chinas Lieferketten

          Selbst Reporter chinesischer Staatsmedien machen inzwischen die landesweiten Bewegungsbeschränkungen zum Thema, die zur „Falle“ für Chinas Lieferketten werden würden. So seien vor allem in der Region um Schanghai die Ausfahrten von Autobahnen blockiert, um die Fahrer von LKWs auf Covid zu kontrollieren. Dabei herrscht offensichtlich Chaos: Manche Provinzen verlangten bei Übertritt der Grenze einen speziellen Pass, andere einen Covid-Test an Ort und Stelle, wieder andere verweigerten Fahrern die Einfahrt komplett, wenn der Verdacht bestehe, dass diese durch Regionen mit hohen Infektionszahlen gefahren seien. Die Regeln würden sich schnell ändern und seien schwer nachzuverfolgen.

          Zwar hat China seine Häfen nicht wie während Covid-Ausbrüchen vergangenen Jahr komplett geschlossen. Dennoch sind aufgrund der Restriktionen für LKW-Fahrer die Frachtzahlen in Häfen wie Schanghai stark zurückgegangen. Die weltgrößte Containerreederei MSC verglich die Situation mit einem „Verkehrsstau“. Banken wie Morgan Stanley und Citi haben ihre Prognosen für das chinesische Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr um rund einen halben Prozentpunkt gesenkt.

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