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Deutschland und Österreich : Krieg in Ukraine bremst Handel

Gabriel Felbermayr Bild: picture alliance / HERBERT PFARR

Wegen des Kriegs in der Ukraine geraten auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Österreich unter Druck.

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          Nachdem sich der Handel zwischen Deutschland und Österreich im vergangenen Jahr deutlich von der Corona-Pandemie erholt hat und einen Höchststand im Volumen erreicht hatte, stellt sich die Deutsche Handelskammer auf schwierige Zeiten ein: Von einem zweistelligen Wachstum wie 2021 "müssen wir uns für heuer verabschieden", sagte der Präsident der Deutschen Handelskammer in Österreich (DHK), Hans Dieter Pötsch, am Mittwoch in Wien. Im Vorjahr konnte der Außenhandel noch deutlich Fahrt aufnehmen. Deutsche Lieferungen nach Österreich zogen um 19,7 Prozent auf 71,7 Milliarden Euro an. Österreichs Export nach Deutschland stieg um 17,9 Prozent auf 47,7 Milliarden Euro. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner für Österreich, umgekehrt rangiert Österreich an siebenter Stelle für Deutschland.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Es gebe eine starke Verunsicherung, wie die Unternehmen mit gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen umgehen sollen. Die aktuellen Energiepreise gefährden zudem langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Industriestandorte Deutschland und Österreich“, wie der Hauptgeschäftsführer der DHK in Österreich, Thomas Gindele, unterstrich. Befürwortet wird die Entscheidung der deutschen und österreichischen Regierungen, einem Energieembargo für Gas nicht zuzustimmen. Für die deutsche Wirtschaft wäre es zusätzlich sehr schwierig, wenn auch Österreich Probleme mit der Energieversorgung bekäme, sagte Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG und Vorstandsvorsitzender der Porsche SE.

          Neben den anhaltenden Lieferkettenprobleme und der Energiepreishausse müssen Wirtschaftstreibende auch mit dem Klimawandel, dem demografischen Wandel und der noch nicht ausgestandenen Coronakrise zurechtkommen.

          Vor allem Produktivitätswachstum und Innovation sind für die Länder Lösungsstrategien. „Was wir brauchen um das Produktivitätswachstum anzuschieben, sind Investitionen“, forderte Gabriel Felbermayr, der Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Einer der wichtigsten Aufgaben für Österreich und Deutschland sei es daher, ein positives Investitionsklima aufrechtzuerhalten, damit vor allem in Digitalisierung, Automatisierung und Energiewende investiert werde. Um das zu erreichen, wäre für die beiden Länder, die ohnehin schon wirtschaftlich sehr stark miteinander vernetzt sind, eine noch engere Zusammenarbeit wichtig, vor allem in der Energiepolitik, meint der Ökonom. Die Notfallpläne, die die Politik zur Zeit ausarbeite, müssten viel besser koordiniert werden. Zudem müssten die Netzwerkinfrastruktur zwischen Deutschland und Österreich besser abgestimmt und der Binnenmarkt weiter ausgebaut werden. Auch die Ratifizierung von Freihandelsabkommen - beispielsweise mit Kanada - müsste viel stärker vorangetrieben werden.

          Vor Eingriffen der Politik, um die hohen Gaspreise „künstlich zu drücken“, warnte Felbermayer jedoch. Denn die derzeit hohen Energiepreise seien „ein enormer Anreiz einzusparen“ - vor allem für die Industrie, in der derzeit angenommen werde, dass die hohen Gaspreise nicht mehr auf das Niveau von vor der Krise zurückkehren würden. Ein politischer Eingriff würde diesen Anreiz wieder zerstören.

          „Die nächsten zehn Jahre eine Art Eiszeit mit Russland“

          Auch Pötsch sieht große Einsparungspotenziale in der Industrie, die man in der Vergangenheit unterschätzt habe. Noch sei die Abhängigkeit vom Gas „die Achillesferse“ der deutschen und österreichischen Industrie, eine Verringerung dieser sei aber schon im Gange und komme aufgrund der Energiewende ohnehin. Würden alle bereits ausgearbeiteten politischen Maßnahmen auch rasch umgesetzt, könne die Abhängigkeit in zwei bis drei Jahren zu einem Gutteil gelöst werden, meinte der DHK-Präsident.

          In Hinblick auf die längerfristigen Handelsbeziehungen mit Russland rechnet das Wifo nicht mit einer baldigen Erholung. „Wir gehen in der mittel- und langfristigen Prognose davon aus, dass wir für die nächsten zehn Jahre eine Art Eiszeit haben mit Russland“, sagte Felbermayr. Ist die Abhängigkeit Europas vom russischen Gas einmal gelöst, werde sie so rasch nicht wiederkommen. Doch wies Pötsch darauf hin, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben wird. „Russland ist zu groß, als zu glauben, man kann das Land umgehen“.

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