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Überschwemmungen : Thailands Industrie versinkt in den Fluten

Die Flut erreicht die Industrie: Wohnungen vieler Arbeitnehmer sind überflutet Bild: AFP

Stifte von Staedtler oder Festplatten für Apple: Die Lieferketten brechen auseinander. Jetzt spürt der Westen die Katastrophenfolgen.

          3 Min.

          Erst haben seine Arbeiter die Maschinen ins Obergeschoss getragen, dann hat Rolf-Dieter Daniel seine Leute nach Hause geschickt. „Bis auf ein paar, die die Fabriken bewachen, sollen sie sich jetzt um ihre Familien kümmern“, sagt der Geschäftsführer des Stifteherstellers Staedtler in Thailand. In den nächsten Stunden könnten die beiden Werke von Staedtler und das Lagerhaus überschwemmt werden.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Wir haben Schutzwände eingezogen und herausgetragen, was nur geht. Die schweren automatischen Maschinen allerdings können wir nicht bewegen“, sagt Daniel. Die Nürnberger fertigen in Ladkrabang östlich von Bangkok gut 86 Millionen Blei- und Buntstifte im Jahr, 20 Millionen Kugelschreiber, 17 Millionen Radiergummis. Von hier gehen sie rund um die Erde, auch nach Deutschland.

          Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht

          Die Unternehmen bekommen die Folgen der Überflutung von weiten Teilen Thailands immer stärker zu spüren. „Der wirtschaftliche Schaden für die Firmen ist schon jetzt immens. Betroffen sind inzwischen praktisch alle, die in Thailand fertigen. Denn auch die Lieferketten funktionieren nicht mehr“, sagt Benjamin Leipold, der kommissarische Geschäftsführer der Deutsch-Thailändischen Handelskammer. So spüren inzwischen die Endabnehmer in Amerika, Japan oder auch Deutschland die Flutkatastrophe in Thailand.

          Auf der Flucht: 500 Millionen Dollar dürften die größten japanischen Automobilkonzerne verlieren - pro Monat
          Auf der Flucht: 500 Millionen Dollar dürften die größten japanischen Automobilkonzerne verlieren - pro Monat : Bild: REUTERS

          Im Werk von Stiebel Eltron, wo Dusch-Einheiten und Durchlauferhitzer für ganz Asien gebaut werden, steht das Wasser schon rund einen Meter hoch. „Sinkt der Pegel relativ schnell, kommen wir zurecht. Denn wir haben noch Waren bis zum Ende des Jahres auf Lager“, sagt ein Sprecher. Die 2006 in Thailand gebaute Fabrik ist das größere der beiden asiatischen Werke der Holzmindener. „Wir haben es extra auf einen Hügel gesetzt. Aber mit so einer Wasserwucht hat niemand gerechnet.“ Auch Daniel hofft, am Ende mit einem blauen Auge davonzukommen: „Falls wir in etwa einer Woche die Arbeit wieder aufnehmen könnten, würden wir das verkraften. Ich fürchte aber, unsere Kunden in Thailand werden zum Problemfall: Denn viele Läden in den Provinzen sind überflutet und können nichts mehr verkaufen.“

          Noch aber ist der Höhepunkt der Flutwelle nicht erreicht. Trotzdem wachsen die Lieferengpässe schon von Tag zu Tag. „Alle bekommen größere Schwierigkeiten, ob Chemie oder Automobil. Mercedes-Benz hat Automobile in Sicherheit gebracht. Auch Bosch hat schon angekündigt, dass es zu Engpässen kommen werde“, sagt Leipold. Glücklicherweise sitzt das Gros der deutschen Firmen an der Ostküste Thailands. Dort sind sie nicht direkt von der Überschwemmung betroffen.

          Doch auch die Verwaltungen in der Millionenmetropole Bangkok spüren den Einschnitt: „Von rund einem Viertel der Mitarbeiter bei uns in der Kammer sind die Häuser und Wohnungen schon überflutet“, sagt der Kammerchef. „Die, die um ihre Häuser bangen und sich auf die drohende Überschwemmung vorbereiten müssen, bekommen Sonderurlaub.“ Der geregelte Betrieb wird damit immer schwieriger. Viele Unternehmen planen, ihren Arbeitern und Angestellten beim Wiederaufbau auch finanziell zu helfen.

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