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Der Sonntagsökonom : Wie Kinder rational und geduldig werden

Kinder von geduldigen Eltern sind geduldiger

Ein weiterer altersabhängiger Aspekt von Entscheidungen ist, den ökonomischen Experimenten zufolge, Geduld: „Heute ein Geschenk oder lieber morgen zwei?“ Jedes zusätzliche Jahr zwischen fünf und sechzehn macht Kinder bereitwilliger, ihren Zugriff aufzuschieben. Völlig unklar ist dabei, ob das Geschlecht eine Rolle spielt. Es gibt Studien, in denen Mädchen geduldiger sind als Jungs, solche, die das umgekehrte berichten, und solche, die keinen Unterschied feststellen können. Was hingegen nachgewiesen scheint: Kinder von geduldigen Eltern sind, zumindest in Experimenten, ihrerseits geduldiger.

Auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen und einer sicheren Auszahlung eine höhere unsichere vorzuziehen, nimmt mit dem Alter ab. Allerdings weisen einige Studien darauf hin, dass dieser Alterseffekt mit der Pubertät verschwindet, also eine stabile Risikopräferenz sich vorher ausbildet. Mädchen sind dabei generell weniger risikofreudig – oder sagen wir: weniger unvernünftig – als Jungs, was sich auch im Erwachsenenalter durchhält. Wenn man ihnen anbietet, entweder 10 Euro zu bekommen oder gar keinen und beides mit gleicher Wahrscheinlichkeit, ziehen sie demgegenüber sichere 3,80 Euro vor. Jungs verzichten erst ab 4,50 Euro auf die Wette.

Auch das Verhalten von Kindern in Verhandlungsspielen wurde untersucht. Im berühmten Ultimatumspiel beispielsweise: Die eine teilt den Kuchen auf, der andere entscheidet darüber, ob diese Aufteilung akzeptabel ist und es überhaupt zu einem Zugriff, einer Auszahlung kommt. Hier konnte zumeist kein Einfluss des Alters festgestellt werden; weder auf die Fairness der Verteilung noch auf die Neigung, bei unfairen Aufteilungen auf die Auszahlung ganz zu verzichten. Das kann man als Hinweis auf ein sehr früh entwickeltes Gefühl für ungerechte Handlungen deuten. Wie bei allen Ultimatumspielen, so dürfte allerdings auch bei Kindern die Bereitschaft, unfaire Verteilungen zu akzeptieren, von der Höhe der geringeren Auszahlung abhängen, mit anderen Worten: von den Kosten des Zurückweisens.

Generell nimmt die Bereitschaft zur Kooperation mit dem Alter zu. In „Gefangenendilemma-Spielen“ – du hast fünf Euro, und wenn du einen an Mitspieler abgibst, verdoppelt ihn die Spielleitung – gehen Elfjährige 25 Prozent häufiger auf die Hoffnung ein, Kooperation werde belohnt, als Sechsjährige. Je jünger ein Kind ist, desto stärker neigt es also zum Verhalten eines Trittbrettfahrers.

Sehr geschlechtsspezifisch ist schließlich die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen zur Konkurrenz. Bei gleicher Fähigkeit wie Jungs, in einem Wettbewerb gut abzuschneiden, ziehen Mädchen sichere, geringere und gleiche Auszahlungen dem Wettbewerb vor. Als Erklärung bietet die Forschung zweierlei an: den Hinweis darauf, dass Jungs übermäßig von sich überzeugt sind, also ein sachlich gar nicht gerechtfertigtes Selbstvertrauen haben und die schon erwähnte Risikoscheu von Mädchen. Vollständig aber können, so die experimentellen Befunde, selbst diese beiden Faktoren die Zurückhaltung von Mädchen gegenüber Konkurrenzsituationen nicht erklären.

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