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Udo Pollmer : Der Veganerfresser

  • -Aktualisiert am

Pommes frites sind besser als Pellkartoffeln, Wurstsalat hat mehr Vitamin C als Kopfsalat: Udo Pollmer, hier in seinem Garten bei Heilbronn, schießt mit Genuss gegen die üblichen Ernährungsgewissheiten. Bild: Rainer Wohlfahrt

Früher war Udo Pollmer der Feind der Agrarindustrie, weil er Bücher über Hormonfleisch und Pestizid-Gemüse schrieb. Jetzt warnt er mit giftigem Humor vor Veganismus - und macht sich Greenpeace und Co zu Gegnern. Wer ist dieser Mann?

          Als Udo Pollmer ein junger Mann war mit langem Bart, langen Haaren und antiautoritärem Herzen, machte ihn ein spontaner Erfolg zum Publizisten. Sein erstes Buch wurde zum Bestseller, Pollmer berühmt. Das war 1982. Pollmer und seine Koautorin und Lebensgefährtin Eva Kapfelsperger hatten sich etwas getraut: „Iß und stirb“ war der harte Titel ihres aufklärerischen Buchs über Hormone im Fleisch, Pestizide im Gemüse und andere Schrecken der industrialisierten Ernährungswirklichkeit. Die Industrie war sofort gegen Pollmer. „Nach dem Buch hätte ich als Lebensmittelchemiker keinen Job bekommen“, sagt er. Die Bürger aber applaudierten ihm damals.

          So einfach ist es heute nicht mehr. Kürzlich erhielt er Morddrohungen. Denn sein neues Buch ist eine Warnung vor dem Veganismus. Das Essen ohne Fleisch, Milch, Eier und Honig ist im Trend; teils aus Gründen der Gesundheit oder Tierliebe, teils auch aus politischen Gründen. Der alte Pollmer schmeckt manchem jungen Veganer nicht. Udo Pollmer lässt sich von bösen Texten auf Facebook und im E-Mail-Postfach aber nicht beirren. Er kontert mit Sätzen wie diesen: „Wir sind Säugetiere, das heißt, wir werden in anderen Säugetieren eher das finden, was unser Körper braucht, als in einer Staude am Wegesrand. Wenn Mütter sagen: Mein Kind bekommt weder Milch noch Fleisch, sondern Rohkost und Smoothies, dann frage ich mich, ob das Kind wohl von einer Gurke abstammt. Dann sind rohe Gurken sicher ein vollwertiges Lebensmittel.“

          Was ist los mit diesem Pollmer?

          Pollmer ist komisch. Der Ernst, mit dem die anderen über Ernährung reden, ist ihm fern. Wenn er zum Beispiel auf einer Tagung eines Verbands eine halbe Stunde spricht, zündet er ein Feuerwerk an Ironie, wie man es im Karneval oft vermisst. So eine Rede gerät zum Rundumschlag gegen alle Ernährungsheiligkeiten: Rohkost und Bio, Gemüse und Soja, fettfreies Essen. Das Gift aus „Iß und stirb“ ist nicht mehr Pollmers Kernthema. Abgelöst hat es jener merkwürdig naive Verbrauchertyp, der – in Pollmers Diktion – „handgestreichelte Möhren“ verlangt und glaubt, alles Gute und Böse komme durch den Magen.

          Die Studenten und die Referenten der Verbände, die bei seinen Vorträgen im Publikum sitzen, verdrehen die Augen und schütteln den Kopf, wenn Pollmer spricht. Was ist los mit diesem Pollmer? Er behauptet fest, er sei ganz der Alte: Nicht er habe sich gewandelt, sondern die Welt um ihn herum. Nur, dass er die Veränderungen der Welt mitbekommen habe, und die anderen irgendwie nicht.

          „Meine Generation ist seit 1985 bei ihrer Weltsicht geblieben“, sagt Udo Pollmer. „Sie glaubt immer noch, dass hinter allen bösen Dingen die mächtige Industrie steht, die nur Böses im Sinn hat und der Menschheit Gifte aller Art unterjubelt.“ Damals, sagt er, habe es dafür bessere Gründe gegeben. Krieg und Hunger seien noch zu frisch in Erinnerung gewesen, deshalb habe man sich den Glauben an den technischen Fortschritt auch von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vermiesen lassen wollen. Weil er das in „Iß und stirb“ aufgriff, wurde er ausgelacht. „Aber inzwischen ist das Pendel auf die andere Seite geschwungen. Wenn heute jemandem ein Furz querliegt, dann glaubt er schon, er würde von Handystrahlen durchbohrt.“

          Publizisten versteiften sich auf vorgestrige Probleme

          Am Anfang, um 1980, standen für ihn Beobachtungen aus dem Studium. In einer Vorlesung hieß es: Schadstoffe sind in Deutschland verboten, die brauchen Sie nicht lernen, die gibt’s nicht. Und gegenüber in der Münchner Staatsbibliothek waren die Regale voll mit Zeitschriften, die sich diesen Stoffen widmeten. Es reizte ihn, das Buch zu schreiben. Damals, in den Achtzigern, fuhren die Obstbauern nach seiner Erinnerung jeden Tag mit einer Giftmischung raus und nebelten alles ein, im Ruhrgebiet konnte man vor lauter Ruß aus den Schornsteinen die Wäsche nicht draußen aufhängen, im Rhein gab es kaum noch Fische wegen der giftigen Industrieabwässer.

          Heute sei mit all dem Schluss, doch die Kritik habe sich verselbständigt. Gegen die Probleme von damals, etwa hohe Hormonrückstände im Fleisch, Gefahren durch ausufernden Gebrauch von Pestiziden, seien die heutigen relativ harmlos – etwa die Risiken von Glyphosat oder Bisphenol A in Plastikflaschen. Die Publizisten von heute, meint Pollmer, „reiten tote Pferde einfach weiter, als sei nichts gewesen – dabei gäbe es durchaus neue, ernste Probleme“. Zum Beispiel: Die massive Zunahme von Darmentzündungen durch Rohkost-betonte Ernährung.

          Pollmer hat mit 60 Jahren den Status eines Urviechs erreicht: tiefe Stimme, unbestechlicher Händedruck, Bauch; Matjes in Sahnesoße zum Mittag, Salatbeilage bitte weglassen. Er spricht lange Sätze und viele. Er hat so viel Wissen angesammelt, dass er von einer verstörenden These zur nächsten springt. Ein Laie muss denken: Hat das Hand und Fuß? Fragt man nach, kann er gut begründen. In seiner Wohnung hat er eine Bibliothek aufgebaut mit Hunderten Werken aus der Toxikologie und Esskultur, auch Flugschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus, die Hitler der Jugend als Tierfreund, Vegetarier, spirituellen „Herzensmenschen“, Vorbild der „Zivilcourage“ und konsequenten Verfechter einer reformierten Lebensweise empfehlen.

          Erst Feind der Industrie, jetzt von Ernährungsberatern

          Pollmer dekonstruiert ungeniert. Er sagt, tierisches Fett sei vorteilhaft, Wurstsalat reicher an Vitamin C als Kopfsalat, Pommes für Kinder besser als Pellkartoffeln. Nitrat aus dem Pflanzendünger befördere nicht etwa Krebs, sondern wirke im Magen desinfizierend und reduziere so das Risiko für Lebensmittelinfektionen. Nicht Zucker, sondern Süßstoffe machten dick. Die Begründungen gibt es in Kurzfassung. Zum Fett: Egal wie viel Pflanzenöl ein Mensch verzehrt, sein Körperfett ist stets „tierisches Fett“; die Entwicklung von Milchfett (Butter) die Voraussetzung fürs Säugen, für die Evolution der Säugetiere. Und das soll ungesund sein?

          Zum Wurstsalat: In Kopfsalat ist fast kein Vitamin C enthalten, Wurst dagegen wird aus technischen Gründen viel Vitamin C zugesetzt. Nitrat: wird im Körper zu Nitrit umgewandelt, im Magensaft entsteht ein hochwirksames Desinfektionsmittel, das vor Keimen schützt. Kartoffeln: enthalten giftige Abwehrstoffe, die sie vor Schädlingen schützen sollen – und die das Frittieren unschädlich macht. Süßstoff schließlich: täuscht den Gaumen, weshalb der Appetit auf echten Zucker danach umso größer ist.

          „Wenn Sie solche Informationen finden und popularisieren möchten, dann haben Sie Widerstände ohne Ende“, sagt Pollmer. Die ist er gewohnt. Zuerst kamen sie aus der Industrie, dann von den Ernährungsberatern („krank durch gesunde Ernährung“), den Fitnessleuten, Cholesteringegnern, seit einigen Jahren von den Grünen: Pollmer schrieb, sie hätten die BSE-Krise für ihr Vorhaben einer Agrarwende instrumentalisiert. Und nun sein neues, mit zwei Koautoren verfasstes Buch über die Vorstellung eines besseren veganen Lebens: „Don’t Go Veggie! 75 Fakten zum vegetarischen Wahn“, heißt es. Die These: Der Vegetarismus wird die Welt nicht retten. Klappentext: „Denkt man den Veganismus konsequent zu Ende, bedeutete seine Universalisierung das Ende unserer bisherigen Zivilisation.“

          Pollmer lobt die fettige Küche Südeuropas

          Eines der 75 Argumente gegen den Verzicht auf Fleisch lautet, dass weit mehr als die Hälfte der Agrarflächen auf der Welt Weideland ist – und das müsste dann einfach brach liegen, der lokalen Bevölkerung bliebe das Einkommen aus. Ein anderes: Soja mache in Wahrheit nicht fit, sondern womöglich impotent. Denn es enthalte hohe Dosen an Sexualhormonen. Damit versucht die Pflanze, Fraßfeinde an der Fortpflanzung zu hindern. Eine Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten von Männern, die eine Klinik für Fruchtbarkeitsprobleme aufgesucht hatten, stellte unter ihnen jedenfalls einen auffällig hohen Konsum von Tofu fest. Und Seitan, das Vegetarier als Fleischersatz essen, führt laut Pollmer zu einer Glutenunverträglichkeit. „Eine recht ekelhafte Krankheit, von der vor allem die Ernährungsberaterinnen profitieren.“

          Wenn Seriosität und Klamauk zwei Glastürme wären, könnte man sagen: Pollmer poltert wie ein Elefant zwischen ihnen hin und her. Auf Youtube zerpflückt er kurzweilig aktuelle Bücher, welche die Gesundheit vegetarischen Essens belegen sollen, aber Fakten nicht standhalten. Einmal lobt er die fettige Küche Südeuropas, reich an Fleisch, reich an Rotwein, wo auch das letzte Vitamin noch zerkocht wird: „Sie verstoßen gegen alle Ernährungsregeln, die wir aufgestellt haben, und alles das führt dann auch noch dazu, dass die Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich niedriger sind als bei uns.“

          Die Ernährungsberater lieben ihn nicht. Auch nicht Politiker, die das Übergewicht der Menschen mit Gesetzen bekämpfen und die Gesundheit mit Subventionen fördern wollen. In seiner kleinen Zeitschrift „Eulenspiegel“ galoppiert Pollmer sein Humor immer wieder davon. Ein Bild von Tauben ist unterschrieben mit „Flugratten“, Titelgeschichten stecken voller Polemik: „Macht kaputt, was uns kaputtmacht – nieder mit Forschung und Technik!“ Aber kein Text kommt ohne wissenschaftliche Fußnoten aus.

          „Spendensammlerorganisationen“ wie Greenpeace

          Die Agrarindustrie dagegen, die vor Jahrzehnten nach Pollmers Darstellung noch durch Anrufe in Redaktionen versucht hat, ihn mundtot zu machen, hat ihn plötzlich lieb. Landwirtschaftsnahe Vereine laden ihn, den sie früher als Feind sahen, als Referenten ein. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sei es gelungen, sagt Pollmer heute, die meisten Menschen satt zu kriegen: Vor 150 Jahren hätten 80 Prozent der Deutschen auf dem Feld oder im Stall arbeiten müssen, als Mägde und Knechte. „Dass ich die Freiheit hatte, Lebensmittelchemie studieren zu dürfen, verdanke ich der hohen Produktivität der Landwirte. Dieses Licht ist mir erst später aufgegangen.“

          Udo Pollmer versteht sich selbst als Aufklärer – und die anderen als Angstmacher. Greenpeace, den BUND und Foodwatch nennt er Spendensammlerorganisationen. Denen gehe es „nicht um Gesundheit, sondern um Gesundheitssymbole, die dafür gut sind, um an Spenden oder Geld vom Staat zu kommen.“ Pollmer sagt, die Medien seien ein Grund dafür, dass das so gut funktioniere. Er hat zwar selbst nie in einer Redaktion gearbeitet, glaubt aber zu wissen, dass sich meist Vegetarier melden, wenn es darum geht, wer über die Themen Essen und Landwirtschaft schreibe. Und das Internet? „Ist wie eine Güllegrube mit Desinformation gefüllt, aus denen dann Hunderttausende ihr Wissen saugen.“

          Zu den Talkshows, die auch er gelegentlich besucht, stellt Pollmer fest: „Je weniger Ahnung einer hat, desto größer seine Chance, als Sieger aus dem Diskurs herauszugehen. Wer in einer komplexen Welt Zusammenhänge erklären will, wird leicht mit Schlagworten ausgekontert.“ Inzwischen sagen aber, so will Pollmer es gehört haben, auch die Vertreter von Nichtregierungsorganisationen bisweilen ihre Teilnahme an Gesprächsrunden ab, wenn sie gemeinsam mit ihm eingeladen werden. Nun ist es deren Arroganz, die ihn motiviert.

          Nur eine Frage im Gespräch beantwortet er kurz, und zwar mit einem einzigen Wort: „Herr Pollmer, wird das Thema Ernährung eigentlich überschätzt?“ – „Ja.“ Dann schweigt er kurz und lacht laut. „Ja. Es ist ganz einfach. Ja.“

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