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Udo Pollmer : Der Veganerfresser

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Heute sei mit all dem Schluss, doch die Kritik habe sich verselbständigt. Gegen die Probleme von damals, etwa hohe Hormonrückstände im Fleisch, Gefahren durch ausufernden Gebrauch von Pestiziden, seien die heutigen relativ harmlos – etwa die Risiken von Glyphosat oder Bisphenol A in Plastikflaschen. Die Publizisten von heute, meint Pollmer, „reiten tote Pferde einfach weiter, als sei nichts gewesen – dabei gäbe es durchaus neue, ernste Probleme“. Zum Beispiel: Die massive Zunahme von Darmentzündungen durch Rohkost-betonte Ernährung.

Pollmer hat mit 60 Jahren den Status eines Urviechs erreicht: tiefe Stimme, unbestechlicher Händedruck, Bauch; Matjes in Sahnesoße zum Mittag, Salatbeilage bitte weglassen. Er spricht lange Sätze und viele. Er hat so viel Wissen angesammelt, dass er von einer verstörenden These zur nächsten springt. Ein Laie muss denken: Hat das Hand und Fuß? Fragt man nach, kann er gut begründen. In seiner Wohnung hat er eine Bibliothek aufgebaut mit Hunderten Werken aus der Toxikologie und Esskultur, auch Flugschriften aus der Zeit des Nationalsozialismus, die Hitler der Jugend als Tierfreund, Vegetarier, spirituellen „Herzensmenschen“, Vorbild der „Zivilcourage“ und konsequenten Verfechter einer reformierten Lebensweise empfehlen.

Erst Feind der Industrie, jetzt von Ernährungsberatern

Pollmer dekonstruiert ungeniert. Er sagt, tierisches Fett sei vorteilhaft, Wurstsalat reicher an Vitamin C als Kopfsalat, Pommes für Kinder besser als Pellkartoffeln. Nitrat aus dem Pflanzendünger befördere nicht etwa Krebs, sondern wirke im Magen desinfizierend und reduziere so das Risiko für Lebensmittelinfektionen. Nicht Zucker, sondern Süßstoffe machten dick. Die Begründungen gibt es in Kurzfassung. Zum Fett: Egal wie viel Pflanzenöl ein Mensch verzehrt, sein Körperfett ist stets „tierisches Fett“; die Entwicklung von Milchfett (Butter) die Voraussetzung fürs Säugen, für die Evolution der Säugetiere. Und das soll ungesund sein?

Zum Wurstsalat: In Kopfsalat ist fast kein Vitamin C enthalten, Wurst dagegen wird aus technischen Gründen viel Vitamin C zugesetzt. Nitrat: wird im Körper zu Nitrit umgewandelt, im Magensaft entsteht ein hochwirksames Desinfektionsmittel, das vor Keimen schützt. Kartoffeln: enthalten giftige Abwehrstoffe, die sie vor Schädlingen schützen sollen – und die das Frittieren unschädlich macht. Süßstoff schließlich: täuscht den Gaumen, weshalb der Appetit auf echten Zucker danach umso größer ist.

„Wenn Sie solche Informationen finden und popularisieren möchten, dann haben Sie Widerstände ohne Ende“, sagt Pollmer. Die ist er gewohnt. Zuerst kamen sie aus der Industrie, dann von den Ernährungsberatern („krank durch gesunde Ernährung“), den Fitnessleuten, Cholesteringegnern, seit einigen Jahren von den Grünen: Pollmer schrieb, sie hätten die BSE-Krise für ihr Vorhaben einer Agrarwende instrumentalisiert. Und nun sein neues, mit zwei Koautoren verfasstes Buch über die Vorstellung eines besseren veganen Lebens: „Don’t Go Veggie! 75 Fakten zum vegetarischen Wahn“, heißt es. Die These: Der Vegetarismus wird die Welt nicht retten. Klappentext: „Denkt man den Veganismus konsequent zu Ende, bedeutete seine Universalisierung das Ende unserer bisherigen Zivilisation.“

Pollmer lobt die fettige Küche Südeuropas

Eines der 75 Argumente gegen den Verzicht auf Fleisch lautet, dass weit mehr als die Hälfte der Agrarflächen auf der Welt Weideland ist – und das müsste dann einfach brach liegen, der lokalen Bevölkerung bliebe das Einkommen aus. Ein anderes: Soja mache in Wahrheit nicht fit, sondern womöglich impotent. Denn es enthalte hohe Dosen an Sexualhormonen. Damit versucht die Pflanze, Fraßfeinde an der Fortpflanzung zu hindern. Eine Untersuchung der Ernährungsgewohnheiten von Männern, die eine Klinik für Fruchtbarkeitsprobleme aufgesucht hatten, stellte unter ihnen jedenfalls einen auffällig hohen Konsum von Tofu fest. Und Seitan, das Vegetarier als Fleischersatz essen, führt laut Pollmer zu einer Glutenunverträglichkeit. „Eine recht ekelhafte Krankheit, von der vor allem die Ernährungsberaterinnen profitieren.“

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