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„Tyrannei des Marktes“ : Die Kirche verachtet die Reichen

Papst Franziskus geißelt die „Tyrannei des Marktes“ Bild: AP

Papst Franziskus schreibt gegen die Tyrannei des Marktes und geißelt den Reichtum. Das entspricht christlicher Tradition. Bloß für die Armen springt dabei nichts heraus.

          Mit starken Worten stemmt sich Papst Franziskus gegen die „Tyrannei des Marktes“. Nicht die Reichen, sondern die Armen sind seine Freunde. Er will eine Kirche für die Armen, eine Kirche, „die zwar verbeult, verletzt und beschmutzt ist, doch auf die Straße hinausgegangen ist“ – zu den Armen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So steht es in einem 180 Seiten starken Sendschreiben des argentinischen Papstes, das vergangene Woche der Weltkirche zur Kenntnis gegeben wurde. Ein Sendschreiben ist kein Dogma, auch keine Enzyklika. Aber es ist mehr als eine Privatmeinung des Papstes. Mindestens als eine Art ökonomische Grundsatzschrift des Heiligen Vaters muss man das Dokument behandeln.

          Und da lässt Franziskus keinen Zweifel. „Ideologien, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen“, verabscheut er. „Theorien, die davon ausgehen, dass jedes vom freien Markt begünstigte Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit und soziale Einbindung in der Welt hervorruft“, hält er für irrig. Ein Verteidiger des Privateigentums ist dieser Papst wahrlich nicht: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“

          Utopie eines christlichen Kommunismus

          Es mag sein, dass Franziskus einen besonders grobschlächtigen Antikapitalismus vertritt. Dessen Kern jedoch geht konform mit der biblischen Tradition des Christentums, mag es einem passen oder nicht. Das Christentum hatte immer schon ein äußerst distanziertes Verhältnis zum privaten Eigentum und verabscheute den Reichtum. Wenn Franziskus sagt, die Güter der Reichen gehörten in Wirklichkeit den Armen, zitiert er nur Johannes Chrysostomus, einen Theologen des 4. Jahrhunderts. Die Evangelien loben jene, die um der Nachfolge Jesu willen all ihren persönlichen Besitz den Armen geben. Denn bekanntlich geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt (Lukas 18,25). Erst später, im Himmel, wird mit einem „Schatz“ belohnt, wer sich hienieden seiner Schätze entledigt und Almosen gibt.

          Zwar waren die Apostel, die Jesus um sich sammelte, ganz erfolgreiche Kleinunternehmer aus der Gegend des Kinereth (See Genezareth) – gesunder Mittelstand, würde man heute dazu sagen. Doch gepredigt haben sie die Armut und nicht die Tugenden der Kaufleute und des Unternehmertums. Es ist nicht zu übersehen, dass das Neue Testament geprägt ist von der Überzeugung, es wäre besser, wenn allen alles gemeinsam gehörte. Diese Utopie eines christlichen Kommunismus übt bis heute auf viele eine große Verführungskraft aus. „Die Gläubigen hatten alles gemeinsam; sie verkauften Güter und Grundbesitz und teilten untereinander alles gemäß der jeweiligen Bedürftigkeit“, heißt es in der Apostelgeschichte. Dieser Urkommunismus ist Vorschein des paradiesischen Jenseits: Gleichheit in christlicher Brüderlichkeit.

          „Das Elend des Reichtums“ ist dieser Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert überschrieben. Er setzt das Gleichnis vom Nadelöhr, durch das kein Kamel passt, ins Bild

          Das sind keine guten Voraussetzungen für eine positive Einstellung zu Markt, Wettbewerb, Reichtum oder gar Luxus. Die im Diesseits von Menschen erwirtschafteten Güter unterliegen für die Christen allemal einem Vorbehalt. Der Markt schafft Wohlstand und verführt zur Orientierung am Diesseits und am Konsum, der unfrei macht. Aber schlimmer noch: Der Markt schafft Ungleichheit. Denn der Wohlstand wird nicht gleich verteilt. Zwischen Arm und Reich klafft eine Kluft. „Ebenso wie das Gebot ,Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze zieht, müssen wir heute ein ,Nein‘ zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen sagen“, heißt es bei Franziskus.

          Genau darin liegt für die Kritiker des Christentums – von Edward Gibbon bis Friedrich Nietzsche – der Skandal: Es ist eine Religion, die den Menschen ihren wirtschaftlichen Erfolg madig macht. Für Nietzsche steht fest, dass es das Christentum war, jene egalitäre Religion der Zukurzgekommenen, die das Römische Reich – eine Welt globalen Wohlstands („Commonwealth“) – mit seiner Moral der Zukurzgekommenen zu Fall gebracht hat. Das von der Religion erzeugte schlechte Gewissen kann den Erfolgreichen die Freude vergällen. Kreativität und das ehrgeizige Streben nach Reichtum wurden fürderhin als amoralisch denunziert.

          Die Christen predigten Armut - und in Europa gingen die Lichter aus

          Das kommt den Christen gerade recht, bestärkt es doch die Konzentration auf eine „andere“, jenseitige Welt. Augustinus’ Antwort auf die Zerstörung Roms war der „Gottesstaat“: als Linderung und Relativierung der irdischen Geschehnisse. Das Ressentiment wendet sich von der Gegenwart ab. Der Christ lebt in Distanz zur Welt, zu irdischem Tand, Besitz und Luxus. „Das Christenthum war der Vampyr des Imperium Romanum“, heißt es bei Nietzsche. Es hat die Nachgeborenen um die Ernte der antiken Kultur gebracht und „die ungeheure That der Römer, den boden für eine grosse Cultur zu gewinnen, die Zeit hat, über Nacht ungethan gemacht“. Der Welt predigten die Christen Armut – und in Europa gingen seit dem 5. Jahrhundert die Lichter aus. Das schlechte Gewissen wirkte als Wohlstandsbremse, brachte aber zugleich auch eine große neue Ungleichheit zwischen Arm und Reich hervor. Richtig reich waren im Mittelalter nur Klerus und Mönche, die Laien blieben bettelarm.

          Nur ganz selten – in der spanischen Spätscholastik des 16. Jahrhunderts oder in der praktischen Kaufmannsethik der toskanischen Frührenaissance – finden sich Ansätze zu einem positiven Reichtumsbegriff, der sowohl mit natürlichem wie auch mit göttlichem Recht vereinbar ist: Der Schutz des Privateigentums, schreiben die spanischen Scholastiker, garantiere, dass die Menschen die Schöpfung nicht verkommen lassen. Alle Nächstenliebe und aller christliche Altruismus setzen die Möglichkeiten des wirtschaftlichen Erfolges notwendig voraus. Denn verteilen könne nur, wer etwas hat. Genauso setzt auch das Gebot, nicht zu stehlen, das Privateigentum voraus. Die altruistische Ethik ist angewiesen auf das egoistische Ethos des Gewinnstrebens.

          Die italienischen Kaufleute der Renaissance bedienten sich zur Legitimation des Reichtums eines schöpfungstheologischen Arguments: So hart wie Gott gearbeitet hatte, um seine Schöpfung so gut wie möglich – also perfekt – zu machen, so sehr sollten auch die Florentiner Kaufleute sich anstrengen, um am Ende dafür eine gerechte materielle Belohnung zu erhalten. Kaufmännische Arbeit ist Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, also gut und gottgefällig.

          Auch die Protestanten haben ein gebrochenes Verhältnis zum Kapital

          Doch all das bleibt theologische Ausnahme. Der abendländische Mainstream des Christentums fließt woanders. Auch die protestantischen Reformatoren haben ein gebrochenes Verhältnis zum privaten Kapital. „Wenn wir auch von Natur aus nicht ruchlos wären, so wäre doch das Eigentum Sünde genug, dass Gott uns verdammte. Denn was er uns frei gibt, machen wir zu Eigentum“, schreibt der Züricher Reformator Huldrych Zwingli: Gott hat den Menschen die Erde hinterlassen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Ein Geschenk kann man aber nicht in Besitz umwandeln, es bleibt immer Leihgabe. Wer auf das, was ohne Ansprüche übereignet wurde, Ansprüche erhebt, begeht eine Sünde. Kein Wunder, dass eine marktwirtschaftliche Ordnung es bei Christen nicht leicht hat, denn sie beruht auf dem Pathos des Individualismus und dem Respekt vor dem Privateigentum. Wo aber der Besitzt suspekt ist, da können auch Unternehmertum und Gewinnmaximierung nicht gedeihen. Und jeglicher Profit wird als Übel denunziert.

          Das sieht in der katholischen Soziallehre nicht anders aus. Zu ihren Charakteristika gehört es, dass sie in der Frage der Wirtschaftsordnung stets extrem skeptisch bleibt. Die großen Sozialenzykliken der Päpste – von „Rerum Novarum“ (Leo XIII., 1891) bis „Centesimus Annus“ (Johannes Paul II., 1991) – haben ein gebrochenes Verhältnis zum Privateigentum. Dankbar bediente man sich angesichts der verstörenden Erfahrung der Industrialisierung der eigentumsfeindlichen Rhetorik des frühen Christentums. Das Hauptübel seiner Zeit sah Papst Leo XIII. in der vom Liberalismus verursachten Ausbeutung der übergroßen Mehrheit der Menschen durch wenige Reiche. Am ehesten noch konnte sich Johannes Paul II. zu einem verhalten positiven Verhältnis zum Markt durchringen: Karol Wojtyła hatte im polnischen Krakau den Kommunismus erlebt und im Westen die Überlegenheit freier Märkte erfahren. Bei ihm heißt es, fast mit Anklängen an die Freiburger Schule des Neoliberalismus, die Marktwirtschaft setze „die Sicherheit der individuellen Freiheit und des Eigentums sowie eine stabile Währung“ voraus.

          Dem Heiligen Geist eine Option für den Wohlstand zugestehen

          Dem neuen Papst Franziskus dagegen ist diese Tradition, sollte er überhaupt von ihr Kenntnis haben, zutiefst suspekt. Er ist geprägt von der Wirtschaftsgeschichte Argentiniens und der in Lateinamerika verbreiteten spätmarxistischen „Theologie der Befreiung“, die auch hierzulande bis heute viele Menschen anzieht. Man organisiert „Basisgemeinden“ und sieht sich als „Anwalt der Armen“. Seit der Zweiten Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz im Jahr 1968 im kolumbianischen Medellín gilt die „Option für die Armen“ als Auftrag für Kirche und Theologie. Damit ist gerade nicht beabsichtigt, die Armen aus ihrer Armut zu befreien und zu Reichtum zu führen. Das unterläge dem biblischen Verdikt, wonach das Kamel nicht durch das Nadelöhr und der Reichen nicht in den Himmel kommen. Eher schon geht es um eine mal vage, mal konkret ausgemalte Umwälzung der Wirtschaft in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft der Gleichen.

          Bis heute, bald 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, ist die katholische Kirche nicht bereit einzugestehen, dass die Theologie der Befreiung Lateinamerikas dramatisch gescheitert ist. Denn sie vermochte es nicht, die Armen in ein urchristliches Reich des innerweltlichen Egalitarismus zu überführen. Zugleich verbot ihr das antikapitalistische Ressentiment, dass mit ihrer Hilfe den Armen der Aufstieg in bessere Einkommensschichten gelingen konnte. Dass den Katholiken Lateinamerikas scharenweise die Gläubigen davon- und zu den Pfingstkirchen überlaufen, bringt die Kirche nicht in Zusammenhang mit diesem Versagen.

          „Religionssoziologen haben gezeigt, dass fromme Pfingstler dank der dichten Kommunikationsstrukturen in den Gemeinden ungleich mehr Sozialkapital bilden und akkumulieren als die Katholiken“, berichtet der Theologe Friedrich Wilhelm Graf. In den Pfingstgemeinden werden harter Fleiß und die Fähigkeit zu sozialem Aufstieg religiös prämiert und nicht befreiungstheologisch diskreditiert. Der traditionelle Katholizismus Südamerikas kann darin nur abschätzig „Health and Wealth Christianities“ erkennen, Sektierer, die Gesundheit, Glück, Aufstieg und Erfolg theologisch überhöhen und dem Heiligen Geist eine Option für den Wohlstand (anstatt der Option für die Armen) zugestehen.

          Er hat nur Barmherzigkeit und Almosen anzubieten

          Als langjähriger Bischof von Buenos Aires hat Papst Franziskus das Los der Verelendung seiner Landsleute stets angeprangert und sich theologisch auf die Seite der „Option für die Armen“ geschlagen. Auf die Idee, dass die Staatspleite Argentiniens in den Jahren 2001 und 2002 mit ihren verheerenden sozialen Folgen eine Konsequenz von Staatsversagen sein könnte, kommt er nicht. Für ihn ist das alles Marktversagen, ein Zeichen der „Tyrannei der Märkte“ und eines ungezügelten Kapitalismus: „Diese Wirtschaft tötet.“ Dass sich in anderen Ländern Lateinamerikas im Gefolge marktwirtschaftlicher Reformen Armut und Ungleichheit verringert haben, nimmt er nicht zur Kenntnis.

          Kein Wort steht im päpstlichen Sendschreiben davon, dass heute in der Welt grob gerundet eine Milliarde Menschen weniger unter extrem unmenschlichen Bedingungen von Hunger und Krankheit leben als vor zwanzig Jahren. Verantwortlich dafür sind die Wachstumserfolge einer kapitalistischen Wirtschaft. Allein in China fanden durch die Marktöffnung Deng Xiaopings seit den späten siebziger Jahren fast 700 Millionen Menschen einen Ausweg aus der Armut.

          Weil Papst Franziskus die theologisch begründeten Ressentiments des Christentums gegenüber den Reichen teilt, hat er den Armen nur Barmherzigkeit und Almosen anzubieten. Es ist das Konzept der Mutter Teresa in Kalkutta. Dass es zur Überwindung der Armut Marktwirtschaft und Kapitalismus braucht, kann dieser Papst nicht sehen.

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